In Wiener Neustadt entsteht Österreichs größtes Krebsforschungszentrum

In Wiener Neustadt entsteht Österreichs größtes Krebsbehandlungs- und Forschungszentrum MedAustron. Innovative Strahlentherapien sollen Heilung bringen.

Derzeit bestimmen Bagger das Geschehen. Auf einer Fläche von 3,2 Hektar wühlen sich Baumaschinen ins Erdreich, auf dem in den nächsten zwei Jahren Österreichs größtes Krebsbehandlungs- und -forschungszentrum MedAustron im neuen Wr. Neustädter Viertel „Civitas Nova“, zwischen dem Zentrum und dem Flugplatz Ost gelegen, entstehen soll. Offizieller Start für das 200 Millionen Euro teure Großprojekt ist am 16. März. Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll und Wissenschaftsministerin Beatrix Karl schreiten dann zur Grundsteinlegung.

Heilung mit innovativen Strahlen

Mit MedAustron wird ein Tumorbehandlungs-Ambulatorium und Zentrum für klinische und nicht klinische Forschung mit Ionenstrahlen errichtet. Für die Bestrahlung kommen Protonen und Kohlenstoffionen zum Einsatz. Sie funktionieren zwar nach dem gleichen Prinzip wie herkömmliche Strahlentherapien bei der Krebsbekämpfung, wie sie in Österreich derzeit in 14 Zentren an verschiedenen Krankenhäusern durchgeführt werden. Der wesentliche Unterschied besteht aber in der Charakteristik des Strahls, der bei MedAustron erzeugt wird: Dieser durchdringt nicht das ganze Gewebe, sondern ist der Länge nach bis zu 27 Zentimeter einstellbar, sodass jeder Punkt des Körpers erreicht werden kann. Die Wirkung des Strahls entfaltet sich zum Großteil an dessen eingestelltem Endpunkt. Damit gelingt es, das Gewebe vor dem Tumor mit weitaus geringerer Energie zu durchstrahlen, als das bei herkömmlichen Bestrahlungstherapien der Fall ist. Mit einem dreidimensionalen Scanning-System lassen sich alle Punkte in einem lokalisierten Tumor millimetergenau bestrahlen.

„Bisherige Studien zeigen Erfolge bei Primärtumoren ohne Metastasierung, die sich in der Nähe strahlensensibler Organe befinden“, sagt Ramona Mayer, medizinische Leiterin des Projekts. „Durch die Nebenwirkungsarmut ist die Bestrahlung vor allem auch bei krebskranken Kindern gut geeignet.“ Die Erwartungshaltung in der Ionentherapie „liegt vor allem in der Verbesserung der therapeutischen Ergebnisse von Krebserkrankungen, die sich mit der konventionellen Strahlentherapie nicht optimal behandeln lassen, dazu gehören etwa Sarkome (Bindegewebs- und Knochenkrebs) sowie Lungentumore“, weiß Dietmar Georg, Leiter der Abteilung Medizinische Strahlenphysik an der MedUni Wien und Mitglied des medizinischen Beiratsausschusses von MedAustron.

Behandlungen mit Kohlenstoffionen werden bisher nur in Japan, Deutschland und Italien angewandt. „MedAustron wird unter den ersten fünf Zentren ähnlicher Funktionalität in Europa vorn mit dabei sein“, sagt Martin Schima, Geschäftsführer der Errichtungsgesellschaft EBG MedAustron.

1.200 PatientInnen jährlich

Ab 2015 sollen in dem neuen Krebstherapie-Ambulatorium rund 1.200 PatientInnen behandelt werden. Das entspricht ungefähr jener Anzahl von Krebserkrankten, die nach Schätzungen von MedizinerInnen von dieser neuen Behandlungsmethode profitieren könnten. Im Vollbetrieb sollen jährlich bis zu 24.000 Bestrahlungsvorgänge durchgeführt werden.

Kooperation mit CERN

2013 wird der Probebetrieb in Wiener Neustadt aufgenommen. Die Strahlenerzeugung erfolgt mittels eines sogenannten Synchrotrons. Das ist ein Kreisbeschleuniger, der aus Hunderten Elektromagneten besteht, durch den die Teilchen nahezu bis auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden. Aus dem Beschleunigerring werden die Teilchen durch die Strahlzuführungen in die Behandlungs- und Forschungsräume geleitet.

Das Funktionsprinzip des MedAustron ist das gleiche wie im europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf, dem größten Institut für Teilchenphysik der Welt. MedAstron hat natürlich wesentlich kleinere Ausmaße, will aber das Knowhow von CERN nutzen und hat daher eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen. Ein MedAustron-Team von derzeit 34 Mitarbeitern führt die Planung des Beschleunigers und Teile des Probebetriebs gemeinsam mit CERN-Experten durch. Diese Fachleute werden in den nächsten Jahren nach Wiener Neustadt wechseln und dort den Einbau des Teilchenbeschleunigers leiten und vorantreiben.

Nötig dafür sind auch speziell beschichtete Elektrobänder. Sie kommen von der voestalpine, die die Ausschreibung gewann. Auftragswert: eine Million Euro. Aus den Elektrobändern werden die etwa 300 Elektromagneten in dem Teilchenbeschleuniger gefertigt.

Wirtschaftliche Erwartungen

Das Projekt MedAustron sollte ursprünglich als Public-Private-Partnership-Modell durchgeführt werden. Private Investoren wollten sich allerdings mit Garantien und Ausfallshaftungen absichern. Jetzt wird allein mit Mitteln von Bund, Land und Stadt sowie EU-Förderungen gebaut. Der Bund übernimmt auch die Betriebskosten für den nicht klinischen Forschungsbereich von jährlich 5,5 Millionen Euro. Die Betriebskosten für den Ambulatoriumsbereich sollen sich über die Einkünfte aus den Behandlungen selbst finanzieren. Wiener Neustadt stellte das Grundstück zur Verfügung und beteiligt sich zu einem kleinen Anteil auch an den Baukosten.

Die Erwartungen bezüglich wirtschaftlicher und Arbeitsmarkt-Impulse durch das neue Zentrum sind hoch. Das betrifft in einer ersten Ausbaustufe die Bautätigkeit, die mehr als 200 Arbeitsplätze schaffen könnte. Im Behandlungs- und Forschungsbetrieb sollen 170 neue Jobs entstehen.

Einen Wertschöpfungs- und Kaufkrafteffekt soll aber auch die Ausrichtung des MedAustron als Ambulatorium bringen. Der Zustrom von Patienten aus Österreich und den Nachbarländern – Kooperationen mit ungarischen Medizinzentren sind vorgesehen – sollte zu einem höheren Aufkommen beim Gesundheitstourismus beitragen.

Interdisziplinäre Krebsforschung

„Es entspricht dem Selbstverständnis von MedAustron, sich nicht als isoliertes Wundermittel gegen Krebs zu präsentieren, sondern gemeinsam mit den erfahrensten Wissenschaftlern im Bereich der Krebsdiagnose und Therapie eine sinnvolle Ergänzung zu unserem Gesundheitssystem zu bieten“, sagt MedAustron-Geschäftsführer Schima. In Wiener Neustadt wird daher zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit im In- und Ausland eingeladen.

Therapien mit dem neuen Teilchenbeschleuniger fallen zwar in den Bereich der Radiologie, aber Krebsforschung ist ein interdisziplinäres Geschehen. So betreibt etwa Oncotyrol in Innsbruck ebenfalls Grundlagenforschung, aber im Bereich Immuntherapie. Oncotyrol wurde 2008 als PPP-Projekt mit einem Volumen von 24 Millionen Euro gegründet, wird zu 55 Prozent von der öffentlichen Hand gefördert und widmet sich der Forschung mit dendritischen Zellen, der Suche nach Biomarkern und der Entwicklung von diagnostischen Tests.

„Wir betreiben personalisierte Krebsmedizin, das heißt, wir suchen nach neuen Behandlungsmethoden, die auf die individuellen Eigenschaften eines Tumors abgestimmt sind“, sagt Lukas A. Huber, wissenschaftlicher Leiter von Oncotyrol. Das Institut muss sich im Herbst einem Hearing der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) stellen, weil der Förderzeitraum 2012 abläuft. „Da wird geprüft, wie gut wir waren, welche Anwendungen möglich waren, wie viele Patente wir angemeldet haben und welche Projekte für die nächsten Jahre erfolgversprechend sein könnten“, sagt Huber. Dann entscheidet die FFG, ob nochmals für vier Jahre Fördermittel genehmigt werden.

Für strenge wirtschaftliche und wissenschaftliche Prüfungen hat MedAustron noch ein paar Jahre Zeit.

– Doris Gerstmeyer

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