"In einer Situation, wo es um die Wurst geht, gibt es keine Tabus mehr"

"In einer Situation, wo es um die Wurst geht, gibt es keine Tabus mehr"

FORMAT : Für 2012 weist Baumax einen Gesamtverlust von 126 Millionen Euro aus. Wie kam es zu so einem tiefroten Ergebnis?

Martin Essl : 2012 war ein ganz ein schwieriges Jahr für uns. Als die Ergebnisse drastisch in die Verlustzone fielen, haben wir in der zweiten Hälfte 2012 die Restrukturierung eingeleitet, mit Michael Hürter einen in diesem Bereich international sehr erfahrenen Manager geholt und die ersten Maßnahmen gesetzt. Drei Jahre, bis 2015, wird die Restrukturierung dauern, das ist so mit den Banken fixiert.

Welche Länder verursachten besonders hohe Verluste?

Essl : Unsere Sorgenkinder sind Rumänien, Kroatien und Slowenien. Dort merkt man die schlechte Wirtschaftslage, die hohe Arbeitslosigkeit, dass Banken weniger Kredite für Wohnraum-Schaffung zur Verfügung stellen. In der Türkei sind wir mit der Expansion erst 2010 gestartet, daher sind hier noch entsprechende Anfangskosten.

Sie haben hohe Abwertungen vorgenommen. Was wurde alles abgeschrieben?

Essl : Etwa die Beteiligungen in Zentral- und Südosteuropa. So haben wir auch in Rumänien die Beteiligung auf Null abgeschrieben, so als würde dieses Land in Zukunft nie mehr Erträge machen. Wenn es wieder bergauf geht - und wir sind überzeugt, dass Zentraleuropa wieder kommen wird -, dann kann man irgendwann wieder aufwerten.

In der Branche heißt es, Kingfisher bemühe sich um Baumax-Standorte in Rumänien, auch Adeo wird Interesse nachgesagt. Wie reagieren Sie auf dieses Liebeswerben?

Essl : In Rumänien sind die besten Standorte für Baumärkte bereits besetzt, meistens mit einer Baumax-Filiale. Daher kann ich mir gut vorstellen, dass es Interesse gibt. Aber es gibt aktuell keine Verhandlungen.

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Besteht die Möglichkeit, dass sich Baumax aus manchen Ländern zurückzieht?

Essl : Derzeit ist das nicht der Plan. Wir lassen uns immer aber alle Optionen offen, je nach Entwicklung. So werden zum Beispiel in der Türkei sicher Konsolidierungen stattfinden, aber das beobachten wir nur, erste Priorität für uns ist die Restrukturierung.

Wie wird bei Baumax umgebaut?

Essl : Das Restrukturierungskonzept beinhaltet viele Aspekte: Wir haben alle Schrauben im Unternehmen drei Mal umgedreht. In einer Situation, wo es um die Wurst geht, gibt es keine Tabus mehr, da muss man fragen, was hilft dem Unternehmen und stärkt es. Wir haben die Kosten genau durchforstet und sie reduziert. So einen Restrukturierungsprozess würde ich dem Staat nach der Wahl übrigens auch empfehlen, denn es ist erstaunlich, welche Einsparungen erzielbar sind.

Sie haben sich auch von Mitarbeitern getrennt.

Essl : Ja, das war besonders schmerzhaft. Heuer haben wir uns von vier Standorten getrennt, im vergangenen Jahr von drei. Nicht betriebsnotwendige Vermögensgegenstände wie Grundstücke für Expansionen wurden veräußert, die Expansion wurde gestoppt. Es dauert fünf Jahre, bis man alle Genehmigungen hat, um einen neuen Markt zu errichten, daher gab es trotz der angezogenen Handbremse heuer noch drei Markteröffnungen.

Was wurde im Sortiment geändert?

Essl : In Bulgarien beispielsweise hat sich die Kaufkraft seit 2008 nahezu halbiert. Daher mussten die Sortimente auf die geänderte Situation ausgerichtet werden, also dass nicht mehr so viel neue Häuser gebaut werden, sondern die Wohnungen umgebaut werden. Wir sehen zwar keinen Rückgang der Kundenfrequenz, aber sie kaufen deutlich weniger ein als früher. Wir haben mehr Exklusiv- und Eigenmarken, haben internationale Lieferanten gebündelt, wir haben verstärkt regionale Waren und Produkte vor Ort, die von der Qualität nicht mit den österreichischen vergleichbar sind, aber die können sich die Leute nicht mehr leisten. Unser Balanceakt war, durch Prozessoptimierung die administrativen Tätigkeiten zu reduzieren und somit trotz Personalreduktion mehr Zeit für den Verkauf sicherstellen zu können. Die Nicht-Heimwerker sollen erstens durch die Gartenabteilungen angesprochen werden und zweitens auch, dass wir den Einbau etwa eines neuen Bades organisieren können.

Aber gibt das nicht Probleme mit der Gewerbeberechtigung?

Essl : Nein, weil wir da mit regionalen Professionisten zusammenarbeiten. Der große Vorteil für den Kunden ist, dass er bei uns eine Gewährleistung von fünf Jahren bekommt. Das bekommt man bei keinem Installateur.

Gibt es Trends in der Baumarktbranche?

Essl : Es gibt viele Innovationen. Etwa intelligente Blumentöpfe, die über mehrere Wochen die Erde richtig feucht halten. Ich habe mir vor kurzem eine neue Bohrmaschine mit Laser gekauft. Energiesparen ist nach wie vor ein Trend. Wir bilden Kinder etwa zu Energiespar-Detektiven aus. Oder barrierefreie Bäder. Wir setzen bei Baumax auch voll auf Online, um dort das Geschäft aufzubauen.

Wie läuft es denn 2013?

Essl : 2012 war in der Gruppe das operative Ergebnis vor Zinsen und Abschreibungen (EBITDA) ganz leicht positiv, aber 2012 war ein Horrorjahr für uns. Wir haben uns vorgenommen, heuer ein zweistelliges positives operatives Ebitda zu erreichen. Und das sieht gut aus, obwohl das Wetter uns heuer nicht hold war. Ich bin zuversichtlich und überzeugt, dass der Baumax wieder zur alten Stärke kommt. Wir haben eine Marke und eine Bekanntheit wie kein anderes Unternehmen in unserer Branche. In Zentraleuropa kennt man uns zu 90 Prozent. Ich war mit meinem Vater im November 1989 in Prag am Wenzelsplatz, wir waren die erstenWesteuropäer, die in diese Märkte gegangen sind und haben Großflächenmärkte für Heimwerker in diese Länder gebracht.

Das heurige Jahr ist für Familienhandelsunternehmen sehr turbulent, Kika/Leiner wurde verkauft, Eybl gab Anteile ab...

Essl : Ich glaube, dass jedes Unternehmen eine andere Situation hat. Der Handel ist geprägt von Familienunternehmen, und Familien werden auch morgen noch eine ganz große Rolle spielen. Es kann gute Deals für beide Seiten geben, etwa der Verkauf von Wlaschek an Rewe. Wir haben als Familie durch die Einbringung der Immobilien und Kapital die Finanzbasis des Unternehmens deutlich verstärkt und auch klar zum Ausdruck gebracht, dass wir zu Baumax stehen.

Robert Hartlauer hat dieser Tage Kritik am österreichischen Handels-Kollektivvertrag geübt, weil die Normalarbeitszeit zu kurz sei. Wie sehen Sie das?

Essl : Ich seh da kein Problem und bin mit den Rahmenbedingungen in Österreich im großen und ganzen sehr zufrieden.

Mit dem Wahlausgang auch?

Essl : Neues Spiel, neues Glück. Wichtig ist, dass auch dort gespart wird und keine Steuern erhöht werden.

Müsste in Schulen wieder mehr Heimwerken unterrichtet werden?

Essl : Ja, unbedingt. Auch im Kindergarten. Es gibt so viele Kinder, die nie im Garten mitgeholfen haben und einen echten Regenwurm gesehen haben. Auch bei uns Menschen gibt es einen Nestbautrieb. Heimwerken beruhigt sehr, man bringt etwas weiter. Und das Schönste ist, wenn ich ein Busserl von meiner Frau bekomme, weil ich erfolgreich etwas umgesetzt habe.

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Zur Person
Martin Essl, 51, führt seit 1999 die Baumarkt-Kette Baumax. Das Handelsunternehmen wurde von seinem Vater Karlheinz 1976 in Klosterneuburg gegründet und gehört über Stiftungen der sozial engagierten Familie. Mit 8.900 Mitarbeitern wurde 2012 ein Umsatz von 1,25 Mrd. Euro erwirtschaftet, 2010 waren es noch 1,5 Mrd. Euro. Die Kette ist mit 160 Märkten in neun Ländern vertreten und leidet stark unter der schwachen Konjunktur in Südosteuropa.

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