'In zwei Jahren fängt das Theater um Griechenland

FORMAT: Griechenland bekommt ein zweites Hilfspaket in der Höhe von 130 Milliarden Euro. Ist es jetzt gerettet?

Hans-Werner Sinn: Ja, für den Moment ist es das. Die Schulden sind um 107 Milliarden Euro gesenkt worden, und für 130 Milliarden darf Griechenland neue Schulden machen. Griechenland hat also 237 Milliarden Euro bekommen. Das ist deutlich mehr als das jährliche Netto-Nationaleinkommen. Das reicht jetzt noch bis ins übernächste Jahr. Dann fängt das ganze Theater wieder von vorne an. Denn das wahre Problem ist, dass Griechenland nicht wettbewerbsfähig ist.

Sehen Sie Initiativen, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern?

Ich sehe wenig. Griechenlands Preise und Löhne werden durch die billigen Kredite im Vergleich zur Wirtschaftskraft in den Himmel gehoben. Sie müssen runter, aber dagegen sträuben sich die Griechen verständlicherweise. Man müsste die Preise um dreißig Prozent senken, um das türkische Niveau zu erreichen. Dann würden die Touristen wieder kommen, die Griechen würden wieder ihre eigenen Tomaten kaufen. Um innerhalb der Währungsunion, also ohne eine offene Abwertung, auf dieses Niveau zu kommen, wären die Anpassungskosten aber so groß, dass das Land daran zerbrechen würde. Als einziger Ausweg bleibt der Austritt aus dem Euro.

Mit welchen Folgen?

Die Leute würden ihre Bankkonten räumen, aber das haben sie sowieso schon getan. Es würde die Drachme eingeführt und abgewertet, die Wettbewerbsfähigkeit wäre gleich hergestellt. Die Wirtschaft käme schnell auf Trab. Vor allem kämen die reichen Griechen aus dem Ausland zurück und würden zuhause investieren. Viele glauben nicht, dass das der beste Weg wäre, insbesondere andere Staaten, die befürchten, dann weniger Geld zu bekommen und aus der Währungsunion austreten zu müssen. Und auch die Gläubiger wollen das nicht, denn sie müssten größere Verluste erleiden. Sie brauchen Griechenland als Geisel im Euro, damit ihre Schulden bedient werden. Das meiste Geld fließt ja nicht nach Griechenland selbst, sondern an seine Gläubiger.

Mit der Drachme würden aber die Auslandsschulden teurer.

Die Schulden sind stets ein Problem, wenn Griechenland seine Preise senkt und die Euro-Schulden behält, ob mit oder ohne Austritt. Der Vorteil des Austritts wäre, dass Griechenland die Auslandsschulden nach der Lex Monetae in Drachmen umwid-men kann. Im Übrigen würden ja die Schulden der Firmen automatisch in Drachmen umgestellt. Bei einer bloßen Preissenkung im Euroraum gingen die Firmen reihenweise pleite, weil ihre Bankschulden bleiben, doch die realen Vermögenswerte fallen.

Kann Griechenland die Schulden in Drachmen umwandeln, wenn jetzt ein Anleihentausch erfolgt?

Stimmen die Anleger dem Haircut zu, werden ihre Restschulden internationalem Recht unterworfen. Dann hat Griechenland die Chance verspielt, Schulden in Drachmen zu verwandeln.

Durch diesen Schritt wird ein Austritt also unwahrscheinlicher?

So gesehen ja. Ich vermute aber, dass man nach der Etablierung des dauerhaften Schutzwalls ESM doch den Austritt erwägen wird, denn ohne den Austritt gibt es Schrecken ohne Ende für alle Beteiligten.

Hilft ein Marshallplan?

Was Griechenland jetzt bekommen hat, ist relativ zur Wirtschaftskraft ein Vielfaches dessen, was damals durch den Marshallplan zur Verfügung gestellt wurde. Die Größenordnungen sind überhaupt nicht vergleichbar. Noch mehr Geld ist kontraproduktiv, denn man alimentiert damit nur die Leistungsbilanzdefizite.

Wie wirkt sich das Hilfspaket auf andere Krisenstaaten aus?

Dort wird man sehr erleichtert sein. Wenn die Griechen Geld bekommen, wird das auch ihnen geschehen. Für uns wird das umso teurer.

Haben Portugal, Spanien, Italien bisher Fortschritte gemacht?

Null. Der richtige Test ist, ob die Preise gefallen sind, und das ist nur in Irland passiert. Die anderen Staaten müssen lernen, dass man sich keine Löhne genehmigen kann, die oberhalb der Produktivität liegen.

Hat Resteuropa in all den Hilfsaktionen schon Geld verloren?

Ja. Wir geben Versicherungsschutz, ohne dafür eine Prämie zu erhalten. Und niemand geht davon aus, dass die toxischen Staatspapiere, die wir über den Luxemburger Fonds kaufen, bedient werden. Auch die Target-Kredite zwischen den Notenbanken in Höhe von 800 Milliarden Euro stehen im Risiko. Die Frage ist, wer diese Lasten trägt. Je größer die Rettungsschirme, desto größer ist die Last der Steuerzahler.

Martina Bachler

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff