"In Dubai lacht man sich kaputt“

"In Dubai lacht man sich kaputt“

AUA-Chef Jaan Albrecht erklärt was Airlines und Politik tun können, um die angeschlagenen europäischen Fluglinien am Leben zu erhalten.

FORMAT: Herr Albrecht, wie würden Sie zurzeit die Stimmung in der AUA-Belegschaft auf einer Skala von eins bis fünf bewerten?

Jaan Albrecht: Wahrscheinlich liegt sie irgendwo in der Mitte, denn der Betriebsübergang auf Tyrolean liegt doch erst zwei Monate zurück. Bei vielen Mitarbeitern gibt es hier noch viele offene Fragen. Aber im Grunde bin ich zufrieden, wie reibungslos letztlich alles geklappt hat.

Wie viele Mitarbeiter haben die AUA in Ihrer zehn Monate dauernden Amtszeit schon verlassen?

Albrecht: 217 vom Kabinenpersonal und 110 Piloten haben von der privilegierten Selbstkündigung Gebrauch gemacht.

Hat es darunter irgendwelche Fälle gegeben, deren Schicksal Ihnen besonders nahegegangen ist?

Albrecht: Es hat darunter keine Härtefälle gegeben. Wir haben ja niemanden auf die Straße gesetzt. Sie hätten bei der AUA ja gute Arbeit gehabt. Einige haben sich wohl von besseren Konditionen locken lassen. Der Großteil der Mannschaft hat aber verstanden, dass dieser Übergang nötig war, um die AUA am Leben zu erhalten.

Suchen Sie noch Personal?

Albrecht: Nein. Dadurch, dass wir einige Flugzeuge verkauft haben, kommen wir mit dem derzeitigen Personalstand gut aus.

Was tun Sie nach so einem harten Einschnitt eigentlich für die Motivation der Belegschaft?

Albrecht: Für einige Kopiloten war es schon eine riesige Motivation, dass sie nun nach 17, 18 Jahren endlich nachrücken konnten und vier Streifen bekommen haben. Motivierte, charmante Mitarbeiter waren immer das Markenzeichen der AUA, und wir tun alles, um das aufrechtzuerhalten. So haben wir etwa 80 "Change-Agents“ eingesetzt, die als Kontaktleute zwischen Personal und Management fungieren und etwaige Missstände aufdecken bzw. Ideen beisteuern sollen.

Es gibt ja Klagen gegen den Betriebsübergang. Wie zuversichtlich sind Sie denn, dass er rechtlich hält?

Albrecht: Ich bin sehr zuversichtlich, wir haben uns im Vorfeld gut beraten lassen.

Sie haben auch zwei Betriebsräte gekündigt, die nun dagegen klagen. Rechnen Sie mit weiteren Klagen?

Albrecht: Nein, diese Kündigungen haben nichts mit dem Betriebsübergang zu tun gehabt. In diesen Fällen gab es persönliche Probleme mit den Mitarbeitern.

Probleme gibt es momentan auch bei der AUA-Mutter Lufthansa. Wird es zu weiteren Beeinträchtigungen im Luftverkehr wegen Streiks kommen?

Albrecht: Bei uns sicher nicht. All diese Gehaltsdiskussionen sind jedenfalls in einem breiteren Kontext zu sehen: Die Fliegerei hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Wenn wir nicht wollen, dass alle europäischen Hubs in die Wüste verlagert werden, müssen wir jetzt gegensteuern. In Abu Dhabi oder Dubai werden die Fluglinien von der Politik enorm subventioniert. In Dubai lacht man sich kaputt über die Streiks in Europa. Die Mitarbeiter europäischer Fluglinien müssen jetzt umdenken und sich von jahrelangen Privilegien verabschieden, aber auch die Politik muss mithelfen. Es kann nicht sein, dass wir hier eine Ticketsteuer haben und mit CO2-Zertifikaten zusätzlich belastet werden. Hier fehlt eindeutig die Vision.

Fällt Ihr Appell bei heimischen Politikern denn auf fruchtbaren Boden?

Albrecht: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu Verkehrsministerin Bures. Sie hat erkannt, dass wir an einem Strang ziehen müssen. Auch bei der Austro Control spüren wir ein Umdenken. Bei der Erneuerung der Lizenzen gab es bereits geringfügige Senkungen.

Und wie steht es um Ihren Kampf gegen die Ticketsteuer?

Albrecht: Hier ist noch viel zu machen. Ab nächstem Jänner soll es zu einer Senkung der Steuer auf der Kurzstrecke kommen. Wir hoffen aber, dass wir noch mehr bewegen können. Das Finanzministerium hat zurzeit aber auch andere Sorgen …

Kürzlich hat es eine Umfrage zur Kundenzufriedenheit bei der AUA gegeben. Mit nicht sehr gutem Ausgang für die AUA. Was leiten Sie daraus ab?

Albrecht: In den konzerninternen Umfragen schneidet die AUA nach wie vor sehr gut ab. Wir wissen aber, dass wir mit dem Komfort auf der Langstrecke ein Problem haben, und hier passiert auch etwas: Es wird ganz neue Sitze und ein umfangreiches Entertainment-Angebot geben.

Sonst orten Sie keine Probleme in der Kundenzufriedenheit? Denken Sie an den Vorfall in Bratislava: Im Sommer mussten einige AUA-Maschinen wegen Sturms in der Nacht in Bratislava landen. Ein Weitertransport der Passagiere nach Wien blieb aus.

Albrecht: Das war sicher eine sehr spezielle Situation mit außergewöhnlich vielen Widrigkeiten. Aber so etwas darf sich nicht wiederholen. Wir haben unsere Kommunikation sofort nach dem Vorfall verbessert.

Auch mit dem neuen Skylink gibt es ja Probleme. Gab es Beschwerden von AUA-Passagieren?

Albrecht: Eigentlich nicht. Wir sind mit dem Skylink im Großen und Ganzen sehr zufrieden.

Und was halten Sie vom Bau der dritten Piste?

Albrecht: Ich denke, dass wir sie brauchen, aber sicher noch nicht jetzt. Man darf ja nicht vergessen, der Bau wird von uns Airlines finanziert. Nach unseren Berechnungen könnten wir sie 2020/21 brauchen. Und auch hier gilt wieder: Das Verfahren zum Bau der Piste dauert Jahre, und wir zahlen einen Euro je Ticket nur für die Abdichtung von Fenstern, um Fluglärm hintanzuhalten. Glauben Sie, so etwas wäre in Dubai oder Shanghai möglich?

Wird das Fliegen in Zeiten des Sparens eigentlich gefährlicher? Erst kürzlich wurde ja bekannt, dass die Ryanair wenig Sprit tankt, um zu sparen …

Albrecht: Bei der AUA sicher nicht. Es gibt klare gesetzliche Reglements mit ausreichend Reservetreibstoff für Ausweichmanöver. Zudem können unsere Piloten frei entscheiden, wie viel zusätzlichen Treibstoff sie für nötig halten.

Und werden besonders sparsame Piloten belohnt?

Albrecht: Nein, natürlich nicht. Die Sicherheit steht bei uns an erster Stelle.

Wird es die AUA - trotz all der Wettbewerbsnachteile gegenüber Golf-Airlines - in fünf Jahren noch geben?

Albrecht: Natürlich. Aber es ist wichtig, dass wir hier in Europa nach einer neuen Formel suchen, um die Fliegerei wieder profitabel zu machen. Die AUA allein, ohne Lufthansa, würde es in fünf Jahren wohl nicht mehr geben. Die Stand-alone-Lösung hat schon bei der Malév und der Spanair nicht funktioniert.

Gehört zu dieser neuen Formel auch, dass die Tickets teurer werden?

Albrecht: In den letzten fünf Jahren haben sich die Ticketpreise aus Österreich halbiert und die Treibstoffpreise dupliziert. Da muss man sich schon die Frage stellen: Wie lange lässt sich das aushalten?

AUA-Chefs waren meist nicht lange an Bord. Wie lange bleiben Sie?

Albrecht: So lange es mir Spaß macht und so lange die Firma mit mir Spaß hat.

Als welcher AUA-Chef möchten Sie im Gedächtnis bleiben?

Albrecht: Als jener, der der AUA ein nachhaltig modernes Konzept verpasst hat.

Sie sagen bewusst nicht, dass Sie die AUA nachhaltig sanieren wollen?

Albrecht: Das hat schon einer meiner Vorgänger versucht. Das Wort "sanieren“ möchte ich nicht mehr strapazieren.

Zur Person: Jaan Albrecht, 57, leitet seit November 2011 die Geschicke der Austrian Airlines (AUA). Seine Vorgänger Peter Malanik und Andreas Bierwirth mussten in der Folge als AUA-Vorstände gehen. Der gebürtige Mexikaner Albrecht begann seine Karriere als Pilot bei der Airline Mexicana, bei der er sich bis ins Management hochdiente. 2001 wechselte Albrecht an die Spitze der Star Alliance, der auch AUA und Lufthansa angehören.

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