Im Zeichen der Heuschrecke

Die Schuldenkrise weitet sich aus: Spekulanten haben Italien für sich entdeckt. Schuld daran: Italien selbst. Und das Krisenmanagement der europäischen Politik.

Manchmal reicht eine Geste, manchmal ein Wort, und im richtigen Moment ist es manchmal ein Satz, der das Fass zum Überlaufen bringt. „Am Ende kann er doch nichts machen“ ist so ein Satz. Ausgesprochen hat ihn der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, und die Folgen, die dieser Satz anscheinend nach sich zieht, sind fatal: Indem das umstrittene Staatsoberhaupt seinem Finanzminister Giulio Tremonti das Vertrauen entzog, gab er das wegen seiner gigantischen Schuldenquote ohnehin unter Beobachtung stehende Italien zum Abschuss frei. Noch befeuert von einem weiteren Satz: „Italien muss sparen“, ein Satz, der wenig Vertrauen stiftet, weil man ihn theoretisch mit „sonst geht es drauf“ vollenden kann. Die Urheberin? Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Zwei Sätze, deretwegen die Finanzmärkte nach Griechenland, Portugal und Irland jetzt Italien unter Druck setzen. Droht damit die Ausweitung der Euro-Krise auf ein großes, als unrettbar geltendes europäisches Kernland?

Panik-Mechanik

Als Teil der abfällig „PIIGS“ genannten europäischen Schuldenstaaten stand das Mittelmeerland schon bisher unter kritischer Beobachtung, jetzt sorgten die fatalen Aussagen der europäischen Politiker für tumultartige Zustände an den Märkten: Die Zinsen für zehnjährige italienische Staatsanleihen stiegen am Montag und Dienstag zeitweise auf knapp sechs Prozent – mehr als doppelt so hoch wie jene der deutschen Bundesanleihen. Parallel dazu stiegen die Aufschläge für Kreditausfallsversicherungen massiv an, kamen die Weltbörsen unter Druck und verloren italienische Banken wie UniCredit und Intesa dramatisch an Börsenwert. Der Euro fiel zwischenzeitlich unter 1,40 US-Dollar, die Anleger flüchteten in Schweizer Franken und Gold.

In Italien waren die Schuldigen für diese Horrorsituation schnell ausgemacht: Spekulanten hätten zur Attacke auf Italien angesetzt, und die Herde sei gefolgt, hieß es von der Regierung. Eine Analyse, der sich EU-Politiker zunehmend anschließen. Tatsächlich wetten US-Hedgefonds der „Financial Times“ zufolge schon seit Wochen auf fallende Kurse und steigende Zinsen von italienischen Staatsanleihen – jetzt scheint ihre Wette aufzugehen. Streben die Heuschrecken damit den Fall Italiens, der drittgrößten europäischen Volkswirtschaft der Euro-Zone, an – und werden damit bald den endgültigen Fall der Währungsunion auf dem Gewissen haben?

Dass Hedgefonds Italien ins Visier genommen haben, steht wohl außer Frage. Schließlich besteht ihr Geschäftsmodell darin, Krisensituationen zu vergolden. Im Falle Italiens (und der anderen europäischen Schuldenstaaten) nutzen die Fonds in der Regel zwei Instrumente: Leerverkäufe von Staatsanleihen und den Ankauf von Kreditausfallsversicherungen (Credit Default Swaps CDS).

Im ersten Fall verkaufen sie in großem Stil Staatspapiere, die sie nicht besitzen, sondern nur geliehen haben. Fällt dann der Kurs, kaufen sie die Papiere günstiger zurück und profitieren so vom Kursverfall, den sie selbst ausgelöst haben. Gleichzeitig spekulieren sie mit CDS, die eigentlich Anleihenbesitzern dazu dienen sollen, ihre Ausfälle abzusichern. Fallen die Kurse der Anleihen, steigen die Preise für die CDS – und die Fonds streichen satte Gewinne ein (siehe Grafik ). Das Gefährliche daran: Je stärker die Anleihenkurse sinken, desto größer wird die Angst im Markt und desto mehr Investoren versuchen, die Anleihen abzustoßen – ein Herdenverhalten, das die Kurse weiter in den Keller treibt.

In der Italien-Krise dürften die Fonds auch auf fallende Kurse von Bankaktien gesetzt haben, alleine die Aktie der UniCredit büßte innerhalb von zwei Wochen ein Viertel ihres Werts ein. Die italienische Börsenaufsicht Consob hat deshalb gerade die Regeln für Leerverkäufe von Aktien verschärft. Auch das Europäische Parlament hat Pläne auf den Weg gebracht, die Leerverkäufe einschränken sollen. Gerhard Rehor, Vorstand der RLB NÖ-Wien, forderte am Dienstag, den Handel mit CDS nur mehr an geregelten und transparenten Börsenplätzen zuzulassen. Zurzeit werden CDS „over the counter“, also direkt zwischen den Akteuren gehandelt.

„Der nächste billige Hedge“

Kapitalmarktexperten glauben dennoch nicht an die Allmacht der Heuschrecken. „Hedgefonds gehen vielleicht am aggressivsten in den Markt hinein, aber sie sind zu klein, um eine wirkliche Welle loszutreten“, sagt Christoph Kampitsch, Leiter der Abteilung für Institutional Sales in der Erste Group. Auch Investmentbanker Willi Hemetsberger ist skeptisch: „Natürlich mag es ein paar Fonds geben, die gegen Italien wetten, das sind aber eher die unbedeutenden. Den Schwergewichten ist klar, dass sie von einem Untergang Italiens und damit der Euro-Zone keineswegs profitieren“ (siehe Interview ).

Vielmehr wirken die anscheinend brutalen Wetten der Fonds wie ein deutliches Warnsignal, etwa für das italienische Schuldenproblem. Dass die Staatsschuldenquote von knapp 120 Prozent des BIP früher oder später zur Herausforderung werden würde, war Experten schon lange klar. Das schwache Wirtschaftswachstum (1. Quartal 2011: +0,1 Prozent) ist ein weiterer Risikofaktor. Hinzu kam in den vergangenen Wochen, dass das verabschiedete Sparpaket nur vage ausfiel, wirkliche Sparanstrengungen erst für 2013 geplant waren – und dazu noch das Gezeter in der italienischen Regierung.

„Nach Portugal, Irland und Griechenland ist jetzt Italien ein billiger Hedge, mit dem Investoren an der Schuldenkrise Europas verdienen können“, sagt Kampitsch. An steigenden Kreditausfallsversicherungen mit zuschneiden ist in Italien verglichen mit den anderen Schuldenstaaten nämlich immer noch preiswert.

Um den Herdentrieb zu stoppen, der momentan vor allem Italien unter Druck bringt, ist ein klares Signal vonseiten der europäischen Politik nötig, fordern Marktkenner. Ein „Rendezvous mit der Wirklichkeit“ nennt das Martin Blessing, Chef der Commerzbank. Denn die Ansteckungsgefahr, die von den Schuldenstaaten ausgeht, ist ebenso ungelöst wie die wirtschaftlichen Ungleichgewichte innerhalb Europas.

Chance für Euro-Anleihen

Rückblickend könnte sich die Spekulation gegen Italien sogar als Segen für Europa entpuppen. Denn Italien ist schlicht zu groß, um weiter auf Zeit zu spielen. „Jetzt wird alles in den Instrumentenkasten genommen“, nennt das Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble. So wird eine Verdopplung des Euro-Rettungsschirms diskutiert, eine Maßnahme, mit der WIFO-Chef Karl Aiginger schon in den nächsten Tagen rechnet. Selbst das dürfte jedoch auf Dauer zu wenig sein, befürchtet zumindest Henning Vöpel, Ökonom vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). „Ein größerer Schirm zieht wieder weitere Länder an, die unter ihm Platz nehmen wollen“, sagt Vöpel.

Erwogen wird auch, ob der Rettungsfonds EFSF selbst Anleihen von Krisenländern wie Griechenland ankauft und sie später mit Abschlag zurückgibt, was einer faktischen Umschuldung gleichkäme – obwohl es von den Ratingagenturen als Zahlungsausfall bewertet werden könnte. Eine solche Maßnahme wäre ein erster Schritt in Richtung einer europäischen Schuldenagentur, einer Institution, die schließlich gemeinsame Euro-Anleihen ausgeben könnte. Staaten wie Deutschland und Österreich wehren sich dagegen aus Sorge, für die Schulden der anderen zu haften und gleichzeitig ihre günstigen Finanzierungskonditionen zu verlieren. „Deswegen müssen gleichzeitig Maßnahmen ergriffen werden, um die strukturellen Defizite innerhalb der EU abzubauen“, sagt HWWI-Mann Vöpel, „auch wenn das eine Generationenaufgabe ist.“

– Martina Bachler, Arndt Müller

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