"Im Einzelhandel sieht Deutschland verglichen mit Österreich wie ein Entwicklungsland aus"

"Im Einzelhandel sieht Deutschland verglichen mit Österreich wie ein Entwicklungsland aus"

Post-Chef Georg Pölzl gibt Gas: In der Türkei, wo ein Paketdienst übernommen wurde und in Deutschland. Dort sind die Österreicher im Oktober mit einem Pharmavertrieb gestartet, einer Idee, die auch in Österreich die Medikamente billiger machen könnte.

"Die Post ist tot, wenn das kommt", warnte die Gewerkschaft vor fünf Jahren. Der Plan, Hunderte Postämter zuzusperren, zog massiven Widerstand nach sich. Werner Faymann, damals Infrastrukturminister, befürchtete, die Post könnte zu einer zweiten AUA werden, die irgendwann notverkauft werden muss. Nichts von alldem ist eingetroffen: Die Post ist lebendig, trotz eines kompletten Umbaus des Filialnetzes. Sie hat neue Märkte erschlossen, liefert schöne Ergebnisse und hohe Dividenden. Das ist nicht selbstverständlich bei einem Unternehmen, dessen Kernmarkt schrumpft und wo aufgrund der automatischen Gehaltsvorrückungen bei den Beamten die Personalkosten laufend steigen. Dass das Kunststück gelang, ist Verdienst von Georg Pölzl. Der oberste Postfuchs ist seit 2009 im Amt, er will sich aber nicht auf den Erfolgen ausruhen. Im Gegenteil, der 56-Jährige gibt sich weiter angriffslustig: In der Türkei wollen die Österreicher die Nummer eins im Paketgeschäft werden, auch in Deutschland wird Gas gegeben.

FORMAT: Sie sind vier Jahre an der Spitze der Post, nächstes Jahr läuft ihr Vertrag aus. Sind Sie interessiert, auch danach die Post zu führen?

Georg Pölzl: Ich habe mich erneut beworben, denn es gibt noch viel zu tun.

Sie haben die Post in die Türkei gebracht, in Deutschland neue Geschäfte gestartet. Ist Österreich zu klein, um hier Perspektiven zu haben?

Pölzl: Wir wollen ein Unternehmen sein, das europaweit in spannenden Märkten tätig ist. Mit solchen Beteiligungen im Ausland kann es uns gelingen, am Standort Österreich Arbeitsplätze zu sichern. Sich einzig und allein auf das Postgeschäft in Österreich zu konzentrieren, reicht keinesfalls aus, um langfristig ein gut gehendes Flaggschiff in der Logistikbranche zu sein. Wenn sich die österreichische Post rein auf das Geschäft in Österreich konzentrieren würde, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis hier ein Schrumpfungsprozess einsetzt und die Spirale nach unten geht. Das würde Arbeitsplätze kosten, und dafür fehlt mir jegliches wirtschaftliches Grundverständnis.

Aber die Effizienz steigern und die Kosten senken müssen Sie dennoch.

Pölzl: Effizienzsteigerung und die Reduktion der Kosten sind ebenfalls Schwerpunkte unserer Strategie und genau so wichtig. Wir haben hier die große Herausforderung, Personalkosten, die bei einer Milliarde Euro liegen, zu reduzieren oder zumindest konstant zu halten, da sie automatisch um jährlich 40 Millionen Euro steigen. Deshalb senken wir den Personalstand um 300 bis 800 Mitarbeiter pro Jahr. Wir sind in der Lage, dies weitgehend mit der natürlichen Fluktuation zu schaffen.

Und durch Kooperationen mit Ministerien, damit Postler etwa zum Bund wechseln.

Pölzl: Bisher haben rund 400 Postler gewechselt, denen geht es gut. Ich weiß das deswegen, weil ich mit ihnen spreche und sie einmal im Jahr zu einem Essen einlade, bei dem ich nur positives Feedback bekomme. Der Wechsel zum Bund ist für uns ganz ein wesentliches Element. Ich finde es auch volkswirtschaftlich wichtig und richtig, weil wir für Menschen, für die wir bei der Post keine Verwendung mehr haben, Perspektiven schaffen.

Wie weit sind die Gespräche über die leistungsabhängige Bezahlung der Postler?

Pölzl: Da bemühen wir uns redlich und kommen langsam voran. Aber versuchen Sie so etwas im öffentlichen Bereich durchzusetzen. Das ist schwierig. Man muss berücksichtigen, dass die Post auch diese Vergangenheit hat und aus der öffentlichen Verwaltung kommt.

Die Post hat als Ziel, dass es in Österreich rund 500 Postfilalen und rund 1.500 Post-Partner gibt. Wann wird dieses Ziel erreicht?

Pölzl: Wir sind schon fast da. Aber die Veränderung hört nie auf. Wir wollen künftig noch mehr auf Selbstbedienung setzen, also auf Selbstbedienungszonen und eigene SB-Filialen. Bis Jahresende soll es in knapp 200 Filialen eigene SB-Zonen geben. Dazu kommen künftig reine SB-Filialen, zum Beispiel in Ballungsräumen oder zur Kapazitätsverstärkung in Fremdenverkehrsgemeinden.

Derzeit wird ja gerade über das Regierungsprogramm verhandelt. Ist aus Ihrer Sicht die Aufstellung der ÖIAG perfekt?

Pölzl: Ich glaube, dass die Post mit dem Eigentümer ÖIAG sehr gut dran ist. Ich halte das für eine sehr gute Lösung für das Unternehmen und glaube, dass die ÖIAG als Beteiligungsholding gefestigt und weiterentwickelt werden sollte.

Aber aufgelöst sollte die ÖIAG nicht werden?

Pölzl: Das fände ich schlecht.

Was sagen Sie als ehemaliger Mobilfunker zum Ergebnis der LTE-Auktion?

Pölzl: Die Fakten sprechen für sich: Wenn ein Europarekord bei den Lizenzgebühren erreicht wird, ist das für den Wirtschaftsstandort nicht wirklich positiv. Es gibt zwar vordergründig zusätzlichen Gewinn für den Staat, aber ich sehe das Risiko, dass das zu Lasten künftiger Investitionen geht. Ich bin ein Verfechter von weniger Staat und nicht von mehr Staat. Alles, wo Staatseinnahmen zuerst erhöht werden, um dann später Förderungen zu verteilen, halte ich für schlecht. Als Ausgleich will man jetzt offensichtlich die Breitband-Investitionen aus einem Teil der Zusatzeinnahmen fördern.

Die EU hat mit der Türkei die Beitrittsgespräche wieder aufgenommen. Ist das aus Ihrer Sicht gut oder egal? Immerhin ist die österreichische Post ja jetzt an einem türkischen Paketzusteller beteiligt.

Pölzl: Gut, aber ich glaube nicht, dass es auf absehbare Zeit realistische Chancen für einen EU-Beitritt gibt. Die Türkei ist ein extrem wichtiges Schlüsselland - als ein Teil des gesamten Raums im Balkan und als Schwelle in den Nahen Osten. Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Türkei in die EU käme, aber ich verstehe auch, dass man auf beiden Seiten größten Respekt vor diesem Prozess hat.

Wie wurden Sie denn auf die türkische Aras Kargo aufmerksam?

Pölzl: Vor vier Jahren hat uns ein Berater angesprochen und uns auf die Möglichkeit hingewiesen. Doch ein Einstieg ist uns damals nicht gelungen. Wir sind aber am Ball geblieben und führten in den letzten zwei Jahren sehr intensive Gespräche. Und es ist dem langen Atem und einem sehr guten Team zu verdanken, dass uns nun der Einstieg geglückt ist. Andere Unternehmen waren nämlich auch interessiert.

Ist Aras Kargo in der ganzen Türkei tätig?

Pölzl: Ja, mit 800 Shops. Derzeit liegt der Paketumsatz pro Einwohner in der Türkei bei elf Euro, in Österreich 70 und in Deutschland 120 Euro, das zeigt die Relationen und das Potenzial. Der Paketdienstmarkt in der Türkei ist in den vergangenen Jahren zweistellig gewachsen, und wir gehen davon aus, dass das weitergeht. Ziel ist, dass Aras Nummer eins am Markt wird, derzeit ist sie die Nummer zwei.

Warum wird in Deutschland mit Paketen so viel mehr umgesetzt als in Österreich?

Pölzl: Ein Gutteil des Versandhandels passiert in Deutschland innerhalb des Landes und in Österreich mit Waren aus Deutschland. Da gibt es noch immer gewisse logistische Barrieren. Mitunter kostet der Versand nach Österreich gleich deutlich mehr. Im Einzelhandel sieht Deutschland verglichen mit Österreich fast wie ein Entwicklungsland aus, in Österreich haben wir einen extrem attraktiven stationären Handel.

Es gibt Handelsexperten, die eine Verschmelzung von Online- und stationären Handel erwarten, sprich, dass man sich spezielle Nahrungsmittel künftig auf der Billa-Homepage bestellt und dann am nächsten Tag in der Billa-Filiale abholen kann. Orten Sie auch Grenzen beim Versandhandel?

Pölzl: Nein, das glaub ich nicht. Es mag solche Kombinationen zukünftig geben. Primär wollen Kunden, die im Internet bestellen, die Waren auch zugestellt bekommen. Genau deswegen konzentrieren wir uns auf eine hohe Erstzustellquote und komfortable Hinterlegungsmöglichkeiten. Wir werden zum Beispiel bis Jahresende 5.000 Empfangsboxen in Mietshäusern montiert haben, die deutsche Post kopiert diese Idee jetzt gerade.

Sie sind in den Pharmavertrieb in Deutschland eingestiegen. Was machen Sie da genau?

Pölzl: In Deutschland werden, wie auch in Österreich Apotheken vier, fünf Mal am Tag beliefert. Das ist unheimlich teuer und führt auch zu hohen Medikamentenpreisen. Unsere AEP hat ein Zentrallager, mit dem deutsche Apotheken einmal am Tag über unsere Tochter Trans-o-flex beliefert werden. Die Einsparungen werden an die Apotheken weitergegeben.

Wie kam es zu dem Einstieg?

Pölzl: Der beruht auf einer Geschäftsidee, die schon vor Jahren an uns herangetragen wurde. Doch uns war klar, dass wir diese Idee nur mit entsprechenden Partnern und Investoren realisieren können. Und das konnten wir nun. Wir haben deutsche und österreichische Investoren und Branchenexperten gewonnen, darunter auch den früheren Wirtschaftsminister Martin Bartenstein.

Wie läuft das Geschäft an?

Pölzl: Sehr gut. Wir liefern seit 1. Oktober Medikamente aus, noch sind es unter tausend Apotheken, die zu uns gewechselt sind, aber es werden täglich mehr.

Gibt es Pläne, das gleiche in Österreich aufzuziehen?

Pölzl: Warum sollten wir den österreichischen Markt nicht besser bedienen als es das derzeitige System jetzt tut? Das sind neue Geschäftsfelder, die wir entwickeln, mit dem Ziel, nachhaltig und langfristig Ertragskraft und Wachstum zu erzielen.

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