iGod-Jobs und seine Jünger: Umstrittenes Genie und Lichtgestalt

iPod, iPhone, iPad – hinter dem Erfolg stehen zwar 30.000 Mitarbeiter, aber doch nur ein Mann. Steve Jobs ist der iGod, der den Konzern mit eiserner Hand zu immer neuen Höchstleistungen treibt. Ein Porträt.

Die Einladungen waren schon damals kryptisch. Der Text: „Hinweis: Es ist kein Mac.“ Ein paar Journalisten, die Apple 2001 zur Produktpräsentation ins kalifornische Cupertino einlud, kamen erst gar nicht. Eineinhalb Monate nach 9/11 flog man nicht gerne. Der Musicplayer, den Apples Mitbegründer und CEO Steve Jobs damals aus der Hosentasche zog, hatte ein Scrollrad an der Vorderseite und eine Fünf-Gigabyte-Festplatte drinnen. Tausend Lieder passten darauf. „Es ist ein Quantensprung, die ganze Musiksammlung mit dabei zu haben“, verkündete Jobs.

iPod - The Perfect Thing

Das Bespielen mit Musik funktionierte bei den ersten iPods nur über Macintosh-Computer. Wäre es nach so manchem Mitglied des iPod-Entwicklerteams gegangen, hätte Apple PCs von Beginn an mit einbezogen. Doch Steven Levy, Autor des Buchs „The Perfect Thing“, berichtet, dass Jobs getobt hätte, dass er den iPod nie an PCs heranlassen würde. Im Jahr darauf wurden iPods PC-kompatibel. Bis 2007 ging das schlichte Stück Hardware, das zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt – am Beginn einer Rezession – vorgestellt worden war, 100 Millionen Mal über die Ladentische. Zwei Jahre später erreichten die Verkaufszahlen 220 Millionen Stück. 2001 schien es geradezu lachhaft, dass Leute für digitale Musikstücke Geld bezahlen sollten, stand doch die Tauschplattform Napster in voller Blüte. Neun Jahre später sollte im iTunes Store das zehnmilliardste Musikstück heruntergeladen werden.

Seit 26. Mai 2010 ist Apple mehr wert als Microsoft. Anfang Juli setzten die Kalifornier Rekordergebnisse für ihr drittes Geschäftsquartal nach. Der Gewinn zog im Vergleich zum Vorjahr um 78 Prozent auf rund 3,3 Milliarden an. Dabei durchlebt Apple mit seinem iPhone 4 eine holprige Phase. Zuerst taucht ein entlaufener Prototyp in einer Bar auf, danach kämpft das Unternehmen mit Produktionsproblemen am weißen iPhone-Modell. Und schließlich ein Beinahe-Fiasko: Die außen am Telefon angebrachten Antennen lassen bei Berührung den Empfang schwinden. Apple überbrückt das Problem mit einem Plastikschutzrahmen. Während das Internet von Spaßvideos überschwemmt wird, wo Jobs unter anderem mit Darth-Vader-Helm und Laserschwert den Kunden die störenden zwei Finger abschlägt, beeinträchtigt das die Verkaufszahlen nicht. 1,7 Millionen Stück vom 4er wurden seither verkauft. Auch einen Monat nach Produkteinführung betragen die Wartezeiten in den USA noch drei Wochen.

Die vermeintliche Wunderkraft hinter Apple wird Steve Jobs zugeschrieben. Jobs, der Charakterlose, der knapp an der Soziopathie vorbeischrammt, der seine erste Tochter verleugnet, dann mit ein paar Hundert Dollar abspeisen will und schließlich einen Computer nach ihr benennt. Jobs, der Silicon-Valley-Milliardär, der sich in seiner eigenen Firma ins Aus manövriert und Ende der 80er-Jahre von Apple hinauskomplimentiert wird. Jobs, der Besessene und Getriebene, der seinen Mitarbeitern alles abverlangt, unerbittlich auf Fehler reagiert und sagt: „Mich interessiert nicht, ob ich Recht behalte, sondern, ob ich Erfolg habe.“

Die ganze Banane verkaufen

Jobs, der Kontrollfreak, der Apple ein Schweigegelübde auferlegt und alles entscheidet: welche Apps verkauft werden, wie viel nackte Haut darin vorkommen darf, wie viel Musik im iTunes Store kosten soll. Die Kalifornier kontrollieren etwa beim iPhone die gesamte Wertschöpfungskette. „Die ganze Banane verkaufen“, nannten Jobs und Apple-Mitbegründer Steve Wozniak das Ende der 70er-Jahre.

Und schließlich Jobs, das Genie und die Lichtgestalt der Computer- und Unterhaltungsindustrie. Stets scheint er vorherzusehen, welche Gadgets die Leute demnächst mit sich herumtragen wollen, lange bevor sie selbst von ihrem Bedürfnis wissen. Nach jedem neuen Produkt wird in den Medien aufs Neue evaluiert: War das bereits der Gipfel des Erfolges, oder kann es noch höher gehen?

Mit dem iPhone mischt Apple für sich fremde Märkte auf, mit dem Tablet-Computer iPad soll eine vor sich hin dämmernde Produktnische belebt werden. Erster Zwischenstand: 3,27 Millionen verkaufte iPads. Mit dem App Store wird die Programmentwicklung (Application) für mobile Geräte auf eine neue Basis gestellt. Die Konkurrenz zieht innerhalb kurzer Zeit mit eigenen Software-Webshops nach. Im Herbst 2009 vermeldet Apple zwei Milliarden App-Downloads.

Jobs, der Superverkäufer

Jobs lebt zurückgezogen. Er gibt kaum Interviews, äußert sich nicht zu Vorgängen in der Industrie, von sporadischen offenen Briefen, die wie Manifeste wirken, abgesehen. Mitunter beantwortet er, scheinbar aus dem Blauen heraus, E-Mails. Manche davon bestehen aus einem einzigen Wort – „Ja“, auf die Frage eines italienischen Bloggers, ob er seine urheberrechtsfreien E-Books auch am iPad lesen könne.

Seine Familie hält Jobs aus dem Medienrummel heraus. Nur selten schaffen es Schnipsel aus seinem Privatleben in die Zeitung, deren Informationswert hält sich aber zumeist in Grenzen. Etwa, als er sich mit Managern der „New York Times“ trifft und sich beim Asiaten italienische Nudeln und zwei Gläser des indischen Joghurtdrinks Lassi bestellt.

Einzig bei einer Studienabschlussfeier, 2005 an der Stanford University, erzählt Jobs über sein Privatleben. Er ist der Ehrenredner, wirkt nervös, nestelt am Bart und hält sich an dem Blatt Papier fest, von dem er abliest. Er wirkt nicht charismatisch, eher steif. Die Rede ist gut, aber nicht großartig. Angesichts seiner Zugeknöpftheit wirkt es geradezu befremdend, als er erzählt, dass ihn seine Mutter nach der Geburt weggab. „Wollen Sie einen unerwarteten Baby-Jungen? Wollen Sie ihn?“, habe die Fürsorge seine Adoptiveltern mitten in der Nacht gefragt. „Natürlich“, hätten diese geantwortet. Seine leibliche Mutter unterschrieb die Adoptionspapiere erst, als Jobs’ neue Eltern versprachen, ihm eine Hochschulausbildung zukommen zu lassen. Nun passt seine Erzählung zum Rahmen – der Collegeabschlussfeier.

Jobs schmeißt die Uni hin und berichtet von Kalligrafieseminaren, die er danach besucht. Dort wird er mit der Welt der Schriften vertraut. „Es war schön, historisch und künstlerisch raffiniert in einer Weise, die Wissenschaft nicht einfangen kann. Und ich fand es faszinierend“, erzählt Jobs, der zu beschreiben scheint, was ihn antreibt. Zehn Jahre nach der Uni habe er gemeinsam mit seinem Freund Wozniak den ersten Computer geschaffen, dessen Software endlich typografisch schön war.

Im Ehrgeiz um neue Produkte ist Jobs maßlos

Ein Gerät oder Programm ist entweder vollkommen oder furchtbar schlecht, dazwischen gibt es nichts, zumindest nicht in der Pressevariante. Dass er seine Meinung vom einen Extrem zum anderen ändert, kommt mitunter vor. So erklärte er etwa in der Zeit vor 2005, dass ausschließlich die von Apple verwendeten PowerPC-Prozessoren das Wahre seien. Nach dem Wechsel zu Intel lobte er die neuen CPUs als die allerschnellsten, mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er nie anderes behauptet. Ob Apple-Produkte am neuesten Stand der Technik sind, darüber gibt es geteilte Ansichten.

Dem ersten iPhone fehlten 3G und GPS, iPad-Benutzer müssen auf Flash verzichten. Viele halten dies abwechselnd für ein Zeichen technologischen Hinterherzuckelns oder für schiere Arroganz von Jobs, der die Makel als zukunftsweisend schönredet und seinen sogenannten Fanboys, der treuesten Anhängerschaft, damit verlässlich das Geld aus der Tasche zieht.

Um den Spagat, Massenprodukte unter die Leute zu bringen, die gleichzeitig heiß begehrt bleiben, werden die Kalifornier von der Konkurrenz beneidet. Die Geräte scheinen unter Anhängern mehr als nur Zufriedenheit mit dem Produkt zu verbreiten. „Mann, ich hab heute einen schlechten Tag. Ich fahre am besten in den Apple Store“, schreibt einer auf Twitter und ist längst nicht alleine damit. Zum Stolz, ein Apple-Produkt ergattert zu haben, das zuhause gewissermaßen Glück ins Wohnzimmer abstrahlt, kommt für viele Fans das erhabene Gefühl beim Betreten der Läden: Dort ist alles in Weiß gehalten, freundlich und gut. Früher als andere Firmen erkannte Apple, dass das Web Computer zu persönlichen Gegenständen macht. Das kreative Schaffen, vom Bloggen bis zum Hochladen von Fotos, und die Zeit, die mit dem Rechner zugebracht wird, schafft eine emotionale Verbindung zum Gerät.

Mit 30 war ich draußen

Vor den Studenten in Stanford erinnert sich Jobs an seine Ächtung, als ihn Apple Ende der 80er-Jahre hinausschmiss: „Mit 30 war ich draußen, und zwar sehr öffentlich draußen. Ich dachte sogar daran, aus dem Valley wegzugehen.“ Er gründet das Computerunternehmen NeXT und kauft George Lucas die Computeranimationsabteilung Pixar ab. Das Geschäft ist riskant, und Jobs füttert das Business kräftig mit eigenem Geld. 1996 kauft Apple NeXT, und Jobs kehrt nach Cupertino zurück. Auf der nächsten Hausmesse Macworld erhält er stehende Ovationen, doch der spätere Kult um seine Person steht erst am Anfang. Apple liegt am Boden. 90 Tage war das Unternehmen vom Bankrott entfernt, erklärt Jobs später. Zu Hilfe kommt ausgerechnet Microsoft, das mit 150 Millionen Dollar einsteigt.

Im Rückblick, sagt Jobs in Stanford, habe sein Abgang von Apple etwas Gutes gehabt: „Ich glaube, ich habe das wohl gebraucht.“ Er trifft in dieser Zeit seine Frau. „Laurene and ich haben eine wundervolle Familie“, erzählt er und schaut dabei erstmals zu den Studenten hinunter und lächelt. Jobs hatte damals gerade eine Bauchspeicheldrüsenkrebsoperation überstanden. Drei Jahre später folgt eine Lebertransplantation.

Im Blog „Fake Steve Jobs“ scherzt der „Newsweek“-Redakteur Daniel Lyons, dass die Organspende wohl von David Pogue, einem Technologieredakteur der „New York Times“ und bekennenden Apple-Benutzer, kam. Dieser hätte Job auch gleich eine Niere angeboten: „Er meinte so etwas wie ‚Behalt sie als Backup. Lass sie einfrieren oder so.‘“

Wie sehr Jobs’ Gesundheit angeschlagen ist, ist nicht bekannt. Bei der Präsentation des iPad und iPhone 4 ist er hager, seine Augen liegen tief, die Jeans und sein Markenzeichen, der schwarze Rollkragensweater, schlenkern an ihm. „Der Tod ist wahrscheinlich die allerbeste Erfindung des Lebens“, gibt er den Studenten fünf Jahr davor in Stanford mit. Nur so ließe sich jeder Tag leben, als sei er der letzte. „Ihr seid schon nackt, es gibt also keinen Grund, nicht dem Herzen zu folgen“, resümiert er. Was Jobs daraus schließt, wird zuletzt wieder nach Rückgabe des abhandengekommenen iPhone-Prototyps klar. Ob er die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen könne, fragt ihn der „Wall Street Journal“-Kolumnist Walt Mossberg auf der heurigen Konferenz „All Things Digital“. „Es schleifen lassen? Das kann ich nicht. Eher würde ich meinen Job hinwerfen.“

– Alexandra Riegler (Charlotte, USA)

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