"Horizon 2020" soll Europa aus der Krise führen

"Horizon 2020" soll Europa aus der Krise führen

Abseits der Flaggschiff-Projekte zur Erforschung des neuen Wunderstoffes Graphen und der Geheimnisse des menschlichen Gehirns fragen sich Experten, ob das 76-Milliarden-Euro-Budget nicht in unüberschaubaren Kanälen versickern könnte.

Zwei Schritte vor, ein Sprung seitwärts. So lässt sich sich das Mitte Juli beschlossene achte EU-Forschungsförderungsprogramm – optimistisch „Horizon 2020“ genannt – für die Jahre 2014 bis 2020 zusammenfassen. Monatelang waren sich die drei wichtigsten Institutionen der EU – der Rat, das Parlament und die Kommission – im Hintergrund des mühsamen Ringens um ein halbwegs vertretbares, sparsames Gesamtbudget (Resultat: rund 960 Milliarden Euro für sieben Jahre) wegen der Dotierung der Forschungs- und Innovationskassen in den Haaren gelegen. Anfangs standen ambitionierte 100 Milliarden Euro im Raum, dann 80, und schließlich, in der finalen Runde dieses „Trialogs“ des Feilschens in Juni, nur noch gut 70 Milliarden. Herausgekommen sind am Ende 76,377 Milliarden Euro, mit denen bis zum Ende des Jahrzehnts der Forschung und Innovation in Europa unter die Arme gegriffen werden soll.

Das scheint im Vergleich zu jenen 50,5 Milliarden Euro, die zwischen 2007 und 2013 in diese Anstrengungen geflossen sind, tatsächlich ein deutlicher Schritt vorwärts. In absoluten Zahlen sieht die Rechnung auf Basis dieser Summe grob so aus: Da lediglich rund fünf Prozent aller aus öffentlichen Mitteln vergebenen Forschungsförderungen von EU-Töpfen stammt, der große Rest indes direkt von den inzwischen 28 Mitgliedsländern verteilt wird, werden demnach in den kommenden sieben Jahren mehr als 1,5 Billionen Euro an Steuergeldern in Forschung & Entwicklung fließen.

Im Tal des Todes

Die EU-Kommission sieht den Bedarf für diese Budgeterhöhung in der miesen Gesamtverfassung des Kontinents. Im Begleittext zu den Budgetverhandlungen heißt es einigermaßen dramatisch: „Europa ist mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert, die über unser aller Zukunft entscheiden. Niedriges Wachstum, ungenügendes Innovationsniveau, soziale Verwerfungen. Europa ist zwar in vielen Schlüsseltechnologien an der Spitze der Forschung, aber es gelingt uns oft nicht, dies in innovative Wettbewerbsvorteile zu verwandeln. Die neuen Mittel sollten helfen, dieses ,Tal des Todes‘ zu überbrücken und die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu bewahren.“

Oder wie es Harald Grill, zuständiger Experte der Wirtschaftskammer Österreich, hinsichtlich des größten Problems der europäischen Forschungspraxis ausdrückt: „Wir haben in Europa hervorragende Wissenschafter, aber bringen die PS nicht auf den Boden. Horizon 2020 ist das erste EU-Forschungsförderungsprogramm, das auch auf wirtschaftliche Relevanz abzielt.“

Bürokratische Erleichterungen

Der zweite große Schritt vorwärts liegt in den geplanten strukturellen Vereinfachungen, dieses Ziel auch zu erreichen. Derzeit müssen sich Förderungswerber vom Zeitpunkt der Antragstellung bis zu einem positiven oder negativen Bescheid im Durchschnitt rund 270 Tage gedulden, und dann in etwa abermals weiteren drei Monaten bis zur endgültigen Unterschrift. Kurzum: Bis tatsächlich Geld fließt, vergeht rund ein Jahr.

„Diese lange Wartezeit können sich aber viele universitäre Einrichtungen und Unternehmen einfach nicht leisten“, resümiert Grill die bisherige Praxis. Und für manche außer-universitäre Forschungs-Institutionen kann es sogar existenzbedrohend sein, wenn sie sich derart lange gedulden müssen, bis die Gelder aus dem EU-Füllorn tatsächlich fließen.

In Zukunft soll nun diese „time to grant“, also die Dauer der Bearbeitungsphase des Förderantrags, auf maximal 250 Tage verkürzt werden. Darüber hinaus wurde eine „Flat-Rate“ in der Höhe von 20 Prozent für die Anrechnung indirekter Projektkosten – von der Stromrechnung bis zum anteiligen Personalaufwand – vereinbart. Eine „immense Erleichterung“, wie Thomas Estermann vom europäischen Universitäten- Dachverband anmerkt. Denn bisher war dies von Projekt zu Projekt völlig unterschiedlich geregelt.

Einerseits glichen die Bewilligungskriterien für derartige indirekte Kosten bereits angesichts ihrer formulierten Rahmenbedingungeneiner Art Geheimwissenschaft. Anderseits kam es vor allem dann, wenn Non-Profit-Organisationen aus dem universitären Bereich mit kommerziell orientierten Forschungs-Teams aus dem Unternehmenssegment zusammenarbeiteten, zu lähmenden Abrechnungs-Streitigkeiten, da unterschiedliche Fördersätze angewendet werden mussten. Und wenn derartige Projekte – manchmal erst Jahre später, wenn die Dokumentationen bereits in Archiven schimmeln – nachträglich überprüft wurden, endete dies nicht selten in einem völligen Chaos.

Seitens der EU-Spitze werden diese beiden Hauptmaßnahmen – Erhöhung der Mittel und Simplifizierung des Förderprozesses – nahezu hymnisch bejubelt. „Unser Ziel ist es, so die durchschnittliche Forschungsquote in Europa von momentan zwei Prozent bis 2020 auf drei Prozent zu erhöhen. Österreich will mit dieser Hilfe sogar von derzeit etwa über 2,7 auf 3,7 Prozent seiner Wirtschaftsleistung kommen“, sagt beispielsweise Marc Fähndrich von der Vertretung der europäischen Kommission in Österreich. „Aber die USA investieren bereits heute etwa 2,8 Prozent ihres BIP in Forschung, Korea sogar vier Prozent.“ Europa bleibe gar keine andere Wahl, als sich auf Forschung und Entwicklung zu konzentrieren. „Nur so können wir bei vergleichsweise hohen Lohnkosten mit unserem Modell des Wohlfahrtsstaates international konkurrenzfähig bleiben“, sagt Fähndrich.

Das überforderte Drei-Säulen-Prinzip

Trotz dieses, angesichts allgemeiner Sparbudgets auf den ersten Blick großzügig bemessenen, F&E-Horizonts stoßen die Pläne bei so manchen Fachleuten dennoch nur auf gedämpfte Resonanz. Das hat zwei Gründe. „Zum einen sind zwar jetzt mehr Mittel vorhanden“, erklärt WKO-Grill. „Gleichzeitig sind jedoch neue Förderschwerpunkte hinzugekommen, beispielsweise jene für marktnahe Innovationen.“ Und zum anderen hat sich an der kaum noch überschaubaren, überaus komplexen Forschungs- Förderlandschaft in der Europäischen Union wenig geändert. Grill: „Viele der bestehenden Programme wurden nur teilweise oder gar nicht in Horizon 2020 integriert. Sie haben aber Anspruch auf dessen Gelder und werden diesen voraussichtlich so gut sie können ausnützen.“

Ein genauerer Blick auf die Drei-Säulen-Struktur von Horizon 2020 untermauert diese Skepsis.

Der erste Pfeiler des Programms, der mit rund 24,5 Milliarden Euro untermauert ist, soll die Grundlagenforschung in Europa stützen. Durch die Koordinierung seitens des „European Research Council“ sollen die herrschende „Zersplitterung überwunden“ (Fähndrich) werden, dank der großzügigen finanziellen Ausstattung der „Flagship“-Projekte zur Erforschung des menschlichen Gehirns und des neuen Wunderwerkstoffes Graphen die F&E-Vorreiterrolle Europas verteidigt, mit Subprogrammen wie „Marie Curie“ oder „e-Infrastructures“ die Mobilität der Wissenschafter unterstützt werden.

Die zweite Säule ist mit etwas mehr als 17 Milliarden Euro dotiert und zielt auf „industrielle Führerschaft“ in den wichtigsten Zukunftstechnologien wie nachhaltige Energieträger, Medizin oder neue Werkstoffe bis zu der Förderung marktfähiger Innovation in Klein- und Mittelbetrieben ab. Außerdem will die EU damit den Zugang zu Risikokapital mittels großzügig ausgestatteter Haftungsrahmen verbessern.

Der dritte Schwerpunkt von Horizon 2020 soll innovative, marktgerechte Antworten auf die großen „gesellschaftlichen Herausforderungen“ der Zukunft finden und wird mit gut 38 Prozent des Gesamtbudgets oder knapp 30 Milliarden Euro den Löwenanteil der Fördermittel verschlingen. Dabei geht es um so unterschiedliche Fragen wie Gesundheit, demographischer Wandel und Wohlergehen, Ernährungs- und Lebensmittelsicherheit, marine und maritime Forschung sowie die Biowirtschaft, sichere, saubere und effiziente Energie, intelligenter, umweltfreundlicher und integrierter Verkehr, Klimaschutz, effizientem Einsatz von Ressourcen und Rohstoffen sowie integrative, innovative oder sichere Gesellschaften.

Kooperationen geplant

Der Rest des Budgets ist für kleinere Kooperationsprogramme und die Finanzierung des „European Institute of Technology“, das geplante Pendant zum amerikanischen MIT, vorgesehen. Insgesamt sollen den europäischen KMU‘s zirka 20 Prozent aller Gelder aus der zweiten und dritten Säule zugute kommen. Parallel zu diesen drei Herkules-Anstrengungen bestehen jedoch traditionelle Forschungsförderungsprogramme weiter. Dazu zählen beispielsweise „Cosme“, eine Initiative zur Unterstützung der Wettbewerbsfähigkeit von KMU‘s, oder 23 europäische Technologie- Plattformen, dann wiederum das breit gefächerte „European Research Area Network“ und nicht zu vergessen die sechs „Joint Technology Initiatives“ sowie die Artikel-125-Programme wie etwa das bekannte „Eureka“.

„Alle beschäftigen sich mit ähnlichen Forschungsthemen“, sagt Wirtschaftskammer-Experte Grill. „Diese Programme können teils bis zu 50 Prozent auf die Mittel von Horizon 2020 zugreifen und werden natürlich viele der neuen Gelder abziehen. Insofern muss man sich fragen, ob das vermeintlich hohe Neubudget von Horizon 2020 in Wahrheit nicht einen Rückschritt darstellt.“

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