Hikmet Ersek: "Österreich verpasst diese Chance durch seine Verschlossenheit"

Hikmet Ersek, Österreicher mit türkischen Wurzeln, steigt zum globalen COO der US-Bank Western Union auf. Ein Exklusiv-Interview über Migration als Wirtschafts-Chance und Österreichs Versäumnis, diese wahrzunehmen.

FORMAT: Gratulation zum neuen Job: Sie sind ab 1. 1. 2010 Chief Operating Officer von Western Union und übersiedeln nach Denver. Ein herausfordernder Zeitpunkt, eine US-Bank zu leiten?
Hikmet Ersek: Ich freue mich sehr über diese Chance. Es ist eine wichtige Zeit für das Unternehmen. Als wir vor ein paar Jahren die 100.000ste Geschäftsstelle eröffnet haben, hätten wir nie gedacht, dass wir bald 400.000 haben würden.
FORMAT: In den USA rollt die Insolvenzwelle weiter – keine Angst vor der Krise?
Ersek: Die Bankenkrise hat Western Union nicht getroffen – wir machen keine Veranlagungsgeschäfte. Was uns mit trifft, ist die Wirtschaftskrise. Allerdings ist die prognostizierte große Heimkehr der Migranten ausgeblieben. Es werden zwar geringere Beträge geschickt – aber die Zahl der Überweisungen blieb gleich, wir machen nach wie vor 90 Millionen Transaktionen pro Tag. Für 2010 sagt die Weltbank voraus, dass die Überweisungen von Migranten um drei Prozent wachsen werden. Das ist unser Markt.

"Für fünf Mrd Dollar Umsatz verantwortlich"
FORMAT: Für wie viele Länder sind Sie nun zuständig?
Ersek: Wir sind in allen Ländern der Welt vertreten, außer Iran, Sudan und Nordkorea. Selbst von den USA nach Kuba kann man mit uns Geld schicken. Ich bin also ab Jänner für über fünf Milliarden Dollar Umsatz, 400.000 Geschäftsstellen und 7.000 Mitarbeiter verantwortlich.
FORMAT: Ist das Modell Hunderttausender Geschäftstellen in Zeiten des Internet-Bankings nicht langsam überholt?
Ersek: Ganz und gar nicht. Sie können vielleicht von Ihrem iPhone Geld wegschicken – aber wenn Sie es in Sudan oder in Tadschikistan abholen wollen, dann sind wir die einzige Möglichkeit. Wir sind in vielen Regionen in Afrika und Asien der einzige Finanzservice weit und breit.
FORMAT: Auch andere haben mittlerweile Geldtransfers als Geschäftsmodell entdeckt. Spüren Sie die Konkurrenz?
Ersek: Kaum. Es ist kein leichter Markt für Neueinsteiger – schon wegen der Geldwäsche-Richtlinien, Kontrollsysteme, der Währungskonvertierung. Unsere Stärke sind die Geschäftsstellen und die starke Marke, das Vertrauen. Wir investieren fünf Prozent des Umsatzes in Marketing. Ein Arbeiter, der in Abu Dhabi 350 Dollar im Monat verdient und davon 250 für Schulgeld und Miete nach Bangladesch schickt, muss absolut vertrauen können, dass das Geld ankommt.
FORMAT: Wo expandiert Western Union am stärksten?
Ersek: In Asien: In Pakistan, Malaysia, Indonesien ist der Zuwachs enorm. In Indien haben wir jetzt über 50.000 Geschäftsstellen. In China werden es auch bald 40.000 Geschäftsstellen sein.

"Migration ist unschätzbar wichtig"
FORMAT: Sie leben davon, dass Migration zunimmt. Wie wichtig schätzen Sie Migration für die Gesamtwirtschaft ein?
Ersek: Unschätzbar wichtig. In manchen afrikanischen Ländern machen Geldsendungen der Auswanderer über 30 Prozent des BIP aus. Ähnliches gilt aber auch für europäische Länder wie Kosovo. Das ist ein Vielfaches der offiziellen Entwicklungshilfe, und jeder Dollar kommt dort an, wo er gebraucht wird, und kurbelt die Wirtschaft an. Und in den Einwanderungsstaaten würde die Wirtschaft ohne Migranten schlicht zusammenbrechen,
FORMAT: Erkennt man in Österreich die Bedeutung von Migration?
Ersek: Nein. Österreich verpasst diese Chance durch seine Verschlossenheit in der Integrationspolitik. Ich bin a selbst Migrant und habe mich in Österreich raufgearbeitet, und ich kenne die Höhen und Tiefen. Das ist ein harter Weg.
FORMAT: Auch noch als Boss eines internationalen Konzerns?
Ersek: Ach, in gewissen Kreisen bleibt man immer „der Türk“, und das ist nicht positiv gemeint. Ich glaube, den Österreichern ist nicht bewusst, wie wichtig die neuen Österreicher sind. Wo hört das denn auf? Warum wird mein Sohn immer noch als Migrant gesehen, obwohl er hier geboren ist? Wie wird es mit meinen Enkelkindern sein? Die Vorurteile gelten allerdings nicht bei Kollegen aus den USA oder aus Deutschland – nur für Migranten aus ärmeren Ländern. Da fehlt Aufklärung. Ich versuche zu zeigen, dass auch ein Türke hier erfolgreich sein kann.
FORMAT: Jetzt, wo Sie in den USA erfolgreich sind, gelten Sie doch sicher als österreichischer Wirtschaftsheld, oder?
Ersek: Würde ich Michael oder Helmut heißen, wäre das wohl richtig – aber so? Ich denke nicht. Aber ich bin sehr stolz auf dieses Land und dankbar dafür, was es mir gegeben hat, das ist nicht in vielen Ländern der Welt möglich. Ich fühle mich verpflichtet, etwas zurückzugeben. Ich werde auch meinen Wohnsitz hier nicht aufgeben.

"Wir leben alle in einer Welt"
FORMAT: Was könnte die österreichische Politik besser machen?
Ersek: Sie sollte die Welt als Einheit sehen und sich nicht abkapseln. Man weiß gar nicht, wie sehr das Geld hilft, das von hier etwa nach Kosovo geschickt wird. Wenn man das unterbindet, indem man die Grenzen schließt, wird der Graben zwischen Norden und Süden immer größer, und die Rechnung dafür kommt bestimmt. Es kann einem nicht egal sein, wie es den Menschen in Afrika geht. Wir leben alle in einer Welt. Der kleine Beitrag der Politik, Migration zu fördern und Menschen dabei zu unterstützen, Geld an ihre Familie zu schicken – das hilft ungemein und kurbelt da und dort die Wirtschaft an, täglich.
FORMAT: Wie sehr hat sich der Diversity-Gedanke in österreichischen Unternehmen durchgesetzt?
Ersek: In Österreich gehört man dazu oder eben nicht. Man kann es als Unternehmer schaffen, wie mein Landsmann Attila Dogudan. Doch innerhalb eines österreichischen Unternehmens an die Spitze zu kommen ist fast unmöglich. Man hat als Migrant nicht die gleichen Chancen. Das gilt übrigens auch für Frauen. Aber auch wir Migranten müssen uns anders darstellen. Viele werden in ein Eck gedrängt, führen ihren Misserfolg darauf zurück, dass sie Migranten sind, und geben auf. Beidseitige Aufklärung ist notwendig, damit man die Vorteile der neuen Österreicher auch nützt.
FORMAT: Gerade bei jungen Männern aus türkischen Familien ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch. Warum?
Ersek: Das ist erstens ein Bildungsproblem, das in der Schule gelöst werden muss. Zweitens haben diese Menschen das deutliche Gefühl, keine Chance zu haben. Das ist sehr gefährlich. Wenn diese zweite Generation den Anschluss verpasst, was passiert dann mit der nächsten? Dann haben wir Ghettos, auch wenn das in Österreich derzeit noch weit entfernt ist. Es ist einiges zu tun, und das dringend.

Interview: Corinna Milborn

Zur Person
Hikmet Ersek, 49, geboren in Istanbul, kam 1979 nach Österreich, verdiente sich als Basketball-Profi sein WU-Studium. Nach einigen Jahren bei GE Capital wechselte er 1999 zur US-Bank Western Union, die sich auf Geldsendungen von Migranten spezialisiert. Er stieg stetig auf, derzeit ist er für Europa, Afrika, den Nahen Osten und Asien zuständig. Mit 1. 1. 2010 wird Ersek zum globalen Boss von Western Union und wechselt als Chief Operating Officer in die Zentrale nach Denver. Ersek ist mit einer Inderin verheiratet, die auf interkulturelles Management spezialisiert ist, und hat einen Sohn. Mit dem Projekt „Vielfalter“ fördert er Integration in Schulen.

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