Hermann Maier über Karriere, Zukunft, Geld und die anstehende Reise zum Südpol

Hermann Maier macht sich zum Südpol auf. Zu Fuß. 400 Kilometer. Ein Gespräch mit Österreichs populärstem Sportler über extreme Herausforderungen, Alltag, Krise, Banken und Geld.

FORMAT: Herr Maier, Sie lieben schnelle Sportarten wie Downhill und Motorradfahren. Jetzt gehen Sie 400 Kilometer zu Fuß zum Südpol. Ist das nicht langweilig?

Maier: Es muss nicht immer schnell sein. Schon beim Skitraining haben langsamere Sportarten wie das Laufen dazugehört. Mir ist wichtig, dass sich alles immer in der Natur abspielt. Irrsinnig langweilig stelle ich mir vor, in einem Schwimmbecken zur Wand und wieder zurück zu schwimmen.

FORMAT: Ist die Expedition zum Südpol für Sie eine echte Herausforderung?

Maier: Ja, schon aufgrund der unterschiedlichen Witterungen. Es kann sehr schönes Wetter herrschen, aber auch wahnsinnig schlechtes mit Stürmen und Wind. Sich zu orientieren wird schwierig werden. Und der Südpol ist einfach der entlegenste Ort, zu dem man gelangen kann.

FORMAT: Waren Sie schon mal dort?

Maier: Nein, das ist vollkommen neues Terrain. Eine richtige Expedition zum Südpol haben nur ganz wenige gemacht.

FORMAT: Wie bereiten Sie sich vor?

Maier: Ich könnte das sicher noch gewissenhafter machen.

FORMAT: Sie sehen sehr trainiert aus.

Maier: Nach etwas aussehen, das können viele. Es kommt aber darauf an, was drin ist.

FORMAT: Und was ist in Hermann Maier noch drin?

Maier: Ich bin zufrieden mit meiner körperlichen Verfassung. Es hat sich eigentlich nichts verändert. Erstens ist meine Genetik einfach so, dass man nicht viel falsch machen kann, solange man gesund bleibt. Außerdem bin ich nie vom Sport weggekommen, ich mach das einfach sehr gerne.

FORMAT: Trainieren Sie täglich?

Maier: Nein, nicht mehr. Ich habe teilweise sehr viel zu tun und bin den ganzen Tag auf den Beinen. Es ist selten, dass ich einmal so ruhig sitze wie jetzt hier beim Interview. Ich fahre zwei, drei Mal in der Woche eineinhalb Stunden Rad. Ich vertraue ein wenig auf das, was ich mitbringe. Ich bin aber sicher, dass man sich noch viel besser auf die Expedition vorbereiten könnte. Es ist mitunter aber ein Abenteuer, nicht ganz so gut vorbereitet zu sein. Entscheidend sind eher andere Dinge: wie man mit den drei Mitstreitern harmoniert, wie man mit den 3.000 Metern Seehöhe, der andauernden Helligkeit und Kälte umgeht. Im Herbst werde ich in kurzer Zeit versuchen, lange Wanderungen zu trainieren.

FORMAT: Mit Ihrem Partner, Ö3-Mikromann Tom Walek, verstehen Sie sich gut?

Maier: Ja, man wird sehen, wie das wird. Sein Beruf bringt es ja mit sich, dass er für Unterhaltung sorgen soll.

FORMAT: Sie sind doch auch ein Showtalent.

Maier: Da war nie viel Show. Ich war eigentlich immer, wie ich bin. Bei der Expedition wird das ohnehin nicht anders gehen. Vier Wochen hält man es nicht durch, sich zu verstellen. Ich bin schon gespannt, ob danach keiner von uns die anderen mehr sehen möchte. Wenn das anders sein soll, dann ist zu überlegen, ob man nicht eine Heirat anstrebt.

FORMAT: Bisher waren Sie immer eher Einzelkämpfer.

Maier: Hat es geheißen, ja. Und zum Teil bringt das der Skisport ja mit sich.

FORMAT: In einem „Spiegel“-Interview haben Sie einmal gesagt, Teamtraining sei nichts für Sie. Jetzt müssen Sie aber unter widrigsten Verhältnissen ein Team führen. Trauen Sie sich das zu?

Maier: Auf alle Fälle. Schon während meiner Maurer-Lehre war ich einer der Ersten, die eine Partie führen konnten. Auch bei der Skilehrer-Ausbildung habe ich viel mit Menschen zu tun gehabt, und natürlich war ich immer wieder alpinen Gefahren ausgesetzt. Und die Vorfälle in meiner Karriere, wie der Sturz in Nagano oder mein Motorradunfall, waren enorm einschneidend. Natürlich galt ich als Einzelkämpfer. Das hatte auch Gründe. Wenn man eine Sportart beherrscht, wie ich das damals getan habe, versuchen alle anderen, den Erfolg zu kopieren. Ich musste also immer noch ein bisschen schneller sein, einen Schritt weiter vorn. Mir war es deshalb lieber, alleine zu trainieren, um mich noch weiter zu verbessern. Aber gegen Ende meiner Karriere hat mir das Training in der Mannschaft immer Spaß gemacht.

FORMAT: Welche neuen Erfahrungen erwarten Sie sich vom Südpol?

Maier: Der enorme Witterungswechsel, das Gehen, aber auch die Landschaft, diese unglaublich weite Ebene. Es wird den ganzen Tag hell sein, es wird Stürme geben. Wir werden mit dem Flugzeug direkt auf dem Eis landen und starten. Vier Wochen mit drei anderen in einem Zelt zu schlafen – das sind alles Dinge, die nicht alltäglich sind. Da kommt sehr viel Neues zusammen. Es ist wahrscheinlicher, den Mount Everest zu besteigen, als es jemals zum Südpol zu schaffen.

FORMAT: Hält Ihr verletztes Bein Temperaturen von minus 30 Grad aus?

Maier: Wenn es die Belastung von Skirennen ausgehalten hat, wird es auch das aushalten. Ich mache mir da keine Gedanken. Bis jetzt ist es meistens gut gegangen.

FORMAT: Der Herminator hält immer durch.

Maier: Das war früher immer die geltende Meinung. Ja.

FORMAT: Sie treten gegen ein deutsches Team an. Wird der Wettlauf zum Südpol ein Ländermatch mit den üblichen Emotionen?

Maier: Von meiner Seite nicht. Ich sehe das nicht als Wettkampf gegen eine andere Mannschaft, sondern als Abenteuer, als große Herausforderung. Die Deutschen sehen das vielleicht anders. Ich will aus dieser Expedition in erster Linie eine Erfahrung schöpfen. Und ich möchte das auch genießen können.

FORMAT: War Ihnen im vergangenen Jahr manchmal fad? Wollten Sie mitfahren, wenn Sie Rennen gesehen haben?

Maier: Nein, eigentlich nicht. Ich hab mir manchmal gedacht: Wahnsinn, jetzt verschandeln sie die schönen Hänge wieder mit Torstangen. Das passt gar nicht richtig in die Landschaft. Lieber bin ich Skitouren gegangen. Ich bin erst los, wenn die anderen schon wieder unten waren. Bei meinen Abfahrten war es fast schon finster. Die Ruhe und die Natur für sich alleine zu genießen – das ist etwas Besonderes.

FORMAT: Sie sind ein wilder Hund geblieben und sollen heuer beim Tiefschneefahren zweimal unter eine Lawine gekommen sein ...

Maier: ... so ein Schwachsinn. Wer sagt das? Das stimmt nicht.

FORMAT: Sind Sie nach dem Rücktritt vor jetzt fast einem Jahr in ein Loch gefallen?

Maier: Überhaupt nicht. Ich war immer in Bewegung, so richtig zur Ruhe gekommen bin ich seither nicht.

FORMAT: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Maier: Wenn ich das so genau wüsste, würde ich es eh sagen. Aber ich will es zurzeit gar nicht genau wissen. Ich wäre glücklich, wenn es mir so geht wie jetzt. Ich lebe lieber in der Gegenwart. Ich könnte mir jetzt kein definitives langfristiges Ziel setzen. Das nächste Ziel ist diese Expedition. Dann kommt wieder etwas Neues.

FORMAT: Ihre sportliche Karriere war außergewöhnlich, nur mit jener von Muster oder Lauda zu vergleichen. Und jetzt sind Sie zufrieden, wunschlos zu sein?

Maier: Die Karriere war nie so geplant. Ich war immer zielorientiert, schaute von Rennen zu Rennen, wie ich noch besser werden kann. Einen richtigen Plan hatte ich nicht, aber immer den Wunsch, besser zu werden. Und wahrscheinlich war dieser Wunsch stark genug. Die Wünsche und Ziele sind jetzt andere. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, muss ich es nach wie vor machen. Wenn mir einfällt, mit dem Fahrrad nach Wien zu fahren, muss ich mich draufsetzen und fahren. Das Schwierige ist immer wieder der Reiz.

FORMAT: Sie haben in Ihrer Karriere gut verdient und finanziell ausgesorgt. Haben Sie Angst, jemals wieder arm zu sein?

Maier: Es hat sich an meiner Einstellung nichts geändert. Ich bin nach wie vor relativ sparsam. Wenn ich mir aber etwas in den Kopf setze, kaufe ich es auch. Und dann ist wieder eine Zeit Ruhe.

FORMAT: Zahlen Sie sich von Ihrem Vermögen ein monatliches Gehalt aus?

Maier: Nein, es ist so wie bei jedem anderen auch. Man hat Ausgaben. Die sind nicht gering, da kommt einiges zusammen. Im Großen und Ganzen schaue ich mir alles ganz genau an. Sei es eine Autoversicherung, seien es die Telefonkosten. Ich möchte einfach nicht, dass unnütze Kosten entstehen. „Ausgesorgt“ ist ohnehin so ein Begriff: Es kommt dabei immer auf die Lebensweise an. Manche Popstars kommen mit meinem Vermögen vielleicht eine Woche aus. Es kommt immer darauf an, wie man mit Geld umgeht.

FORMAT: Sie sind seit zwölf Jahren die Werbefigur von Raiffeisen und haben der Bank zu einem anderen Image verholfen. Ist Ihr Geld nur bei Raiffeisen veranlagt?

Maier: Hauptsächlich, aber nicht nur. Aber nicht in Liechtenstein. Ich bin ja eher der Konservative, der sein Sparschwein auf die Bank trägt. Man muss schon sagen, dass die Skifahrer zu den wenigen gehören, die ihr Geld nach wie vor in Österreich verdienen und versteuern. Ich zahle hier ganz normal Steuern.

FORMAT: Gibt es nicht ein Steuerprivileg für Spitzensportler?

Maier: Das gibt es, der Steuersatz ist in den letzten Jahren aber deutlich nach oben gegangen. Mit seinem Geld in ein anderes Land zu gehen wäre diesbezüglich schon ein Vorteil. Aber jetzt zahlt sich das ja eh nicht mehr aus.

FORMAT: In der Wirtschaftskrise sind die Banken in Verruf geraten. Sind Sie je darauf angesprochen worden, dass Sie für die bösen Banken Werbung machen?

Maier: In letzter Zeit nicht. Früher bin ich oft auf Raiffeisen angesprochen worden, auf Kreditprobleme oder Ähnliches. Manchmal habe ich schon gedacht, ich betreibe die Bank. Und in der Krise hat es nicht nur ein paar Reiche erwischt, sondern die Auswirkungen sind gerade im unteren Bereich extrem. Natürlich beobachte ich, wie es mit den Arbeitsplätzen aussieht. Schon allein, weil ich das in unserer kleinen Gemeinde Flachau mitbekomme. Unsere Skischule hängt ja vom Tourismus ab.

FORMAT: Hat Raiffeisen-Boss Christian Konrad Sie eigentlich schon einmal um einen Rat gefragt?

Maier: Als wir das letzte Mal zusammengesessen sind, ist es um die Jagd und ums Essen gegangen. Er hat mich gefragt, wie man so viel essen kann.

FORMAT: Und Sie haben ihm gesagt, dass er mehr Sport machen soll?

Maier: Nein, das macht er mit dem Jagern eh. Und so häufig treffen wir uns leider ohnehin nicht.

FORMAT: Sie gelten als politikinteressiert. Sollen Reiche mehr Steuern zahlen?

Maier: Eine schwierige Frage. Wo setzt man an? Die Gefahr ist natürlich, dass dann reiche Menschen aus Österreich wegziehen. Und ich weiß nicht, ob man auf dieses Geld so einfach verzichten kann, weil es sich auch wieder auf die weniger Vermögenden auswirken wird. Wenn das Geld in großen Maßen fehlt, von wen holt man es sich dann?

FORMAT: Wären Sie bereit, mehr Steuern zu zahlen?

Maier: Mir kommt es schon so vor, als würde man in Österreich genug Steuern zahlen. Aber über die richtige Verteilung muss man sich Gedanken machen. Teilweise wird das Geld nicht unbedingt zielführend ausgegeben.

FORMAT: Gibt es in der jetzigen Politikerriege jemanden, der Sie beeindruckt?

Maier: Die Persönlichkeiten, die sich nachhaltig durchsetzen können, sind momentan vielleicht nicht unbedingt da. Aber ob das gut oder schlecht ist, weiß ich nicht. Jedenfalls läuft es in der Regierung derzeit nicht gerade harmonisch.

FORMAT: Wen wählen Sie eigentlich?

Maier: Ich? Meistens Sachertorte.

FORMAT: Haben Sie je ein Angebot einer Partei bekommen?

Maier: Immer wieder. Teilweise haben die Politiker das sehr geschickt angestellt. In Geburtstagsgrüße verpackt, zum Beispiel. Da habe ich gemerkt, da probiert jemand, mich zu ködern.

FORMAT: Es gibt Gerüchte, dass es einen Film über Ihr Leben geben soll.

Maier: Das schwirrt herum, aber ob das das nächste Projekt wird, weiß ich nicht.

FORMAT: Und, spielen Sie mit? Auch Toni Sailer hat Filme gedreht.

Maier: „Zehn Mädchen und ein Mann“, zum Beispiel.

FORMAT: Das würde Sie interessieren?

Maier: Nein, so einen Titel darf man heutzutage natürlich nicht mehr machen.

FORMAT: Grundsätzlich würde Sie das Filmbusiness interessieren?

Maier: Die Expedition im ORF ist ja gewissermaßen ein Weg dorthin, aber das muss man sich einmal anschauen. Ich kann da jetzt noch nichts dazu sagen.

FORMAT: ÖOC-Präsident Karl Stoss möchte Sie als Aushängeschild des österreichischen Sports verpflichten. Interessiert?

Maier: Jetzt im Moment nicht.

FORMAT: Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Head-Kollegen Bode Miller, der immer wieder seinen Rücktritt ankündigt?

Maier: Nein, eigentlich nicht. Und wenn er fährt, dann fährt er, wenn nicht, dann nicht. Aber eine Figur wie er ist wichtig für den Skisport.

FORMAT: Über Miller wird ja immer kolportiert, dass er Rennen gewinnt, obwohl er bis drei Uhr früh unterwegs war.

Maier: Was nicht so schlimm ist, denn es gibt andere, die ich kenne, die waren bis sechs in der Früh weg. Dagegen war Miller eher ein Frühheimgeher. Aber es kommt natürlich immer darauf an, was man für ein Image hat und wer wem welches Image gibt. Es wird sehr viel Schwachsinn geschrieben.

FORMAT: Wurden Sie im letzten Jahr, als das österreichische Skiteam enttäuschte, um Rat gefragt?

Maier: Ich habe schon bemerkt, dass die Anrufe von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel nach den Olympischen Spielen eher häufiger geworden sind.

FORMAT: Sind die goldenen Zeiten des österreichischen Skisports jetzt vorbei?

Maier: Zwischen 1998 und 2006 war eine Skifahrer-Generation am Werk, die wahrscheinlich einzigartig war. Man muss aber sagen, dass sich danach der Nachwuchs nie wirklich aufgedrängt hat. Die Chancen blieben oft ungenützt.

FORMAT: Weil Sie den Jungen die Plätze weggenommen haben?

Maier: Nein, als ich anfing, war es eigentlich viel schwieriger, ins Team zu kommen, weil es viel weniger Plätze gab. Aber man muss sich durchsetzen.

FORMAT: Sind wir in fünf Jahren wieder vorne dabei?

Maier: Das Team muss sich stabilisieren, um wieder vorne mitzumischen.

FORMAT: Sie haben zu Beginn vom Heiraten gesprochen. Wann ist es so weit?

Maier: Ich habe nur gemeint, dass man bei dieser Expedition austesten könnte, ob man es mit jemandem aushält. Sonst sage ich gar nichts dazu.

FORMAT: Wir danken für das Gespräch.

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