Herbert Stepic: „Exvizekanzler Josef Pröll wird in der Agrarindustrie ­tätig werden.“

Herbert Stepic, Generaldirektor der Raiffeisen Bank International, über seinen Ärger mit der Politik, den rasanten Aufschwung in Russland und die Troubles mit den neuen „Basel 3“-Eigenkapitalregeln für Banken.

Format: Herr Stepic, wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig über Politiker geärgert?

Stepic: Wir haben derzeit in Österreich eine Diskussion über wirtschaftliche Sachthemen, speziell die Banken betreffend, die sehr stark parteipolitisch geprägt ist. Dass mich das nicht sehr glücklich macht, ist keine Frage. Die ist der Sache nicht förderlich, wobei es im Kern um eine wirtschaftliche Neuordnung Europas und auch Österreichs geht.

Format: Andreas Treichls Kritik ist also berechtigt?

Stepic: Es wird kaum jemand geben, der sachlich einen Widerspruch zu den Aussagen Treichls hat, von der Form hat er sich ja mittlerweile selbst distanziert. Bei der Bewältigung der Krise haben sich die Regierungen Gusenbauer/Molterer und Faymann/Pröll durch ihr rasches Vorgehen vorbildlich verhalten und die Schäden für Österreich minimiert. Denn diese Krise war ein echter Wirbelsturm, ausgelöst durch Missbildungen des Investmentbankings.

Format: Warum hat sich das Verhältnis zur Politik jetzt so verschlechtert?

Stepic: Nach extremen Krisen kommt es leicht zu einer Überreaktion in der Aufarbeitung. Und in Österreich gibt es die schwierige politische Situation, dass die Krisenaufarbeitung durch eine Koalition erfolgt, die selber im permanenten Wettbewerb um den Wähler steht. Und zwar im Wettbewerb mit einem Proponenten, der diese Koalition nur mit demagogischen Beiträgen vor sich her treibt, mit einem sehr einfach gestrickten Konzept, das ausschließlich auf die Unzufriedenheit der Massen abzielt.

Format: Anstoß für die aktuelle Kritik der Banken sind die neuen Vorschriften Basel 3 …

Stepic: … die man durchaus differenziert sehen muss. Mehr Eigenkapital zu haben ist ja per se nicht schlecht. Aber wenn die Politik sagt, liebe Banken, ihr müsst mehr Eigenkapital bilden, und gleichzeitig alles tut, um Bankaktien unattraktiv zu machen, weil sie mit zusätzlichen Steuern belegt werden, die aber bitte nicht an die Kunden weitergegeben werden sollen, und obendrein eine Wertpapiersteuer eingeführt wird – dann ist das ein Schuss ins Knie.

Format: Also sind die hohen Eigenkapitalvorschriften nicht das Problem?

Stepic: Nein, das Problem sind zwei sich diametral widersprechende Maßnahmen. Mehr Eigenkapital von den Banken zu fordern und gleichzeitig durch gesetzliche Maßnahmen zu erschweren, dieses Kapital zu bilden. Das kann nicht funktionieren.

Format: Würden Sie das vom Staat erhaltene Kapital zurückzahlen, wie es die Erste Bank schon länger will, wäre ein Kritikpunkt weg.

Stepic: Wir haben das Partizipationskapital nur vom Staat genommen, weil wir damals nicht abschätzen konnten, welches Ausmaß dieser Krisen-Alptraum noch erreichen wird. Und da waren wir einer Meinung mit den politischen Entscheidungsträgern, unbedingt einen Banken-Run zu vermeiden, wie man ihn 1929 erlebt hat. Abgesehen davon ist dieses Kapital teuer bezahlt und ein gutes Geschäft für den Finanzminister.

Format: Aber wenn Sie dieses Kapital nicht brauchen, können Sie es ja auch zurückzahlen.

Stepic: Wir werden es sicher nicht ewig haben.

Format: Was bestimmt die Rückzahlung?

Stepic: Entscheidend ist einerseits, wie schnell ich das Eigenkapital aufbauen muss. Andererseits, wie schnell es gelingt, aus den anspringenden Märkten den notwendigen Gewinn zu erzielen, dieses Kapital aus der Innenfinanzierung zu erwirtschaften.

Format: Also brauchen Sie das Staatskapital, um die geforderte Eigenkapitalquote zu bilden?

Stepic: Nach den bestehenden Regelungen bräuchten wir es nicht. Aber die neuen Quoten, also Basel 3, werden von den Finanzmärkten sofort eingefordert, trotz vorgesehener Übergangsfristen. Deshalb empfinde ich es als richtig, nach den bestehenden Gesetzen so lange mit dem Partizipationskapital zu leben, bis wir aus der Innenfinanzierung ausreichend Gewinne haben. Gewinne, die der Bank nicht weggenommen werden durch Sondersteuern, die 2010 für die RBI rund 40 Millionen Euro betragen haben und heuer auf zirka 130 Millionen anwachsen werden.

Format: Die Erste Bank ist da zuversichtlicher. Oder sitzt die RBI auf höheren Risiken?

Stepic: Mit dem Risiko ist das sehr relativ. Es ist noch gar nicht so lange her, da haben Investoren auf mehr Engagement in der Ukraine und Russland gedrängt. Dann, in der Krise, hieß es plötzlich: Ganz schlecht, dort investiert zu sein. Aktuell hat speziell Russland wieder die besten Wachstumschancen.

Format: Woher kommt der wirtschaftliche Aufschwung in Russland?

Stepic: Von allen unseren Märkten ist das wirtschaftliche Umfeld in Russland am positivsten. Russland ist Nutznießer der hohen Rohstoffpreise, zweitens haben die Verantwortlichen durch einen hohen Liquiditätszufluss in der Krise vehement gegengesteuert. Dadurch war die Krise in Russland kurz. Im Vorjahr gab es ein reales BIP-Wachstum von über vier Prozent, und heuer sollen es fünf Prozent werden.

Format: Namhafte Banken wie HSBC und Barclays haben sich allerdings aus Russland zurückgezogen. Warum bleiben Sie?

Stepic: Es gibt ganz wenige Banken wie die RBI, die Osteuropa und speziell Russland als strategisches Investment sehen. Für viele, die sich jetzt zurückziehen, war Russland ein Nebenschauplatz. Die haben sich teilweise sehr teuer eingekauft und kommen jetzt nicht auf die notwendigen Erträge, um diese Investments zurückzuverdienen. Bei den internationalen Playern in Osteuropa trennt sich jetzt die Spreu vom Weizen. Wir sind mit unserem Russland-Engagement sehr glücklich und werden jetzt noch stärker.
Format: Besteht bei Rohstoffen die Gefahr einer Blasenbildung, die Russland zurückwerfen könnte?

Stepic: Ich persönlich sehe diese Gefahr nicht. Unsere Volkswirte sind überzeugt, dass ein Preis von 100 bis 110 Dollar pro Fass Brent absolut gerechtfertigt ist, weil die Ölförderung immer mühsamer und teurer wird. Bei Aluminium gibt es eine gut unterstützte Marktsituation, weil China Investitionen einschränkt. Bei Kupfer gibt es einen deutlichen Nachfrage-Überhang, auch für Zink wird eine Preissteigerung von rund 10 Prozent erwartet.

Format: Wo steht Russland aktuell im Vergleich zum Vorkrisen-Niveau?

Stepic: Bei den Investitionen ist das Vorkrisen-Niveau bei weitem noch nicht erreicht. Beim privaten Konsum hat es in den vergangenen drei Monaten eine deutliche Trendwende gegeben, die Sparquote ist von 16 Prozent auf 11 Prozent gesunken. Das ist immer noch höher als vor der Krise, aber ein starker Meinungsumschwung.

Format: Sind die Österreicher gern gesehene Geschäftspartner in Russland?

Stepic: Österreicher sind die Partner schlechthin.

Format: Woran liegt das?

Stepic: Es gibt ein gemeinsames Mentalitätsverständnis. Wir haben durch unseren historisch bedingten gemischten Bevölkerungshintergrund eine flexible Einstellung zum Imperfektionismus, weil wir ihm zum Teil selber huldigen. Andererseits sind die Bannerträger des österreichischen Exportes extrem leistungsfähig und technologisch spitze – diese Kombination ist genau das, was die Russen suchen. Ich merke das ja an mir selber: Ich tue mir im Umgang mit Russen leicht beim Geschäftemachen. Wir fallen uns um den Hals, geben uns ein Busserl oder sagen den 25. Trinkspruch. Mit Japanern ist das viel schwieriger, da weiß man nie, woran man ist, weil auf Distanz größter Wert gelegt wird.

Format: Beim vorwöchigen Staatsbesuch in Moskau unterzeichneten die ÖBB einen Vertrag zur Breitspurbahn. Spielt die RBI dabei eine Rolle?

Stepic: Wir sind in die Vorverhandlungen schon seit Jahren involviert. Der General der russischen Eisenbahn ist zwei- bis dreimal jährlich in Wien, unter anderem haben wir uns auch beim Opernball gesehen. Es geht um ein wichtiges Projekt: chinesische Waren auf dem Landweg ins Herz Europas zu bringen, und das billiger und schneller als auf dem Seeweg. Ich bin überzeugt, dass die ÖBB und Österreichs Wirtschaft sehr profitieren können, zumal ja ein großes Umschlagzentrum in Niederösterreich geplant ist. Unklar ist noch, ob die Slowakei mitspielt. Aber es gibt eine Alternativroute über Ungarn.

Format: Wie steht es um den Aufschwung etwa in Polen, wo Sie kürzlich zugekauft haben?

Stepic: Das hat sich nachhaltig positiv entwickelt. Polen ist das einzige EU-Land Zentraleuropas, das 2009 kein negatives Wirtschaftswachstum aufgewiesen hat. Dieser Erfolg hängt auch mit der Konkurrenzfähigkeit der Arbeitskosten zusammen. Diese haben sich nicht extrem erhöht, wie in manchen südeuropäischen Ländern. Die Wirtschaft ist daher extrem wettbewerbsfähig, was ein Grund ist, warum wir uns für die Polbank so stark interessiert haben.

Format: Auch da gibt es Kritik, weil Sie quasi mit Staatshilfe in Polen neue Risiken eingegangen sind.

Stepic: Diese Betrachtung ist so nicht richtig. Die zu erwartenden Effekte aus dieser Investition sind für die RBI nachhaltig positiv. Das Engagement bei der Polbank bedeutet für uns eine Diversifikation. Wir haben Retailgeschäft erworben, das normalerweise weniger risikobehaftet ist. Außerdem verbessern wir durch die 800.000 Privatkunden und ihre Einlagen unsere Refinanzierungsmöglichkeiten wesentlich.

Format: Die Sparkassen fühlen sich gegenüber Raiffeisen bei der Bankensteuer benachteiligt. Grund ist, dass Exfinanzminister Josef Pröll vermutlich einen Job im Raiffeisen-Sektor bekommen wird.

Stepic: Sie glauben doch nicht, dass ein Finanzminister Gesetze einseitig für einen Marktteilnehmer verbessern kann? Das geht doch gar nicht, dazu sind die Dinge viel zu transparent. Der Exvizekanzler ist ein Agraringenieur und wird früher oder später in der Agrarindustrie tätig werden, was ja nicht besonders verwunderlich ist.

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