Herbert Stepic, Chef der Raiffeisen Bank International im FORMAT-Interview

Herbert Stepic, Chef der Raiffeisen Bank International (RBI), über Bankensteuer, Gebührenerhöhungen, die verbliebenen Wachstumsmärkte und wieso Profitstreben für einen Raiffeisenbanker nicht alles ist.

FORMAT: Herr Stepic, Bankkunden erleben steigende Kreditkosten und sinkende Sparzinsen. Im neuen Jahr kommen Bankensteuer und Wertpapier-KESt. Müssen sich die Österreicher daran gewöhnen, immer wieder zur Kasse gebeten zu werden?

Stepic: Mit viel Mühe, Einsatz und Schweiß arbeiten wir daran, diese Situation zu ändern und den falschen Eindruck zu objektivieren.

FORMAT: Wie?

Stepic: Das Banking wird vor allem durch die Auflagen des Regulators verteuert, nicht durch uns. Stichwort Bankensteuer und Basel 3. Die entscheidende Frage ist: Wie können wir durch eigene Maßnahmen Kosten reduzieren, um die Vorgaben des Regulators auszugleichen? Aktuell haben wir in der Raiffeisen Bank International einen Prozess der Verschlankung in Gang gesetzt. Dieser „Lean Process“ soll so gesteuert werden, dass ein Großteil der Zusatzkosten von uns abgefedert wird und nicht vom Kunden getragen werden muss. Wir haben etwa Abläufe neu organisiert, IT-Systeme neu aufgesetzt und haben vor, neue Initiativen ohne zusätzliches Personal umzusetzen.

FORMAT: Aber Gebührenerhöhungen können Sie nicht ausschließen?

Stepic: Nein. Aber sehen Sie unseren Lean Process als Bemühen der verteufelten Banker, ihren Teil der Tätigkeit im Sinne der Kunden zu verbilligen.

FORMAT: Dann wird die Bankenabgabe doch von den Kunden bezahlt.

Stepic: Wie gesagt, wir bemühen uns um das Gegenteil. Doch sagen Sie mir, wie soll eine Bank ihre Kosten decken? Entweder ich verdiene sie, oder ich spare. Alles, was ich nicht sparen kann, muss ich durch Erträge hereinkriegen.

FORMAT: Sie könnten weniger an Aktionäre ausschütten. Wieso halten Bankenvertreter à la Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann am Shareholder Value fest?

Stepic: Hören Sie mir mit diesem Vergleich auf! Ich schätze die Leistungen von Herrn Ackermann, aber ich möchte nicht mit ihm in einen Topf geworfen werden. Ich rede nicht von Renditen wie Herr Ackermann als schwerpunktmäßiger Investmentbanker. Raiffeisen macht Geschäfte in Gegenden, wo ein kapitalmarktorientierter Banker nie hinkommt. Wir bemühen uns auch in der börsennotierten RBI, den genossenschaftlichen Gedanken durch die Art unserer Geschäftstätigkeit abzubilden. Nicht umsonst ist dieses Haus seit Jahren als Pionier in den Emerging Markets tätig.

FORMAT: Doch am Ende zählt auch bei Ihnen der Gewinn.

Stepic: Ich habe immer Geschäfte getätigt, wo ich meinte, dass sie für den Transformationsprozess und die Entwicklung der Märkte wichtig sind. Natürlich arbeite ich ertragsorientiert. Ich bin Banker und gehe nicht als Apostel durch die Welt. Aber ich vergebe mehrheitlich noch richtige Kredite – fürs Auto, den Fernseher, den Kühlschrank. Mein Standardgeschäft ist die Finanzierung von 65-Quadratmeter-Wohnungen in Osteuropa. Richtig, wir müssen Gewinne machen, doch das ist nicht alles. Raiffeisen hat einen gesellschaftsorientierten Approach.

FORMAT: Wann waren Sie besonders sozial?

Stepic: Nehmen wir die Finanzkrise als Beispiel. Da sind Kunden in Schieflage geraten, in erzwungene Notsituation. Viele Banken sind Textbook-mäßig vorgegangen, haben Liquidität entzogen oder ans Gericht überantwortet. Das haben wir nur in Ausnahmefällen gemacht. Bei Leuten, wo wir uns gedacht haben, dass die uns betrügen. Die meisten haben wir durchgetragen. Geht’s unseren Kunden gut, dann letztlich auch uns. Das ist eine Eigenschaft, die nicht viele Konkurrenten haben.

FORMAT: Versuchen Sie so auch das Imageproblem der Branche zu lösen?

Stepic: Wir beschreiten zweifellos einen schwierigen Weg. Weil Banker in der Krise zu den Buhmännern der Welt wurden, sind wir im Ranking hinter die Gebrauchtwagenverkäufer gefallen. Für mich als Raiffeisen-Menschen ist es schwer zu ertragen, als Systembank in Osteuropa mit den großen Investmentbanken in einen Topf geworfen zu werden. Da haben viele wirklich übermäßig spekuliert, wir nicht. Zum Glück hat das Verhältnis des Raiffeisen-Bankers zu seinem Kunden nicht gelitten.

FORMAT: Sie sind seit 37 Jahren bei Raiffeisen. Was hat sich verändert?

Stepic: Als ich 1973 in die damalige Genossenschaftliche Zentralbank eintrat, wurden drei bis fünf Akademiker im Jahr aufgenommen. Es war damals ein elitärer Ausleseprozess, um in eine Bank zu kommen. Heute kann ich sagen, dass das Bankgewerbe eines ist, das wie jedes andere Gewerbe einem hohen Konkurrenzdruck unterliegt. In Österreich, das overbanked ist – also eine hohe Filialdichte hat –, ist zusätzlich noch der Druck durch Online-Banking hinzugekommen. Und das hat sukzessive zum Abbau des Status geführt, aber auch des Dünkels.

FORMAT: Wie meinen Sie das?

Stepic: Der heutige Banker ist sehr stark erfolgsgetrieben und muss kundenorientiert sein, sonst macht er kein Geschäft. Da liegen Welten zur Glaspalast-Mentalität, die ich kennen gelernt habe, als ich als Kind mit meinem Vater in die Creditanstalt gegangen bin. Dort empfand man es als Entgegenkommen, einen Kunden zu empfangen.

FORMAT: Die Technologie hat wohl auch Barrieren abgebaut.

Stepic: Selbstverständlich. Das Internet hat das Bankgeschäft revolutioniert. Und die Mobiltelefonie wird einen weiteren Innovationsschub bewirken. Zum Vergleich: Als ich im Mittleren Osten gearbeitet habe, hat’s kein Handy gegeben, bestenfalls ein Fax. Und ich bin tagelang in Fax-Shops gesessen, um in völliger Verzweiflung mit meiner Zentrale in Wien Kontakt aufzunehmen. Irak, Jemen oder Saudi-Arabien – überall dasselbe. Die neue Kommunikationstechnologie hat auch das Wachstum in den entwickelten Märkten angetrieben.

FORMAT: Apropos Wachstum. Die goldenen Zeiten für Österreichs Banken sind wohl vorbei, oder?!

Stepic: Als Raiffeisen blicken wir auf mehr als 20 Jahre Boomphase zurück. Unser Geschäft war wachstumsorientiert. Wir sind mit dem Verdauen unserer Akquisitionen gar nicht nachgekommen. Das machen wir jetzt. Wir stellen Produktfabriken auf und vertreiben Produkte wie etwa Cash-Management über das Netzwerk.

FORMAT: Große Zukäufe wird es wohl nicht mehr geben, weil Kapital teurer geworden ist?

Stepic: Das ist ein wichtiger Punkt. Daher haben wir klar gesagt, dass wir auf unbestimmte Zeit mit unserem Netzwerk das Auslangen finden werden. Ich muss nicht Banken kaufen, um wachsen zu können. Aber natürlich sind Ausnahmen erlaubt.

FORMAT: Wie etwa Polen?

Stepic: Dort sind wir eine Mittelstandsbank, fahren eine Nischenpolitik. Wenn Banken oder Assets angeboten werden, die uns zur Universalbank machen, wäre das sicher interessant. In Polen schaue ich mir jede Möglichkeit an, zu wachsen.

FORMAT: Warum streben immer mehr Banken wie Raiffeisen nach Asien? Das ist nicht unbedingt der Heimmarkt.

Stepic: Asien ist die wichtigste Wachstumsregion der Welt. Wir sind die einzige österreichische Bank in Peking und sind auch in Singapur. Dort machen wir rohstofforientierte Geschäfte mit den umliegenden Ländern, wie Indonesien, Malaysia, Thailand oder den Philippinen. Ich muss nicht eine Bank kaufen, um zu partizipieren. Sorgfältig ausgewählte Assets tun es auch. Auf unsere starke Position in Osteuropa bin ich sehr stolz, aber an Asien führt kein Weg vorbei.

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