Helmut Elsners Befreiungsschlag

Im ersten Interview seit seiner Haftentlassung erhebt Ex-Gewerkschaftsbank-Chef Elsner schwere Vorwürfe gegen ÖGB, Bawag und Pleite-Banker Flöttl.

Dacapo für den größten Wirtschaftskriminalfall der Zweiten Republik. Ende April wird am Wiener Landesgericht gegen ehemalige Bankvorstände sowie den Millionenspekulanten Wolfgang Flöttl verhandelt. Nachdem der Oberste Gerichtshof die Mehrzahl der Schuldsprüche aus dem ersten Prozess gekippt hat, gilt es, erneut die Frage zu klären: Wer ist für die horrenden Verluste der früheren Gewerkschaftsbank Bawag verantwortlich?

Der frühere Bawag-Generaldirektor Helmut Elsner wird bei diesem Verfahren nicht dabei sein - er wurde bereits zur Höchststrafe von zehn Jahren verurteilt und war bislang der einzige Angeklagte, der ins Gefängnis musste.

Alter Rechercheur

Elsner, mittlerweile wegen seiner maroden Gesundheit aus der Haft entlassen, sitzt dieser Tage gebeugt am Schreibtisch in seiner Wiener Wohnung. Vor ihm stapeln sich Aktenberge, und der 77-Jährige ackert die Papiere penibel durch. Zudem hat er sich mit der Skandalcausa in Verbindung stehende Unterlagen aus den USA beschafft.

Besonders interessiert sich Elsner für den Rechtsvergleich, den seine ehemalige Bank mit den Gläubigern des ebenfalls von Flöttl geschädigten und später pleitegegangenen US-Investmenthauses Refco geschlossen hat. Zur Erinnerung: Zur Besicherung eines Blitzkredits an Refco erhielt die Bawag 34 Prozent der Aktien des Brokerhauses.

Um sich vor Klagen anderer amerikanischer Refco-Gläubiger zu schützen, ließ sich die Bawag und ihr damaliger Eigentümer ÖGB vor sechs Jahren auf einen in Summe 1,1 Milliarden Euro teuren Vergleich ein - so zumindest die bisherige Interpretation des Deals.

Knalleffekt

Denn Elsner lässt gegenüber FORMAT in seinem ersten Interview nach der Haftentlassung mit neuen Fakten aufhorchen. Die 2006 für Bawag und ÖGB verantwortlichen Manager und Funktionäre hätten den US-Gläubigern durch fehlenden Sachverstand, Ungeschicklichkeit oder gar Absicht Unterlagen zur Verfügung gestellt, die diese in eine höchst komfortable Position brachten. Elsner wörtlich: "Der damalige Bawag-Chef Ewald Nowotny und der Österreichische Gewerkschaftsbund haben die Bank binnen weniger Monate kaputt gemacht.“ Und Elsner stellt in den Raum, dass der teure Vergleich nur geschlossen wurde, um das damals in den USA eingefrorene Vermögen von Flöttl freizukämpfen.

Abwehrschlacht

Elsners Vorwürfe bleiben nicht unwidersprochen. Nowotny, heute Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, will sich zu den Vorwürfen zwar nicht äußern. Er lässt aber ausrichten, dass die Sache schon Jahre zurückliege. ÖGB-Finanzchef Clemens Schneider kalmiert: "Wir können den Standpunkt von Herrn Elsner nicht nachvollziehen. Im Übrigen bleiben wir bei unserer bisherigen Vorgangsweise, dass wir zu laufenden Verfahren nicht Stellung nehmen.“ Flöttls Anwalt Herbert Eichenseder weist in diesem Zusammenhang jede Verbindung seines Mandanten mit Refco zurück. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Hillbillies from Austria

Die FORMAT vorliegenden Aussagen der Refco-Gläubiger vor dem US-Gericht zeichnen allerdings ein anderes Bild. Der führende Anwalt der Refco-Gläubiger sagte etwa vor dem District Court in New York unter Wahrheitspflicht aus: "Glücklicherweise, in einer Entwicklung, die kein rationaler Beobachter jemals für möglich gehalten hätte, erfuhren wir als Kläger mehrere kritische Fakten in Dokumenten, die sie (die Bawag, Anm.) uns zur Verfügung stellten.“ Darunter finden sich Berichte, dass der ÖGB als Bawag-Eigentümer unter enormem Verkaufsdruck stand, und über Interventionen der österreichischen Bundesregierung.

Ein weiterer US-Anwalt des Gläubigerausschusses, Luc Despins, schildert die Naivität der Bawag-Manager: "Sie brachten uns Zeitungsbilder, wo lange Reihen verunsicherter Kunden zu sehen waren. Und sie zeigten uns Schlagzeilen, wo über eine drohende Bawag-Pleite berichtet wurde. Das war ein netter Versuch, Druck aufzubauen, aber für uns irrelevant.“ Ein weiterer involvierter Anwalt berichtet von ausgelassenen Champagnerfeiern nach dem für die Refco-Gläubiger überraschend günstigen Vergleich. Dabei wurde auf die "Hillbillies from Austria“ (österreichische Hinterwäldler) angestoßen.

Dabei unterlief der Bawag beim Vergleich ein weiterer schwerer Fehler: Die US-Börsenaufsicht wurde nicht einbezogen. Drei Tage nach dem Vergleich folgte prompt eine Klage der Wertpapieraufseher.

Elsners unmittelbarer Nachfolger als Bawag-Generaldirektor, Johann Zwettler, kommt in einem Telefonat mit FORMAT zur wenig schmeichelhaften Einschätzung: "Beim Vergleich haben aufseiten der Bawag Uninformierte verhandelt.“

Wiederaufnahme des Verfahrens

Die fehlerhaften Handlungen rund um den Vergleich lassen den ein Jahr später beginnenden Bawag-Prozess und die Inhaftierung Elsners in neuem Licht erscheinen. Elsner, der klarerweise seinen Ruf als redlicher Banker wiederhergestellt haben will, drängt auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Und er behauptet, dass mit seiner U-Haft eine restlose Aufklärung des Falls hätte verhindert werden sollen. Auffällig jedenfalls ist: Die österreichische Justiz hat sich nie für den Verbleib der angeblich von Flöttl verspekulierten Hunderten Millionen interessiert.

Das will Elsner nun nachholen: "Mein Ziel ist zudem, das veruntreute Geld nach Österreich retourzubringen. Und zwar dorthin, von wo es gestohlen wurde - nämlich zur Bawag alt und dem Ex-Bankeigentümer ÖGB.“

- Florian Horcicka

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