Helmut Elsner im Interview mit FORMAT:
'Meine Untersuchungshaft ist eine Geiselhaft'

Helmut Elsner sitzt seit drei Jahren in Wien in U-Haft, andere beschuldigte Bosse laufen frei herum. Der Fall des Ex-Bawag-Chefs wirft die Frage auf, ob die österreichische Justiz mit zweierlei Maß misst.

FORMAT: Wie verbringen Sie den dritten Jahrestag Ihrer Untersuchungshaft?
Elsner: So wie die vorangegangenen 1.095 Tage auch: einsam und in Sehnsucht nach meiner Familie.
FORMAT: Was ist Ihr Eindruck von der österreichischen Justiz?
Elsner: Über eine Million ÖGB-Mitglieder und die Bawag wurden von Wolfgang Flöttl betrogen, und die Justiz will nicht wissen, wo das Geld ist. Ich bin überzeugt, dass das eines Tages aufgeklärt und meine Rolle ins rechte Licht gerückt wird. Aber was halten Sie von einer Justiz, die eine Anklage und eine Verurteilung wegen Betrugs ausspricht, ohne den Verbleib der verschwundenen Gelder zu eruieren?

"Meine U-Haft ist Geiselhaft"
FORMAT: Warum sind Sie Ihrer Meinung nach in Untersuchungshaft?
Elsner: Meine U-Haft ist Geiselhaft. Während des Prozesses hat man mehrmals versucht, mich zu einem Geständnis zu bewegen. Obwohl ich wusste, dass ein Geständnis die U-Haft beenden würde, habe ich das entschieden abgelehnt, weil ich unschuldig bin. Sie können jetzt sagen, ich bin stur – allerdings unschuldig.
FORMAT: Was war bis zur U-Haft die größte Ungerechtigkeit, die Ihnen aus Ihrer Sicht widerfahren ist?
Elsner: Die Vorverurteilung durch die Medien und die Verhaftung an sich aufgrund eines bewusst falschen und möglicherweise bestellten Artikels. Besonders der ORF als staatlicher Rundfunk hat sich durch seine einseitige Berichterstattung aus durchsichtigen politischen Gründen hervorgetan.

Bauernopfer der SPÖ
FORMAT: Bewundern Sie, wie Julius Meinl und die Meinl Bank gegen die Staatsanwaltschaft kämpfen?
Elsner: Wenn man in der Lage ist, binnen 54 Minuten eine Kaution von 100 Millionen Euro zu stellen, dann fällt es einem auch leichter, eine Armada an Anwälten und Beratern zu beschäftigen. Obwohl diese enorme Summe aus dem Ausland bezahlt wurde, gibt es hier offensichtlich vonseiten der Justiz nicht das Argument eines „Fluchtfonds“. Sehr wohl aber in meinem Fall: trotz der Überprüfung meines Kontos bis in die 80er-Jahre zurück und trotz diesbezüglich negativer Auskünfte der Schweiz und Frankreichs.
FORMAT: Was bedeutet für Sie Solidarität?
Elsner: Diese Frage kann vielleicht Herr Gusenbauer in Kuba beantworten. Er meinte im Frühsommer 2006 lakonisch, „am Ende des Tages werde ich wissen, wo meine Freunde sitzen“.
FORMAT: Sehen Sie sich als Bauernopfer der SPÖ?
Elsner: Selbstverständlich. Aufgrund der Fakten. Präsident Verzetnitsch hat in seiner Aussage während des Prozesses geschildert, dass Rudolf Hundstorfer in einer ÖGB-Sitzung im Frühjahr 2006 wörtlich gesagt hat: „Wir brauchen ein Bauernopfer.“ Dies musste auch Ewald Nowotny im Prozess zugeben.

"Die Hackeln im ÖGB fliegen tief"
FORMAT: Wie stehen Sie zum ÖGB?
Elsner: Der ÖGB ist so gut wie die dort handelnden Personen. Der Chef der Postgewerkschaft, Gerhard Fritz, hat mir in einem Telefonat anlässlich meines Geburtstages 2006 versichert: „Die Hackeln im ÖGB fliegen tief, da werden alte Rechnungen beglichen.“ Er hat gewarnt, ich werde dabei unter die Räder kommen.
FORMAT: Was halten Sie vom ehemaligen Bawag-Chef Nowotny?
Elsner: Auch hier halte ich mich an die Fakten. Nowotny wurde als Nachfolger von Johann Zwettler bestellt, weil dieser über Betreiben von Finanzminister Grasser zurückgetreten wurde. Er hat die Bank innerhalb weniger Monate in Tateinheit mit Hundstorfer, Bank und ÖGB vernichtet. Diesbezüglich habe ich eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft übermittelt, alle Details kann man dort nachlesen.
FORMAT: Welche Fehler haben Sie in Ihrem beruflichen Leben gemacht?
Elsner: Ich habe dem Sohn meines Vorgängers vertraut, Wolfgang Flöttl, einem Mann, den ich ein Vierteljahrhundert kannte. Derzeit bereiten wir neue Anzeigen gegen Flöttl vor.

"Am schlimmsten ist die Einsamkeit"
FORMAT: Gibt es etwas, das Sie bereuen?
Elsner: Ich habe im Jahr 2006 den Beteuerungen verschiedener Personen wie etwa Prof. Brandstetter und Prof. Nowotny geglaubt, die mir wiederholt versicherten, ich sollte mir keine Sorgen machen, denn es würde nie zu einer Anklage kommen, es werde alles im Konsens geregelt.
FORMAT: Wenn Sie das Rad der Zeit zurückdrehen könnten, was würden Sie alles anders machen?
Elsner: Ich würde in einer so schwierigen Situation, wie sie 2006 herrschte, mehr Kommunikation mit der Öffentlichkeit betreiben, auch wenn der Anwalt, so wie in meinem Fall, massiv davon abrät.
FORMAT: Besitzen Sie noch etwas in Österreich?
Elsner: Die Achtung und Zuneigung meiner Familie und meiner Freunde.
FORMAT: Was ist an der Isolation im Gefängnis das Schlimmste?
Elsner: Die Einsamkeit und die Unfähigkeit, der Familie bei ihren Sorgen und Problemen zu helfen.

Der Vergleich mit Sokrates
FORMAT: Wir haben gehört, Sie lesen viel. Haben Sie interessante Bücher entdeckt, die Sie weiterempfehlen würden?
Elsner: Besonders interessieren mich Platons „Apologie“ und sein Essay „Das Gastmahl“. Beide Schriften behandeln das Verfahren und das Urteil gegen seinen Lehrer Sokrates vor 2.500 Jahren. Unter Bezug zur Jetztzeit ist dieses Werk besonders aktuell: Damals hat der Richter das Todesurteil nicht aufgrund rechtlicher Überlegungen, sondern auf Wunsch der Bürger von Athen gefällt. Dies erinnert mich eins zu eins an den Bawag-Prozess. Weiters hat mich das Buch „Unterwegs verloren“ von Ruth Klüger sehr beeindruckt sowie „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón.
FORMAT: Glauben Sie, haben Sie unter einer Justizministerin Claudia Bandion-Ortner überhaupt eine Chance auf eine faire Behandlung?
Elsner: Eine faire Behandlung hat es schon während des Prozesses nicht gegeben, weder durch Bandion-Ortner noch durch Staatsanwalt Krakow. Er musste die Richterin aufgrund ihrer fachlichen Hilflosigkeit während der Verhandlung immer wieder unterstützen, so mutierte sie zu „Krakows Posaune“. An dieser Rollenverteilung soll sich auch im Ministerium nichts geändert haben, wie man aus ihrer Umgebung hört.

"Ernste gesundheitliche Folgen"
FORMAT: Rechnen Sie noch damit, lebend aus dem Gefängnis zu kommen?
Elsner: Der ärztliche Leiter der Justizanstalt, Primar Kaiser-Mühlecker, hat mehrmals mit dem zuständigen Richter Christian Böhm über meinen schlechten Gesundheitszustand und die daraus resultierenden ernsten Folgen gesprochen, leider ohne Erfolg. Seinen Ärger darüber hat Primar Kaiser einmal auch gegenüber einer Tageszeitung kundgetan, was ihm negatives Feedback vonseiten des Justizministeriums eingebracht hat. Dennoch sind seine Bemühungen um meinen Gesundheitszustand uneingeschränkt, wofür ich sehr dankbar bin. Dies und die Vorstellung, freizukommen, geben mir die notwendige Energie, nicht aufzugeben.
FORMAT: Was würden Sie machen, wenn Sie wieder in Freiheit wären?
Elsner: Nachhause gehen und meine Familie umarmen.

Interview: Miriam Koch, Ashwien Sankholkar

Im Bild: Helmut Elsner am 04. Juli 2008, im Rahmen des letzten Prozesstages im BAWAG-Prozess in Wien.

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