Heini Staudinger – der bessere Grillo?

Heini Staudinger – der bessere Grillo?

Rote Jacke, wirre Haare, starke Sprüche: Schuhproduzent Heini Staudinger ist auf dem besten Weg, der Beppe Grillo Österreichs zu werden. Allerdings mit mehr Sachverstand.

Lokalaugenschein bei den Waldviertler Werkstätten in Schrems, Anfang März 2013. 70 Händler aus den 35 GEA-Partnergeschäften haben sich zum jährlichen Briefing eingefunden. Sie durchstreifen die engen Produktionshallen der Schuhfabrik, checken die neue Kollektion, stürmen das handgezimmerte Buffet mit viel Knödel, Schweinsbraten, G’selchtem und Sauerkraut.

Derweil steht der Boss Heini Staudinger hinter der Budel im weitläufigen Fabriksverkaufsraum und vertickt die klobigen, festen GEA-Böcke an eine Touristengruppe, die extra im Bus angereist ist. "Seit dem Rummel um den FMA-Konflikt verkaufen wir um 50 Prozent mehr“, sagt er. Dann hurtet Staudinger in sein Wohn-Schlafzimmer im Erdgeschoß der Fabrik, gleich neben einer Belegschaftstoilette. Dort wirft der Gottseibeiuns von FMA und Banken seine inzwischen allseits bekannte rote, abgewetzte Jacke über und packt im Büro nebenan, das aussieht, als würde eine Horde Messies hier werken, schnell noch ein paar Unterlagen über das jüngst gekaufte Schremser "Hotel zur Post“ (Gesamtinvestition: 1,5 Millionen Euro) zusammen. Darunter auch ein Papier mit den drei Grundgesetzen seines kleinen Konzerns: "Erstens: Scheiß Dich nicht an. Zweitens: Sei nicht so deppert. Drittens: Furchtlos und klug können auch Einbrecher sein. Unser Regulativ ist die Liebe.“

Zum populären Robin Hood der Kleinunternehmer gemacht hat Staudinger die Auseinandersetzung mit der österreichischen Finanzmarktaufsicht. Sein Cousin, Spar-Vorstand Rudolf Staudinger, bestätigt: "Es ist kaum zu glauben, wie viele Menschen mich nicht wegen Spar, sondern auf den Heini total positiv ansprechen. Viele vergleichen ihn schon, nicht nur wegen seines Aussehens, mit diesem Italo-Rebellen Beppe Grillo.“

Der Hintergrund der Auseinandersetzung: Heini Staudinger hat seit 1999 von insgesamt 192 Freunden, Familienmitgliedern und Geschäftspartnern Kapitaleinlagen in Form von Darlehen in der Gesamthöhe von 2,979 Millionen Euro zu einem jährlichen Zinssatz von vier Prozent und zur laufenden Finanzierung des Betriebs entgegengenommen. Weil diese Art von Crowdfunding (siehe " Kredit von der Masse ") dem heimischen Bankwesengesetz (Verstoß gegen Prospektpflicht und Einlagensicherungs-Regeln) widerspricht, wurde er von der FMA zu einer Verwaltungsstrafe von 10.000 Euro und einer Beugestrafe von 2.000 Euro verdonnert. Die will er aber nicht zahlen und notfalls ins Gefängnis gehen.

Verzicht und freier Wille

Inzwischen haben 185 Darlehensgeber eine Klausel unterschrieben, in der sie sich ausdrücklich auf ihren "freien Willen“ berufen, auf ihren Anspruch auf Einlagensicherung verzichten und sich eine "Bevormundung durch Staat und FMA“ erbost verbitten. Außerdem hat Staudinger vor zwei Wochen einen Vorschlag für ein "BürgerInnen-Darlehensgesetz“ präsentiert, das die Prospektlegungspflicht liberalisieren soll. Derzeit brauchen Unternehmen, die sich über Direktdarlehen finanzieren, ab 100.000 Euro einen oft teuren Anlegerprospekt. Staudinger will diesen Rahmen EU-konform auf fünf Millionen erhöhen.

Sein Argument: "Von den 23 Millionen KMUs in der EU würden viele ohne die finanzielle Hilfe von Freunden und Verwandten nicht existieren, weil sie von den Banken kaum mehr Kredit bekommen. Aber die FMA schützt nur die Banken, die uns in die Krise gestürzt haben. Es geht in diesem Kampf nicht nur um eine Lösung für mich, sondern für alle kleinen Betriebe.“

Sätze wie diese und seine unbeugsame, rebellische Art haben Heini Staudinger in kürzester Zeit eine stetig wachsende Gefolgschaft beschert. Wildfremde Leute kommen in GEA-Geschäfte, um ihre Solidarität zu bekunden, berichtet eine Händlerin aus Ried: "Tenor: Er mag schrullig sein, aber Recht hat er schon.“

"Zuerst hat sich Heinis Anhängerschaft auf Schrems begrenzt, wo er aus dem Nichts immerhin 130 Arbeitsplätze geschaffen hat“, meint sein jüngerer Bruder Hans. "Er ist zwar schwierig, aber furchtlos und menschenfreundlich. Deswegen ist seine Community auf ein Vielfaches der zwölf Apostel angewachsen. Das ist inzwischen eine ernstzunehmende politische Masse. Ich sehe keine Privatperson in Österreich, die ein ähnliches politisches Momentum hätte wie der Heini.“ Vor allem die Wirkung seiner mit 1,5 Millionen Auflage in jedem alternativ angehauchtem Haushalt verbreiteten GEA-Postille "Brennstoff“ sei nicht zu unterschätzen, so der Direktor der Wiener Architekten- und Ingenieurskammer.

Hans Staudinger, der das GEA-Business in den ersten Jahren mit aufgebaut und manchen Strauß mit seinem Bruder ("Zwei Alpha-Viecher, kein Wunder“) ausgefochten hat, verortet die Grundlagen für diese Street-Credibility in der Familiengeschichte im oberösterreichischen Schwanenstadt.

Heini ist der älteste Sohn der aus fünf Familien bestehenden Staudinger-Sippe, "in der ein Besserwisser den anderen übertrumpfen will“, so Cousin Rudolf. Vom Vater, der sein Lebtag den lokalen Spar-Laden geführt hat, habe er "die Grundlagen meines ökonomischen Wissens“ gelernt: "Grüßen, Bedienen, Kopfrechnen. Und dass Auskommen wichtiger ist als Einkommen.“ So verfügt Heini bis heute über kein Bankkonto, und wenn er Geld braucht, bittet er seine rechte Hand Silvia Kieslinger um "ein paar Hundert Euro“. Sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn dürfte vor allem einer längeren Afrikareise geschuldet sein, die er kurz nach dem Internat im Linzer Petrinum und einem lukrativen Ferialjob als Nachtwächter am Münchner Olympia-Gelände 1972 mit einem Studienkollegen unternahm. Der Trip führte ihn zu einem Entwicklungshilfe-Arzt in Tansania und einer prägenden Konfrontation mit Armut und Leid. Seither hat er eine Million Euro Spendengelder für das dortige Spital aufgestellt.

Die PUM-Polit-Lehrjahre

Diese Erfahrung und das allgemeine kritische politische Klima unter jungen Studenten - Staudinger hatte nach der Afrika-Episode ein Medizinstudium begonnen - führten 1979 zu seinem ersten großen Aufstand, der fast wie eine Blaupause seines heutigen Kampfs gegen das Finanzsystem erscheint. Weil ihm die Politik des damaligen Bürgermeisters von Schwanenstadt, gleichzeitig sein Onkel und Vater von Cousin Rudolf, missfiel, gründete er kurzerhand die Rebellenpartei "PUM“ - "Partei für Umweltschutz und Menschlichkeit“. Elf Tage subversiven Wahlkampfs reichten, die PUM zog mit fünf Prozent in den Schwanenstädter Gemeinderat ein, und Heini machte bis 1985 dem Onkel das Leben schwer.

"Wir haben derart viele Wahlkampfspenden bekommen, dass uns ein Guthaben von 40.000 Schilling übrig geblieben ist“, berichtet Heini heute noch stolz. "Und ich war mit 26 einer der jüngsten Gemeinderäte Österreichs.“ Rudolf Staudinger hingegen erinnert sich an diese Phase eher mit gemischten Gefühlen: "Es hat sich schon damals gezeigt, wie stur und kompromisslos er sein kann, wenn er etwas durchsetzen will. Er trägt die Eitelkeit des Weltverbesserers in sich.“

Heini Staudinger sagt, er sei sich dieser Schwäche seiner Impulsivität wohl bewusst: "Der Zorn ist manchmal schon eine Bürde. Um ihn zu zügeln, hat mich bei den FMA-Verhandlungen die Silvia auch immer mit einem Codewort auf Kisuaheli beruhigt. Es heißt ‚Nahubenda‘ - ich liebe dich.“

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