Hans Dichands Vermächtnis: Sohn Christoph
führt jetzt das Lebenswerk fort

Nach dem Tod des Zeitungszaren Hans Dichand könnte es bald wieder einen Versuch geben, 100 Prozent der Anteile am Boulevard-Blatt zurück nach Österreich zu holen. Neuer Bevollmächtigter der Familie wird Christoph Dichand werden.

Sein Leben, seine Gedanken waren meist öffentlich. Was Hans Dichand für richtig hielt, wen er schätzte, wer in Ungnade fiel, wurde Österreich via „Kronen Zeitung“ direkt oder zwischen den Zeilen mitgeteilt. Sein letzter Weg geschieht hingegen im Stillen: Zum Begräbnis auf dem Grinzinger Friedhof am Freitag wird nur der engste Familienkreis erscheinen. Auch sein Letzter Wille ist noch nicht publik.

Derzeit ist die Familie in Trauer um den Patriarchen vereint, der 89-jährig starb und aus einem Kleinformat die größte Zeitung des Landes geschaffen hat. Aber diese Eintracht wird nicht von Dauer sein: Zu unterschiedlich sind die Interessen der Erben. Auf der einen Seite stehen die beiden älteren Kinder, Michael und Johanna, beide Freigeister. Auf der anderen Seite ihr kleiner Bruder Christoph mit seiner ehrgeizigen Frau Eva. Fights, wer künftig das Sagen hat, sind da programmiert, noch dazu, wo sich die Familie die „Krone“ mit der deutschen WAZ-Gruppe genau zur Hälfte teilt. „Angst vor dem Tod habe ich überhaupt nicht. Aber ich möchte das, was ich erreicht habe, sichern für die, mit denen ich als Familie zusammenhänge. Ich möchte es halten und weitergeben“, erklärte der Senior vor seinem Tod.

Der Poker um die Macht

Die WAZ hat bereits einen Tag nach Dichands Tod verkündet, 100 Prozent an der „Krone“ übernehmen zu wollen. Die Familie lehnt das entschieden ab und würde ihrerseits gern die Deutschen auskaufen. Sie wird wahrscheinlich noch vor dem 14. Juli ein Angebot an die WAZ legen – um zu sehen, was dann passiert. In den nächsten Monaten wird sich an den Verhältnissen wohl nichts ändern, aber beide Seiten werden ihre Sache weiter betreiben.

Die Hauptrolle spielt Christoph Dichand, den sein Vater zum Nachfolger auserkoren hat, nicht nur als Chefredakteur der „Krone“. Vor einem Jahr errichtete Hans Dichand die Dichand Medienbeteiligungs GmbH, wo er als Alleineigentümer und -geschäftsführer fungierte. Was nach seinem Ableben passiert, machte er im Gesellschaftsvertrag vom 2. Juni 2009 ganz klar: „Danach wird, sofern und solange Christoph Dichand eine Funktion im Konzern der ‚Krone‘ bzw. Mediaprint ausübt und/oder Gesellschafter der Dichand Medienbeteiligungs GmbH ist, der Geschäftsführer der Gesellschaft von diesem allein bestellt oder abberufen. Ausdrücklich festgelegt wird, dass Christoph Dichand zum Selbsteintritt in die Funktion des Geschäftsführers berechtigt ist.“

Durch die Geschäftsführung in der Beteiligungsgesellschaft, die künftig die Anteile aller Familienmitglieder an der „Krone“ hält, wird Christoph der neue Sprecher der Familie – und damit das Gegenüber der deutschen Mediengruppe WAZ, die seit dem Jahr 1987 „Krone“-Miteigentümer ist. Seit kurzem ist Christoph Dichand zudem Herausgeber der „Kronen Zeitung“. Und in Essen ist man schon allein über die Tatsache, dass man nicht in diese Wahl eingebunden war, ein wenig verschnupft.

Sonderrechte für den „Krone“-König

Solange Hans Dichand lebte, gab es Sonderrechte für den „Krone“-König: Er hatte Anrecht auf einen ergebnisunabhängigen Vorabgewinn in Höhe von rund 8,5 Millionen pro Jahr, erst alle Gewinne darüber hinaus teilten sich Dichand und die WAZ. Für Witwe Helga Dichand sollen es künftig 4,5 Millionen Euro im Jahr sein.

Hans Dichand war alleiniger Herausgeber der „Krone“ und schaltete und waltete, wie er wollte. Nicht immer nahm das der deutsche Miteigentümer hin – zahlreiche Schiedsverfahren waren die Folge. „Ich weiß gar nicht auswendig, wie viele es waren“, sagt WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus. Derzeit ist nur noch eine Causa anhängig: Über die 2006 erfolgte Ablöse von Michael Kuhn als geschäftsführender Chefredakteur wird im Herbst weiter verhandelt.

In der Vergangenheit gab es Streit, aber es gab Entscheidungen. Künftig könnte es bei Unstimmigkeiten oft zu Pattsituationen kommen, bei denen nichts weitergeht. Die Geschäftsführung ist bereits paritätisch besetzt: Neben Wolfgang Altermann, von Hans Dichand eingesetzt, hat die WAZ im Frühjahr Axel Kroll zur „Krone“ geschickt. Auch die Chefredaktion will die WAZ verstärken, wobei dieses Recht umstritten ist. Laut Verträgen soll sie nur ein Mitglied der „Krone“-Redaktion eigenhändig nominieren dürfen, andernfalls kann die Familie ein Veto aussprechen.

Christoph im Clinch mit der WAZ

Für die WAZ ist Christoph Dichand als Sprecher der Familie nicht der Traumpartner, seinen Aufstieg in der „Krone“ hat sie 2001 mehrfach zu behindern versucht. Dennoch wurde er 2003 Chefredakteur des Boulevardblatts. Die Lösung ist den Deutschen aber immer noch lieber, als wenn Michael Dichand Bevollmächtigter geworden wäre. Der Erstgeborene, der sich als Biobauer versuchte und in Kalifornien ins Geschäft mit erneuerbaren Energien einstieg, warf der WAZ-Gruppe vor einigen Jahren vor, in Kroatien mit der „organisierten Wirtschaftskriminalität“ zusammenzuarbeiten. Ein Gericht untersagte ihm diese Äußerungen ausdrücklich, weil er sie nicht beweisen konnte.

Dass Eva Dichand bei der Neuordnung der „Krone“ eine aktive Rolle spielt, gilt als unwahrscheinlich. Nicht, weil sie dazu nicht qualifiziert wäre. Das ist die 37-jährige erfolgreiche Geschäftsführerin der Gratiszeitung „Heute“ allemal. Es kursieren jedoch Gerüchte über gewisse Spannungen mit Familienmitgliedern.

Spannung vor der Testamentseröffnung in Döbling

Eine nicht unbedeutende Rolle im Vermächtnis des Zeitungszaren wird in den nächsten Monaten wohl auch Ulrich Klimscha zukommen. Als sogenannter Gerichtskommissär soll der Döblinger Notar das komplizierte Verlassenschaftsverfahren überwachen. Bereits in den nächsten Tagen soll er das Datum der Testamentseröffnung festlegen – und die Nachfahren dann aufklären, wie hoch ihr Erbanteil an der „Kronen Zeitung“ genau sein wird. „Ich hoffe, dass meine Familie weitermacht“, vertraute der Patriarch vor Jahren dem Monatsmagazin „trend“ an. Eine Vereinbarung, dass die Erben ihre Anteile nur gemeinsam verkaufen dürfen, soll das sicherstellen. Wenn sie auf den Markt kommen, müssten sie zuerst der WAZ angeboten werden – dieses Vorkaufsrecht gilt auch umgekehrt. Beide Parteien stellen aber Verkaufsabsichten derzeit entschieden in Abrede.

In der Familie Dichand glaubt man trotzdem, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis man den Lebenstraum des Vaters erreichen und eine Alleinherrschaft über die „Krone“ ausüben könne. Ein neues Angebot an die Deutschen ist weitgehend fertig. Die WAZ, die offiziell mindestens noch fünf Jahre an Bord bleiben will, wolle nur den Preis treiben, so glauben die Wiener.

Zuletzt scheiterte der Kauf der Anteile daran, dass die WAZ über 200 Millionen Euro wollte. Vonseiten der Dichands war man angeblich nur bereit, inklusive Besserungsschein 180 Millionen Euro zu bezahlen. Die Hälfte der WAZ-Anteile hätten die Dichands gerne für sich. Als Partner für den Rest stünden zwei Gruppen Gewehr bei Fuß: zum einen der Raiffeisen-Konzern unter Christian Konrad, zum anderen ein Konsortium von Wiener Städtische Versicherung und Erste Group. Beide wären bereit, rund 80 Millionen Euro für 25 Prozent an der „Krone“ zu zahlen. Die besseren Karten hat Raiffeisen, weil Änderungen in der Mediaprint, der gemeinsamen Verlagsgesellschaft von „Krone“ und „Kurier“, nur mit Zustimmung von Raiffeisen erfolgen können.

Bessere Position für die WAZ

Das günstige Zeitfenster ist für die Dichands allerdings zugegangen. Die WAZ hat jetzt noch weniger Grund, aus der „Krone“ auszusteigen – und wenn, dann nur zu einem viel höheren Preis. Erstens sind viele Sonderrechte von Hans Dichand mit dessen Tod erloschen. Und zweitens hat sich die finanzielle Situation der Mediaprint wieder deutlich verbessert. Im Vorjahr war Dichands Vorabgewinn deutlich höher als die Gewinnausschüttung der Mediaprint an die „Krone“, was dort einen Bilanzverlust von 3,4 Millionen Euro verursachte – und die WAZ einigermaßen ärgerte. Im Geschäftsjahr, das Ende Juni ausläuft, hat die Mediaprint – nach nur 1,3 Millionen Euro im Jahr zuvor – wieder einen Profit von rund 16 Millionen Euro erzielt.

Eine weitere Aufwärtsbewegung ist budgetiert. „Es wurden Sparmaßnahmen eingeleitet, und wie es aussieht, wird es im kommenden Geschäftsjahr eine deutliche Ergebnisverbesserung geben“, meint WAZ-Geschäftsführer Nienhaus. Gerade jetzt „Krone“-Anteile zu verscherbeln ist für ihn nicht sehr attraktiv.

Er kann sich allerdings eine neue Struktur für die Mediaprint vorstellen, deren Profite im Verhältnis 70 („Krone“) zu 30 („Kurier“) aufgeteilt werden. Das war immer ein sehnlicher Wunsch der Familie Dichand. Ohne Nervenkrieg wird aber auch diese Übung nicht abgehen.

Zuvor ist noch ein paar Tage Zeit der Stille. Was Hans Dichand vom Gedanken, sterben zu müssen, hielt, hat er vor Jahren in einem Interview ebenfalls öffentlich gesagt: „Es regt mich überhaupt nicht auf, nicht einmal zu Allerheiligen hat es mich aufgeregt. Es macht mir wirklich nichts.“

– Miriam Koch, Ashwien Sankholkar

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