"Haben nichts zu verschenken": AT&S-Chef Harald Sommerer im FORMAT-Gespräch

AT&S-Chef Harald Sommerer erklärt, warum er seit Herbst die Hälfte der Jobs in Österreich gestrichen hat, trotzdem eine Dividende ­ausschüttet und für einen flexibleren Arbeitsmarkt plädiert.

FORMAT: Herr Sommerer, während wir sprechen, ist im AT&S-Werk in Leoben für 150 Mitarbeiter heute der letzte Arbeitstag. Seit Herbst mussten 760 Mitarbeiter gehen, die Hälfte der Belegschaft in Österreich. Gibt es weitere Kündigungen?
Sommerer: Der größte Bereich der Stellenkürzungen betrifft das Volumsgeschäft (Anm.: Leiterplatten in hoher Stückzahl) am Standort Leoben, und das wird jetzt gänzlich nach Asien verlagert. Unsere Werke in Österreich beliefern nach Abschluss dieser Maßnahmen ausschließlich den europäischen Markt. Wenn es keine weiteren konjunkturellen Einbrüche gibt, dann sind wir gut aufgestellt.

"Kürzungen nicht ausgeschlossen"
FORMAT: So ähnlich sprachen Sie schon im April, als mehrere Hundert Mitarbeiter gekündigt wurden. Sechs Wochen später strichen Sie weitere 300 Stellen. Sie können nicht ausschließen, dass es zu weiteren Jobkürzungen kommt?
Sommerer: Nein. Der Unterschied ist, dass wir im April noch Teile des Volumsgeschäftes in Österreich hatten, die wir ursprünglich hier halten wollten.
FORMAT: Und innerhalb von nur sechs Wochen haben Sie bemerkt, dass dies nicht möglich ist? Haben Sie nicht eher Entwicklungen verschlafen?
Sommerer: In diesen Wochen gab es viele neue Informationen aus den Märkten und Preisverhandlungen mit Kunden. Die Elektronikindustrie ist eine extrem schnelle Branche. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass heute kein einziges Handy mehr in Europa hergestellt wird? Wir haben bis zum Schluss um dieses Geschäft in Österreich gekämpft.

"Restrukturierung in Österreich sehr teuer"
FORMAT: Jetzt mussten Sie tiefrote Zahlen, also mehr als 50 Millionen Euro Verlust, für das erste Quartal 2009/2010 verkünden. Ist der Eindruck berechtigt, dass es jedes Quartal schlechter wird?
Sommerer: Das vergangene Quartal war von der Restrukturierung geprägt, und die ist in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern sehr teuer. Der Verlust entstand auch wegen einer dramatischen Unterauslastung. Wir verzeichneten in diesem Zeitraum 28 Prozent Umsatzminus. Leider kann dieser Rückgang nicht so schnell von Kostenanpassungen aufgefangen werden. Die Einsparungen werden erst im dritten Quartal voll wirksam.
FORMAT: Die Gewerkschaft behauptet, Sie hätten für das Werk Leoben gar kein Zukunftskonzept. Berechtigte Kritik?
Sommerer: Absoluter Schwachsinn. Wir haben für jedes Werk eine klare Marktausrichtung, in Leoben ist es das Kleingeschäft mit hochtechnologischen Produkten für den europäischen Raum. In diesem Bereich haben wir rund 500 Kunden. Klar ist aber, dass das 150 Millionen Euro Umsatz starke Volumsgeschäft in Leoben nicht von heute auf morgen ersetzt werden kann.

"Klassenkampf-Diskussion führt zu nichts"
FORMAT: Die AT&S wird vier Millionen Euro Dividende auszahlen. Aktionär Hannes Androsch allein wird dadurch über eine Million Euro kassieren. Bräuchte das Unternehmen dieses Geld nicht dringender für Produktentwicklungen?
Sommerer: Jeder Aktionär bekommt 18 Cent pro Aktie Dividende. Wir hatten immer eine konservative Dividendenpolitik. Im Boom verdienten unsere Investoren deswegen nur moderat, und wir möchten in der Krisenphase davon nicht abweichen. Vier Millionen Euro sind im Vergleich zu anderen Positionen, wie etwa der Nettoverschuldung von 150 Millionen Euro, kein entscheidender Betrag. Wir signalisieren Banken und Aktionären, dass wir nicht am Abgrund stehen und über Jahre gepflegte Prinzipien über Bord werfen. Ich weiß, die Entscheidung lädt zu populistischen Aussagen ein.
FORMAT: Zugespitzt: Die Aktionäre sind der AT&S mehr wert als ihre Leute.
Sommerer: Diese klassenkämpferische Diskussion führt zu nichts. Profitstreben ist grundsätzlich ja nicht schlecht, davon lebt die Wirtschaft. Wir haben alle im Boom davon profitiert. Von der Krise sind letztendlich alle Stakeholder inklusive der Aktionäre betroffen. Zu diskutieren, wen es nun am meisten schmerzt, ist Unsinn. Wir brauchen das marktwirtschaftliche System, wenn auch mit mehr Kontrollen.

"Kein Unternehmen hat etwas herzuschenken"
FORMAT: Sie warnen vor einem für Unternehmen zu starren System und plädieren für eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Sind die USA mit ihrer Hire-and-Fire-Politik ein Vorbild?
Sommerer: Man darf Leute natürlich nicht in ein Loch fallen lassen. Aber Unternehmen müssen sich rasch an ein verändertes Umfeld anpassen können. AT&S und viele andere Industriebetriebe registrieren genau, was die Restrukturierungen in Österreich kosten. Bei künftigen Investitions- und Standortentscheidungen werden diese Kosten einkalkuliert.
FORMAT: Hannes Androsch schlug kürzlich ein drittes Konjunkturpaket vor. Unterstützen Sie das?
Sommerer: Ich kenne den Vorschlag nicht im Detail. Generell war in den Konjunkturpaketen bisher nicht alles nachhaltig. Kostenseitige Erleichterungen wie eine Senkung der Lohnnebenkosten und ein flexibleres System würde den meisten Betrieben helfen. Einem globalen Konzern wie der AT&S nützen einzelstaatliche Pakete nämlich recht wenig.
FORMAT: In Ihrer Argumentation liegen Sie wohl eher bei der ÖVP als bei Ihrem Mentor Androsch, Berater von Bundeskanzler Werner Faymann?
Sommerer: In der Betriebswirtschaft gibt es keine roten oder schwarzen Rezepte, da zählen die Kosten und die Wettbewerbsfähigkeit. In der Krise müssen bei nachhaltiger Unterauslastung eben Kündigungen durchgeführt werden, auch wenn man Sozialdemokrat ist. Da verstehe ich die Kritik an Androsch nicht.
FORMAT: Soziale Verantwortung von Firmen ist für Sie demnach kein Thema?
Sommerer: Soziale Maßnahmen sind im Sinne einer langfristigen Unternehmenssicht zu beurteilen. Kein Unternehmen hat etwas herzuschenken; damit würde man den langfristigen Bestand des Unternehmens gefährden.

Interview: Barbara Nothegger

Zur Person
Harald Sommerer, 42, ist seit 2005 Vorstandsvorsitzender der AT&S. Davor arbeitete der Doktor der Wirtschaftswissenschaften bei Bain&Co. und der Creditanstalt. Sommerer ist Vater von drei Kindern und war bis vor kurzem mit einer Tochter von AT&S-Großaktionär Hannes Androsch verheiratet.

AT&S
Der Hightech-Konzern produziert Leiterplatten vor allem für die Elektronik- und Autoindustrie. 2008/09 sank der Umsatz um sieben Prozent auf 450 Millionen Euro, das EBIT brach von 42 auf minus 1,1 Millionen Euro ein.

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen FORMAT-Ausgabe 31/09.

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