"Habe keinen Zauberstab, mit dem ich Jobs retten kann": Boris Nemsic im Interview

Der Telekom-General verteidigt harte Personal-Maßnahmen mit dem Argument, er müsse jetzt die Versäumnisse der letzten vier Jahre ausbügeln.

FORMAT: Stört es Sie, dass Manager plötzlich so ein schlechtes Image haben? Sie werden auch persönlich wegen des Job-
abbaus in der Telekom angegriffen.
Nemsic: Niemand hat eine Freude damit, persönlich angegriffen zu werden. Aber man übernimmt mit einer Aufgabe auch eine Verantwortung. Ich bin nicht der Typ, der sich versteckt. Ich stehe hinter unseren Programmen, weil sie notwendig sind. Ich muss das tun, auch wenn ich mir damit nicht nur Freunde mache.

"Schaut auf Erste nicht sozial aus"
FORMAT: Sie werden in der Öffentlichkeit teilweise als Jobkiller hingestellt.
Nemsic: Ich gebe zu, es schaut aufs Erste nicht sehr sozial aus, was wir tun. Ich habe die Festnetzsparte kürzlich selbst übernommen – und mich wirklich hineingetigert –, um die Versäumnisse der letzten Jahre auszubügeln. Es ist vier Jahre nichts beim Personal passiert und nichts bei den Strukturen. Deswegen müssen die Programme jetzt leider härter ausfallen.

FORMAT: Die Anleger erwarten einen hohen Gewinn, gleichzeitig soll die Telekom der Beschäftigungspolitik dienen. Ist dieser Spagat zu schaffen?
Nemsic: Natürlich müssen wir uns an den internationalen Kapitalmärkten orientieren. Da bin ich konsequent, aber nicht knallhart. Sozial verträglich heißt für mich, das Unternehmen abzusichern, und das werden wir tun. Wir sehen ja alle, wohin uns der Kuschelkurs geführt hat.

FORMAT: Wie leben Sie damit, häufig als Buhmann dazustehen?
Nemsic: Buhmann hat ja mehr mit emotionalen Darstellungen zu tun. Es geht da ums Anpatzen, nicht um eine objektive, sachliche Kritik. Die Realität ändert sich jedoch in keiner Weise, wenn mich die Gewerkschaft persönlich attackiert. Die Fakten bleiben gleich, und die sprechen eine klare Sprache.

"Ich bin nicht so kalt"
FORMAT: Sind die verbleibenden Jobs in der Telekom wenigstens abgesichert?
Nemsic: Mit dem Abbau von 2.500 Stellen will ich den verbleibenden knapp 7.000 Mitarbeitern langfristig eine berufliche Heimat sichern. Das ist unser Ziel, und ich glaube, dass es auf diese Weise funktionieren wird. In zwei Jahren wird es sich als richtig erwiesen haben, was wir jetzt beginnen.

FORMAT: Hinter jedem Job, der wegfällt, steht auch das Schicksal eines Menschen.
Nemsic: Glauben Sie mir, es tut mir sehr leid, wenn jemand keine Arbeit mehr hat. Das berührt mich. Ich bin nicht so kalt, wie manche denken. Es gibt ein Recht auf Arbeit, aber kein Recht auf einen bestimmten Sessel in einer bestimmten Firma. Wir bemühen uns seit langem, den Betroffenen mit Umschulungen, Beratung, Jobbörse usw. zu helfen. Aber alles wurde von der Personalvertretung konsequent kleingeredet und damit verhindert.

Pro Beamtenagentur
FORMAT: Wäre eine Beamtenagentur, die Sie seit Monaten fordern, eine gute Lösung für das Problem?
Nemsic: Ich spreche lieber von einem Arbeitsmarktservice für Beamte. Ich halte die Schaffung eines Instrumentes für sehr sinnvoll, das Beamte aus staatsnahen Betrieben im Umfeld des Bundes vermittelt, also in einem rechtlich abgesicherten System: zum Beispiel zur Polizei. Für die Menschen wäre das die viel bessere Lösung, als zuhause zu sitzen. Die ÖIAG würde sogar ihren Anteil aus unserer Dividende verwenden. Aber auch diese Lösung wurde mit teilweise brutalen Methoden niedergeschmettert.

FORMAT: Politiker und Betriebsräte kritisieren, Sie machten es sich zu einfach: Jobs streichen kann jeder. Gäbe es Alternativen zum Personalabbau?
Nemsic: Einfach ist, von außen nach neuen Diensten und Geschäftsfeldern zu rufen. Wir haben sehr viele innovative Dienste gebracht, zum Beispiel IP-TV. Wir sind, was Innovationen betrifft, ganz vorne in Europa. Wir haben uns jahrelang sehr angestrengt und überproportional viel investiert. Personal zu kürzen ist wirklich die letzte Maßnahme. Aber ich kann den internationalen Trend beim Festnetz nicht aufhalten. Wem das gelingt, dem gebührt der Nobelpreis. Ich habe keinen Zauberstab, mit dem ich Jobs retten kann, die es nicht mehr gibt. Und wie es meine Art ist, spreche ich auch direkt und offen aus: Wir sind leider die ineffizienteste Festnetz-Gesellschaft Europas.

"Unglücklicher zeitlicher Zusammenfall"
FORMAT: Etliche Politiker meinen, ausgerechnet die staatsnahen Betriebe gehen in der Krise als schlechte Vorbilder voran.
Nemsic: Ich kann diese Position verstehen. Ich würde es auch mies finden, wenn jemand im Windschatten der Krise Personal abbaut. Bei uns ist es ein unglücklicher zeitlicher Zusammenfall. Wir haben das seit mehr als einem Jahr geplant und angekündigt. Außerdem sind die Leute abgesichert. Sie bekommen weiter 90 bis 95 Prozent ihres Gehalts.

FORMAT: Machen es die Zurufe aus der Politik einem Manager schwieriger, seine Aufgabe zu erfüllen?
Nemsic: Ich habe bislang keine Zurufe und keine Einflussnahme gespürt. Da muss ich der Politik ein Kompliment machen. Es ist derzeit mehr der Wunsch von einer bestimmten Seite, dass sich die Politik einmischen soll. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Politiker wissen, was sich gehört.

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