Grün ist die Hoffnung: Niedrige Erwartungen nach dem Scheitern des Klimagipfels

Heimische Unternehmen buttern viel Geld in den Klimaschutz. „Grüne“ Produkte sind zum Verkaufsschlager avanciert. Doch was bringt das Ergrünen der Wirtschaft dem Klima?

Perlmuttfarbene Strände, türkisblaues Meer und angenehme 25 Grad Celsius Lufttemperatur. Touristen liegen im Sand und räkeln sich unter der tropischen Sonne. Ein paar hundert Meter weiter sieht das Bild im mexikanischen Luxusbadeort Cancún ganz anders aus: In den Sitzungssälen des Nobelhotels Moon Palace findet dieser Tage die UN-Klimakonferenz statt. Und die Experten dort sind sich einig: In den nächsten Jahren wird es auf dem Planteten heißer, und extreme Hitzewellen und Stürme werden häufiger – ein etwas unangenehmes Szenario für Cancúns Touristen.

Die Erwartungen an den globalen Klimagipfel hingegen sind abgekühlt. Nach dem grandiosen Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen im vergangenen Jahr glaubt kaum ein Umweltexperte und Politiker mehr an einen Erfolg in Cancún. Wenn, dann seien höchstens Teilerfolge – Stichwort Nachfolgeabkommen des Kioto- Protokolls – erzielbar.

Dabei sind Schlagworte wie „grün“ und „nachhaltig“ schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, zumindest in Österreich. Kaum ein heimisches Unternehmen, das nicht mit Energieeffizienz und Umweltfreundlichkeit bei den Kunden punkten will. Autos etwa, so eine Studie des deutschen Beratungsunternehmens Brands & Values, lassen sich mit dem Image der Nachhaltigkeit besser verkaufen.

Die Liste der „grünen“ Konzerne ist lang: Allein der Stahlerzeuger voest alpine, größter CO2-Emittent des Landes, steckt jährlich 50 Millionen Euro in Umweltschutzinvestitionen. Der Industrieriese Siemens will sein „grünes Portfolio“ um zehn Prozent pro Jahr steigern, Technologie dafür soll auch aus Österreich kommen. Die Handelsketten Spar und Rewe wetteifern heftig um die Zuschreibung „nachhaltigster Supermarkt“. Die Telekom Austria plant, Hunderte Telefonzellen in Stromtankstellen für E-Autos umzuwandeln. Insgesamt pumpt die österreichische Wirtschaft laut einer Erhebung der Statistik Austria rund 470 Millionen Euro in den Klimaschutz. „Klimaschutz wird uns in den nächsten hundert Jahren beschäftigen. Das haben die meisten Unternehmen begriffen“, erklärt Dieter Drexel, Umweltexperte der Industriellenvereinigung. Doch was bringt das „Ergrünen“ der Wirtschaft dem Klima tatsächlich?

Nachhaltigkeits-Wettlauf

Vorzeigebeispiel Handel: Die Rewe-Gruppe (Billa, Merkur, Penny) etwa brachte heuer die neue Marke „Pro Planet“ in ihre Läden. Gemeinsam mit Caritas und Global 2000 kennzeichnet der Handelsriese Produkte, welche die Umwelt weniger belasten. Äpfel, Radieschen, Trauben, Chinakohl und Eisbergsalat hat Rewe davon im Sortiment. „Mittelfristig sollen auch noch andere Warengruppen folgen“, so Rewe-Sprecherin Corinna Tinkler.

Bis 2015 senkt die Handelskette ihre Treibhausgas-Emissionen sogar um fast ein Drittel gegenüber 2006. So steht es zumindest in der Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens. Seit zwei Jahren werden deshalb alle Gebäude der Rewe mit Strom aus erneuerbarer Energie wie Wasser- und Windkraft versorgt.

Im Wettlauf um die Konsumenten will auch Erzkonkurrent Spar nicht nachstehen. So hat das Unternehmen heuer zwei Klimaschutzmärkte eröffnet, die auch zertifiziert sind. Die beiden Supermärkte verbrauchen durch energieeffiziente Kühlanlagen, Beleuchtung, Dämm- und Heizanlagen um 50 Prozent weniger Energie als bisher. Bei Umbauten und neuen Filialen soll künftig ähnlich viel Energie gespart werden und auf fossile Brennstoffe verzichtet werden. „Nachdem Spar gerade die ersten beiden Klimaschutzmärkte des Landes eröffnet hat, würde ich sagen, haben wir nun die Nase vorne“, so Spar-Österreich-Chef Hans Reisch kürzlich.

Der Stahlkocher voestalpine (jährliche CO2-Emission: rund zwölf Millionen Tonnen) hat so viel investiert, dass er bei der Treibhausgasreduktion an seine Grenzen gestoßen ist. „Im Produktionsprozess können wir nicht mehr ein sparen“, meint Sprecher Nikola Donig, „außer wir verwenden ein anderes Erz oder ändern grundlegend den Erzeugungsprozess.“ Einsparungen sind somit nur durch zusätzliche kleinere Schritte machbar. Zuletzt optimierte die voestalpine die interne Mobilität in den Stahlwerken. Dabei hätte das Linzer Unternehmen auf jeden Fall einen Anreiz, Treibhausgase zu reduzieren. Die voestalpine unterliegt dem Emissionshandel und muss jede zusätzliche Tonne CO2 teuer einkaufen. Derzeitiger Preis dafür: rund 14 Euro pro Tonne. Außerdem wird auf EU-Ebene ein Nachfolgesystem diskutiert. Befürchtet wird, dass dann die Tonne CO2 dramatisch teurer wird. „Im schlimmsten Fall steigt der Preis auf 30 bis 60 Euro pro Tonne“, meint Donig.

Das große Klima-Engagement der Wirtschaft geht manchen Umweltexperten aber zu wenig weit. „Jede Maßnahme für den Klimaschutz ist gut“, urteilt Greenpeace-Experte Jurrien Westerhof, „doch es wäre wesentlich mehr drin.“ Ähnlich sieht das auch Klimaexpertin Margit Kapfer von der Wiener Umweltberatung denkstatt: „Leider fehlt es an Anreizen, mehr zu tun.“ In der Gebäudesanierung etwa wäre enormes Potenzial. Dies ist manchen Unternehmen zu teuer: Rund 300 Euro kostet mit dieser Maßnahme eine Tonne CO2-Einsparung.

Allerdings sind die Industrie und das produzierende Gewerbe für rund ein Drittel des Treibhausgasausstoßes in Österreich verantwortlich. In Summe wurden in Österreich 2008 rund 88,6 Millionen Tonnen CO2. Nationales Ziel bis 2012 sind rund 68,8 Millionen Tonnen CO2, und bis 2020 soll der Ausstoß um 16 Prozent auf Basis des Jahres 2005 verringert werden. Der Industrie werden dabei nicht allzu große Anstrengungen abverlangt, monieren Experten, außerdem fehlen einheitliche Standards für nachhaltige Produkte.

Oft nutzen schwarze Schafe auch den Grün-Trend bloß zur Imageauffettung. Bestes Beispiel ist der Ölkonzern BP. Jahrelang butterte der britische Ölkonzern Geld in eine Nachhaltigkeitskampagne. 2005 wurde der Konzern sogar vom „Manager Magazin“ als sozialstes Unternehmen Europas gekürt. Ein genauerer Blick hätte wohl zur Enttarnung genügt.

– Barbara Nothegger

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