Großes Drama im Burgtheater oder die Kunst, Kultur zu managen

"Der falsche Film", heißt das Stück, das Matthias Hartmann zuletzt probte. Es spielt zur Zeit des Kriegs in Frontnähe und die Darsteller beschäftigen sich mit der Frage, ob sie dank der ausgezeichneten Ästhetik ihres Schaffens jenseits von Gut und Böse sind.

Großes Drama im Burgtheater oder die Kunst, Kultur zu managen

Für 6. April wäre die Premiere angesetzt gewesen, doch nun hat der diese Woche fristlos entlassene Burgtheater-Direktor wahrscheinlich selbst das Gefühl, im falschen Film zu sitzen. Vor ein paar Monaten war er in Wien noch der mehr oder weniger gefeierte Burg-Chef, jetzt kämpft er mit Hilfe von Anwälten um seine letzten Rechte.

Zum steilen Fall kam es, weil Kreativität im Burgtheater auch dort betrieben wurde, wo sie nicht angebracht ist, nämlich in der Buchhaltung. Und weil ein Geschäftsführer für die Bilanzen seines Unternehmens verantwortlich ist, auch wenn er sich vor allem als Künstler versteht. Die öffentlichen Gelder sind knapp, die Sponsoren sparen, die Personalkosten steigen - das bringt viele Kulturinstitutionen an den Rand des Ruins. Wenn das Programm nicht reduziert werden soll, müsste sich auch einiges an den Rahmenbedingungen in Österreich ändern - nicht nur für die Burg.

Fit-&-Proper-Test?

"Kunst zu managen, ist eine höchst anspruchsvolle Aufgabe“, sagt der Wiener Strategie-Experte Stefan Höffinger. Er hat mehrere Studien darüber verfasst, wie die Effizienz von Kulturinstitutionen gesteigert werden kann. Das Wichtigste sei, dass ein Selbstverständnis entwickelt wird, ein nachhaltig wirtschaftendes und kundenorientiertes Unternehmen zu sein. "Von einem Geschäftsführer, der 200.000 Euro und mehr pro Jahr verdient, von dem kann man auch unternehmerisches Denken verlangen“, sagt Höffinger.

Theoretisch könnte man analog zu den Fit-&-Proper-Tests, bei denen das Wissen von künftigen Bankdirektoren und -aufsichtsräten abgefragt wird, auch für Verantwortliche systemrelevanter Kulturinstitutionen Prüfungen einführen. So könnte man zumindest Minimalstandards an ökonomischem Wissen festlegen, die nicht unterschritten werden dürfen, zumindest dort wo Jahr für Jahr Millionen an Steuergeldern als Subvention hinfließen. Denn Hartmann etwa wird nachgesagt, dass er sich zwar gern als Sanierer bezeichnete, in Zürich aber Mühe gehabt haben soll, eine Bilanz von einer Erfolgsrechnung zu unterscheiden.

Änderungsbedarf für den neuen Kulturminister Josef Ostermayer wird es auch bei den Strukturen geben. Angesichts des plötzlich aufgetretenen Burg-Finanzlochs - derzeit wird ein Verlust von 8,5 Millionen Euro für das vergangene Geschäftsjahr erwartet - ist offensichtlich, dass die Struktur der Bundestheater-Holding nicht vor bösen Überraschungen bewahrt.

Derzeit sind die österreichischen Bundestheater als ein aus fünf eigenständigen Gesellschaften mit beschränkter Haftung bestehender Konzern organisiert, zusammengesetzt aus der Bundestheater-Holding, dem Burgtheater, der Wiener Staatsoper, der Volksoper Wien und der Theaterservice GmbH. Der Bund hält die Anteile an der Holding, die Holding an den einzelnen Theatern. Damit ist Georg Springer, Chef der Bundestheater-Holding, der mächtigste Mann im heimischen Theaterbetrieb. Der gelernte Jurist war auch Vorsitzender des Aufsichtsrats der Burg - erst diese Woche hat er die Kontrollfunktion zurückgelegt. Dass ihm lange verborgen blieb, dass große Summen Bargeld an der Burg offenbar munter aus- und mitunter später wieder einbezahlt wurden, dass mit Abschreibungen die Bilanz schöngerechnet und Zahlungen an das Finanzamt verschlampt wurden, all das lässt manche an seiner Aufsicht und überhaupt an der Sinnhaftigkeit der Muttergesellschaft zweifeln.

"Was hat die Holding überhaupt noch für eine Funktion?“, argumentiert Anton Wais, früherer Post-Chef und seit jeher leidenschaftlicher Theaterbesucher. "Wie Kultur in Österreich verwaltet wird, ist äußerst fragwürdig.“ Noch drastischer formuliert es Beate Meinl-Reisinger, Kultursprecherin der Neos: "Eine Holding, die nichts sieht, nichts hört und nichts weiß, ist nur ein Kostenfaktor.“

Denn auch wenn den Theatern, Opernhäusern und Museen das Geld an allen Ecken und Enden fehlt, Synergien werden bei weitem nicht alle gehoben. So könnte die Buchhaltung und Lohnverrechnung der einzelnen Institutionen und auch der Einkauf gemeinsam abwickelt werden. Höffinger schwebt hier das Modell der "Stiftung Preussischer Kulturbesitz“ vor, in der unter einem Dach verschiedene deutsche Museen vereinigt sind (siehe Höffinger-Interview ).

Vorbilder suchen

Zudem wäre es gut, dass man auch im Kulturbereich von den Besten lernt und sich daran ein Beispiel nimmt. Vorbildwirkung könnten die Bregenzer Festspiele haben, aber auch internationale Museen, die sich zu mehr als 70 Prozent selbst finanzieren. Dass das keine einfache Aufgabe ist, liegt auf der Hand: Infolge der Finanzkrise etwa fällt die verstaatlichte Kommunalkredit als Sponsor für die Albertina aus, Superfund hat die Zahlungen für das Burgtheater wieder eingestellt. Und die Angst vor den neuen strengen Anfütterungs-Paragraphen machen es den Kulturmanagern schwer, neue Geldgeber ins Haus zu holen.

So bleiben die Einnahmen im besten Fall stabil, die Kosten aber galoppieren davon, vor allem die Ausgaben fürs Personal. Viele der Beschäftigten aus dem technischen und dem Verwaltungs-Bereich der Staatsbühnen agieren - noch - ähnlich wie Beamte, die keine neue Tätigkeit übernehmen, wenn sie nicht im Kollektivvertrag steht.

Hier wäre es durchaus möglich, mehr Bewegung rein zu bringen - zumindest wenn es dafür politische Unterstützung von ganz oben gibt. Denn einfach die Ohren zu verschließen, wenn etwa Staatsoperndirektor Dominique Meyer oder der Chef der Vereinigten Bühnen Wien Thomas Drozda ein Klagelied anstimmen und vor Verlusten warnen, ist keine Lösung.

Frischer Wind wäre auch für die Kontrollgremien nötig. Denn nicht nur Bundestheater-Boss Springer, auch der restliche Burg-Aufsichtsrat steht in der Kritik. "Wir sind auch ein selbstreflexiver Aufsichtsrat und haben uns nach der ersten Schockwelle gefragt: Haben wir etwas übersehen?“, verteidigt der neue Vorsitzende des Burgtheater-Aufsichtsrats, Christian Strasser das Gremium. Im Aufsichtsrat finden sich zwar viele honorige Persönlichkeiten - etwa die frühere Politikerin Heide Schmidt oder der sBausparkassen-Chef Josef Schmidinger. Aber selbst wenn keine Versäumisse vorgeworfen werden können: Geballtes ökonomisches Wissen sieht anders aus - auch darauf sollte in Zukunft mehr Augenmerk gelegt werden.

Doch zunächst hat man dringlichere Probleme: Bis zur nächsten Sitzung am 19. März soll es eine Interimslösung für die Führung der Burg geben. Schon jetzt wird spekuliert, wer der neue Herr oder die neue Frau am Ring sein könnte und welche Akzente er oder sie setzt. Denn derzeit steht nicht nur "Im falschen Film“ am Spielplan - auch "Wunschloses Unglück“ und "Endstation Sehnsucht“ sind noch im Repertoire.

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