Große Show um Strauss-Kahn

Mit welcher Strategie ausgefuchste Starverteidiger Dominique Strauss-Kahn, bis vor kurzem einer der mächtigsten Männer der Weltwirtschaft, vor 25 Jahren Gefängnis retten wollen.

Ein großer schwarzer Personentransporter hält vor dem Südeingang des New Yorker Strafgerichts in Manhattan. Es ist der 6. Juni 2011, fast genau neun Uhr morgens. Zahlreiche Zuschauer und Dutzende Journalisten stürmen zum Auto. Zuerst steigen zwei muskulöse Bodyguards aus. Dann tritt Dominique Strauss-Kahn, Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), im blauen Anzug heraus. Blitzlichtgewitter bricht los. Rund hundert Frauen in Zimmermädchenuniform senken den Daumen. „Schande über dich, Schande über dich“, brüllen sie, während der Franzose mit seiner Frau Anne Sinclair zum Gerichtsgebäude geht.

Im 13. Stock des Gerichtsgebäudes hört man die Frauen immer noch schreien. Der Saal im State Supreme Court ist brechend voll, viele Journalisten, vor allem aus Frankreich, warten. Dann betritt Strauss-Kahn, der in den US-Medien als „DSK“ bekannt ist, durch einen Seiteneingang den Raum.

Der 62-Jährige soll ein aus Westafrika stammendes, 32-jähriges Zimmermädchen im renommierten New Yorker Hotel Sofitel vergewaltigt haben und danach versucht haben, das Land zu verlassen. Die Staranwälte Benjamin Brafman und William Taylor von der auf Wirtschaftskriminalität spezialisierten Kanzlei Zuckerman Spaeder in Washington sollen DSK beim Prozess vor einer Gefängnisstrafe von bis zu 25 Jahren bewahren.

Amerikaner als Verteidiger der Schwachen

Dass einer der mächtigsten Männer der Weltwirtschaft – in Frankreich bis zuletzt als Präsidentschaftskandidat gehandelt – nun vor Gericht steht, ist kaum zu verstehen: Strauss-Kahn kennt die harschen Gesetze in den USA. Vier Jahre lang arbeitete er als IWF-Chef in der Hauptstadt Washington, besitzt ein schönes Haus in Georgetown, dem Stadtteil der Mächtigen und Reichen. Der Vater von vier Töchtern muss die zahlreichen Bilder von Angeklagten in den US-Medien gesehen haben, die in Handschellen zum sogenannten „Perp-Walk“ den Journalisten vorgeführt werden. Dieses zweifelhafte Vorgehen stempelt den Beschuldigten schon vor der Verhandlung ab. So ist das in Amerika: Gerät man in die Mühlen der Justiz, springt die ziemlich ruppig mit einem um.

Die Sache sieht schlecht für Strauss-Kahn aus. Der Fall wird vor einer Jury verhandelt. Und die wird mit dem Zimmermädchen sympathisieren. Ein Reicher und Mächtiger vergreift sich an einer Wehrlosen, da gehen bei Amerikanern normalerweise alle Warnlampen an. Das Zimmermädchen ist eine Immigrantin aus Guinea, wuchs dort in einem kleinen Dorf auf und zog nach dem Tod ihres Ehemannes nach New York. Mit ihrer Tochter wohnt sie in einem der heruntergekommenen Hochhäuser in der Bronx. Der notorisch libidinöse Strauss-Kahn hingegen mietete sich für 50.000 Dollar im Monat ein Haus im Edelstadtteil Tribeca, um dort unter Hausarrest den Prozess abzuwarten. „Das ist ein Fall, in dem das Opfer starke Sympathien weckt“, sagt Deborah Denno, eine Professorin von der Ford Law School.

Die Anklage wird jeden von Strauss-Kahns zahlreichen Ausrutschern gegenüber Frauen herausstellen, um der Jury ein Verhaltensmuster nahezulegen. Dazu hat man weitere Trümpfe in der Hand: Das Zimmermädchen meldete den Vorfall sofort beim Hotel und wurde umgehend zum Krankenhaus gebracht. „Damit haben sie gerichtsmedizinische Beweise“, sagt Diane Rosenfeld, Rechtsexpertin von der Harvard University.

Doch die DNA-Analyse belegt nur, dass es zum Sex kam. Beantwortet wird damit nicht die Frage, ob die Frau freiwillig mitmachte oder nicht. Hier könnten Expertenaussagen der Jury nahelegen, dass die Frau gezwungen wurde. „Ihr Verhalten spricht sehr für sie“, so Rosenfeld. Viel hängt von der Aussage des Zimmermädchens vor Gericht ab. Sie muss sympathisch, verzweifelt und glaubwürdig zugleich erscheinen.

Doch Strauss-Kahns Anwalt Brafman gilt als Experte des Kreuzverhörs. Der Staranwalt hat schon viele Prominente vor dem Knast bewahrt. Als beispielsweise Rapper Sean Combs – alias Puff Daddy – 1999 vor seiner Freundin Jennifer Lopez und vor mehr als 100 Zeugen in einem Nachtklub eine Schlägerei anfing und mit einer Pistole herumfuchtelte, sprach das Gericht ihn vor allem dank Brafmans Verteidigungskunst frei. Dessen Vorteil: Brafman kennt sich auf beiden Seiten des Strafrechts aus, arbeitete selbst viele Jahre für die Staatsanwaltschaft Manhattan. Er sei gut darin, Klienten, deren Welt über Nacht zusammengebrochen ist, wiederaufzurichten, rühmte sich der 62-jährige Starverteidiger jüngst in einem Interview mit der Website Lawline.com. „Ich habe wohl mehr Menschen vor dem Selbstmord bewahrt als jeder Psychiater der Welt.“

Kampagne gegen Zimmermädchen

Dem Team um Brafman bleibt auch in diesem Fall nur die Flucht nach vorn. Bis zum Verhandlungsbeginn werden sie das Leben des Zimmermädchens bis in den letzten Winkel ausleuchten. Brafman wird alles recht sein, um die 32-Jährige in ein schlechtes Licht stellen zu können. Laut Medienberichten erkundigen sich bereits Strauss-Kahns Helfer in der früheren Heimat der Frau nach ihrer Vergangenheit. Umgekehrt muss Brafman die ehrenhafte Seite seines Klienten herausstellen und Zeugen für seine Großherzigkeit aufstellen.

Ganze vier Minuten dauerte die Anhörung am 6. Juni. Viel passierte nicht, aber Strauss-Kahn sagte zum ersten Mal seit der Verhaftung etwas in der Öffentlichkeit. Viel war es nicht, aber bedeutend. „Nicht schuldig“, antwortete er auf die entsprechende Frage des Richters.

– Thomas Jahn, New York

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