Google: Comeback von Gründer Larry Page

Die Google-Suche ist der wichtigste Anker für Surfer im Internet-Ozean. Der neue „alte“ Chef Larry Page soll dafür sorgen, dass das auch künftig so bleibt.

Der leicht heruntergekommene Wikinger mit Geweih an seiner Mütze und der Typ im Kuhanzug, um den Hals einen Gummilatz mit Zitzen, sie waren in Partystimmung. Es ist Ende Oktober 1998, als Steven Levy die beiden Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page zum ersten Mal trifft. Das Datum erklärt den Aufzug: Halloween. Der „Wired“-Journalist erlebt zwei schräge Typen, wie er in seiner lesenswerten Neuerscheinung „In The Plex“ beschreibt, zwei Typen, von denen keiner ahnt, dass ihnen einmal eine der mächtigsten Firmen der Welt gehören wird.

Vom Start-Up zum Weltkonzern

Zu der Zeit hatten die beiden Stanford-Informatiker gerade den Sprung vom Uni-Projekt zum Start-up geschafft und ihr erstes Büro über einem Fahrradladen in Palo Alto gegen ein Gebäude in Mountain View getauscht. Ihr Unternehmen Google sollte das junge Online-Universum katalogisieren, doch darin versuchten sich andere auch. Pages Idee – Websites nach Relevanz zu sortieren – war allerdings neu und der Schlüssel zu einem neuen Geschäft: dem Legen von Links.

Heute investiert der 24.000 Mitarbeiter starke Konzern in Solarkraftwerke, programmiert Handy-Software, digitalisiert Bibliotheken und besitzt die größte Rechenzentrumsfarm der Welt. Verdient wird zu 90 Prozent mit der Werbung, die im Kontext der Abermilliarden Suchabfragen in den Google-Diensten auftaucht. Google-Österreich-Chef Karl Pall kann sich immer wieder wundern, wie selbstverständlich sich seine Firma in den digitalen Alltag integriert hat. „Von 120 Wirtschaftsstudenten wissen meist nur fünf bis zehn, womit Google sein Geld verdient.“ Das Geschäft mit den hauseigenen Werbeformen AdSense und AdWords wurde über die Jahre perfektioniert und lokalisiert. Wer in Österreich eine Firma anmeldet, bekommt einen Google-Gutschein zugeschickt. Werbung ist überall.

Cashcow Google

Die Aufzucht dieser fetten Cashcow ist das Verdienst von Eric Schmidt, den die Investoren 2001 geholt hatten, um geschäftliche Strukturen in das kreative Chaos von Brin und Page zu bringen. Deren erste Wahl wäre eigentlich Steve Jobs gewesen. „Da hätte sich aber eher der Dalai Lama dazu bewegen lassen“, sagt Chronist Levy. Dies sah dann auch Larry Page ein, der sich das Schicksal eines Nikola Tesla – als genialer Ingenieur und Erfinder von Elektromotoren verkannt und verarmt – ersparen wollte. Dass Google groß werden musste, richtig groß, stand bei Page schon früh auf dem Plan.

Unter Schmidts Regentschaft wird das Start-up zum Weltkonzern und „googeln“ zum Verb. Korrektiv und Expertise des gestandenen Managers Schmidt waren notwendig. Page wollte von einem reglementierten Tagesablauf nichts wissen und schwieg in vielen Meetings einfach vor sich hin. „Leute, die sich mit ihm unterhielten, fragten sich oft, ob er nicht ein leichtes Asperger-Syndrom habe“, schreibt Levy. Brin war gesprächiger, aber kein Chef-Typ. „Er stürzte mit unter atemlos und mit Rollerblades in Strategiebesprechungen mit Externen“, erinnert sich ein Beteiligter an die frühen Jahre. Ein Unternehmen zwischen Kreativ-Bude mit Innovationen am laufenden Band und Global Player – in diesem Spannungsfeld muss sich Google behaupten, das spiegelt auch das Führungstrio wider.

China ist die Wende

2010 kommt es zum Bruch, auch wenn nach außen alles unversehrt scheint. China wird zu Schmidts Waterloo. Er will mit Google trotz der Zensurforderungen der chinesischen Regierung im Land bleiben. Page und Brin wollen raus und setzen sich durch. Anfang 2011 kündigt Schmidt seinen Rückzug an. Als Aufsichtsratsvorsitzender soll er sich um Dinge kümmern, die Page und Brin ohnehin nicht in die Hand nehmen wollen, darunter Verhandlungen mit Regierungen.

Seit April sitzt „Wikinger“ Page bei Google als CEO am Ruder, ein Job, den er vor 2001 schon machte. Damals hatte Google 200 Mitarbeiter. Heute ist die Mannschaft hundertmal größer – und das Wunderkind des Silicon Valley steckt in einer Art Krise.

Die Organisation, wegen ihrer Größe schwerfälliger, lässt sich längst nicht mehr als Start-up führen. Immer wieder melden sich unzufriedene Mitarbeiter, denen Gratis-Gourmetverköstigung, -Massagen und -Concierge-Service gestohlen bleiben können, wenn Aufstiegschancen fehlen.

Junge Eliteuni-Doktoren sitzen auf Positionen fest, die sie völlig unterfordern. Dass die Leute weg wollten, ist bei Google zwar nichts Neues. Der Ehrgeiz, den Suchmaschinenriesen nur als Startrampe zu sehen, gehörte immer schon dazu. „Das ist das Gen, nach dem Larry und Sergey suchen“, erklärt Vorzeigemanagerin Marissa Mayer, die seit den Gründungstagen dabei ist. Beunruhigender ist, dass die Mitarbeiter während ihrer Zeit bei Google nicht mehr das Beste aus sich herausholen können oder wollen. Die größte Beleidigung innerhalb der Branche ist für den Konzern aus Brainiacs, dass sein Suchmaschinen-Erfolg als „one-trick pony“ bezeichnet wird: so viele ehrgeizige Projekte, und nur ein einziges bringt Geld.

Hinzu kommt Googles Imagekampf: die Datenkrake, die ihre Finger überall hat. Was mit kontextbezogener Werbung beim Webmail-Dienst Gmail begann, erreichte in Europa zuletzt mit Protesten gegen die virtuelle Landkarte Streetview seinen Höhepunkt. Das Unternehmensmotto „Don’t be evil“ wird außerhalb des Konzerns nur noch ironisch verwendet.

Page zieht neue Saiten auf

Doch nach seinem Comeback hat Page die Gefahren erkannt und agiert professioneller als früher. Gleich an seinem ersten Tag als CEO unterbreitet er dem insolventen Telekomausrüsterkonzern Nortel ein 900-Millionen-Dollar-Angebot für Patente, die dem Google-eigenen Betriebssystem für Smartphones und Tablets, Android, nützlich sind.

Danach befördert er sieben Manager in strategisch entscheidende Positionen: Er macht sie zu kleinen CEOs mit unabhängigen Unternehmensbereichen. Gleichzeitig nimmt der langjährige Spitzenmanager und Schmidt-Vertraute Jonathan Rosenberg seinen Hut. Vorrangiges Ziel von Page: die Sparten Android und YouTube ebenfalls zu Gewinnbringern zu machen. Außerdem soll der Umbau weitere Bereiche, auf die Page setzt, nach vorne bringen: den Browser und das Betriebssystem Chrome, den Bereich „Lokales und Handel“ sowie den besonders wunden Punkt der sozialen Netzwerke. „Google ist in regelrechter Facebook-Panik“, sagt Levy.

Dass Page die Jahresboni aller Mitarbeiter mit dem Erfolg beim Thema soziale Netzwerke verknüpft, ist eine mehr als deutliche Message. Mit seiner Facebook-Alternative „orkut“ ist Google bislang nur in Lateinamerika erfolgreich, der Twitter-ähnliche Dienst Buzz gilt überhaupt als Rohrkrepierer. Und Mark Zuckerberg schwingt sich in der Zwischenzeit mit seinem 600-Millionen-User-Netzwerk schon zum großen Player im Internet-Werbemarkt auf. 1,86 Milliarden Dollar Werbeeinnahmen lukrierte der Facebook-Gründer 2010. Heuer soll sich der Wert fast verdoppeln.

Die Angst vor Facebook ist berechtigt, legen auch die Beobachtungen von Franz Karner nahe. Er lebt mit seiner Firma EssentialMind von der Google-Optimierung von Websites. Zu ihm kommen jetzt immer häufiger Kunden, die lieber eine Facebook-Site optimiert haben wollen. Karner: „Facebook weiß mehr über die Nutzer als Google.“

+1

Google trifft bei Facebook auf eine Art geschlossenes Web. Facebook sammelt Daten über seine Benutzer, auf die Google keinen Zugriff hat und die noch dazu besonders ausführlich sind. Zudem holen sich Benutzer inzwischen Infos oder kaufen im Web ein, ohne überhaupt bei Google vorbeizuschauen: die verlinkten Nachrichtenströme auf Twitter und Facebook machen es möglich. Eine erste Chance für Google, den Fuß in die Tür sozialer Netzwerke zu bekommen, könnte das kürzlich vorgestellte „+1“ (gesprochen: plus one) sein. Über diese Google-Version des Like-Buttons sollen einerseits die Suchergebnisse verbessert werden. Wichtiger noch ist die Möglichkeit eines Nachrichten-Streams, ähnlich jenem auf Facebook, wo Benutzer ihre „+1“-Vorschläge mit Freunden teilen können. Diese Bewertung wird früher oder später in den Algorithmus einfließen: Das Page-Rank-Verfahren ist das Coca-Cola-Rezept des Such-Giganten und wird permanent verfeinert. „Allein 2010 wurden über 500 Verbesserungen im Algorithmus durchgeführt“, verrät Österreich-Chef Karl Pall.

Der Montessori-Konzern

Page hat der Formel den Namen gegeben, und er ist berühmt für seine „moon shots“: visionäre, mitunter leicht verrückte Projekte. Unter Googlern macht der Scherz die Runde, dass Page in der Zukunft war und regelmäßig zurückkommt, um davon zu berichten. Für Managerin Marissa Mayer hängt das unternehmerische Draufgängertum bei Google mit der Schulausbildung der Gründer zusammen: „Wer weiß, dass Larry und Sergey Montessori-Kinder sind, versteht die Firma besser.“ Autorität habe für die Abgänger der Alternativschule keine Bedeutung, gegen sie aufzubegehren sei eine Art Reflex.

Die Bandbreite der Projekte ist erstaunlich. So unterhalten die Kalifornier etwa eine eigene Entwicklungsabteilung für Alternativenergien. Zu Wochenbeginn ließen sie mit einem Investment über 168 Millionen Dollar für ein Solarenergieprojekt in der Mojave-Wüste aufhorchen. Und Google wird noch ein paar neue Ufer betreten. Larry Page meint das ganz ernst mit dem Wagemut der Wikinger, nicht nur zu Halloween.

– Barbara Mayerl, Alexandra Riegler (USA)

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