Glück statt BIP

Glück statt BIP

Vor knapp drei Monaten fand im New Yorker Hauptquartier der Vereinten Nationen die weltweit erste "Konferenz des Glücks“ statt. Ein Event von magischer Anziehungskraft.

Mehr als 600 Staatsoberhäupter, Wissenschaftler und Politiker waren der Einladung des Königreichs Bhutan gefolgt - wo das Recht auf Glück in der Verfassung steht und der Wert "Bruttoinlandsglück“ mehr gilt als anderswo die Messlatte "Bruttoinlandsprodukt“ (BIP).

Als der damalige buddhistische König Jigme Singye Wangchuck bereits in den 70er-Jahren diesen Begriff geprägt hat, galten dessen neun "Domänen“ - die neben Gesundheit und Lebensstandard auch spirituelle Bedürfnisse oder die Verwendung von Zeit beinhalten - allenfalls als interessanter, exotischer Unterhaltungsbeitrag. Inzwischen hat der Himalaya-Staat am jüngsten Weltgipfel "Rio +20“ sogar ein komplettes Wirtschaftsmodell auf dieser Basis vorgestellt.

Die Lücke im BIP

Bhutan steht mit diesem Konzept längst nicht mehr allein auf weiter Flur. Spätestens seit Ausbruch der Krise sind sich mehr und mehr Politiker, Ökonomen und Statistikexperten darüber einig, dass das BIP als Gradmesser des nationalen Wohlstandes und der Lebensqualität eines Landes nicht mehr ausreicht.

Tatsächlich werden im BIP lediglich die Produktion von Waren und Dienstleistungen, die am Markt gehandelt werden, berücksichtigt sowie bestimmte staatliche Aktivitäten. Unentgeltliche Leistungen - etwa Hausarbeit, Nachbarschaftshilfe oder ehrenamtliche Tätigkeiten - werden nicht berücksichtigt. Außerdem werden beim BIP Ressourcenabbau und Umweltschäden weitgehend ignoriert, was nicht nur bei Ökologen für heftige Kritik sorgt.

"Die große Bedeutung des BIP liegt zwar nach wie vor darin, dass in einer einzigen ‚Magic Number‘ alle wirtschaftlichen Aktivitäten abgebildet sind, die man in Geld messen kann“, meint dazu Konrad Pesendorfer, Generaldirektor der Statistik Austria, wo derzeit ebenfalls an einer Art österreichischem Glücksindex getüftelt wird. "Aber ist es gut, wenn das BIP steigt, dabei aber wichtige Ressourcen unwiederbringbar verlorengehen? Nicht nur der Aspekt der Nachhaltigkeit muss stärker berücksichtigt werden.“

Besseres Mittelfeld

Was inhaltlich vor 40 Jahren bereits in der "Club of Rome“-Studie "Die Grenzen des Wachstums“ gefordert wurde, scheint nun langsam in Form einer ganzen Reihe alternativer Wohlfühl-Indices Gestalt anzunehmen. Deren gemeinsames Ziel ist das Ende des "BIP-Fetischismus“, wie es Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ausdrückt, der mit seinem Kollegen Amartya Sen 2010 im Auftrag von Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy diesbezügliche Empfehlungs-Richtlinien erarbeitet hat.

Neben dem Human Development Index der UN sind inzwischen der "Better Life Index“ der OECD, der das BIP mit einer Vielzahl von sanften Faktoren ergänzt, und der "Happy Planet Index“, der besonderen Wert auf den ökologischen Fußabdruck eines Landes legt, Produktionsfaktoren jedoch völlig vernachlässigt, zu breiterer Bekanntschaft gelangt. In beiden Rankings liegt Österreich in Sachen Glück und Wohlbefinden lediglich im besseren Mittelfeld.

Glücks-Index-Austria

Allerdings, so Pesendorfer, seien solche Wertungen mit Vorsicht zu genießen: "Wenn etwa beim Happy-Planet-Index Indien zwei Plätze vor der Schweiz liegt, heißt das auch, dass viele Inder ärmer sind, daher weniger verbrauchen und somit einen kleineren ökologischen Fußabdruck hinterlassen.“

Dennoch sind sich alle EU-Statistiker einig, dass derartige Nachhaltigkeits-Aspekte in Zukunft stärker in das "Europäische System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“ einfließen sollen. Nicht umsonst arbeitet in der Statistik Austria gerade ein sechsköpfiges Team an der Umsetzung der Stiglitz-Empfehlungen für einen österreichischen Glücks-Index, der auf den Säulen Haushaltswohlstand, Lebensqualität und Nachhaltigkeit basieren und im Herbst 2012 präsentiert wird.

GRAFIK: Better-Life-Index und Happy-Planet-Index

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