Gianluigi Nuzzi: "Die Dokumente enthalten die Geldflüsse der schmutzigsten Skandale"

Der italienische Journalist veröffentlichte in „Vaticano S.p.A.“ das Geheimarchiv von Monsignore Dardozzi.

FORMAT: Wie sind Sie an das Archiv von fast 5.000 Dokumenten aus dem Vatikan von Renato Dardozzi gelangt?
Gianluigi
Nuzzi: 2007 sind die Testamentsvollstrecker von Monsignore Renato Dardozzi in der Redaktion der Zeitschrift „Panorama“, für die ich arbeite, aufgetaucht. Dardozzi hatte verfügt, dass sein Archiv von Vatikan-Dokumenten veröffentlicht werden sollte. Sie waren auf der Suche nach einem investigativen Journalisten, der nicht anti-klerikal eingestellt ist und daraus kein Pamphlet gegen die Kirche machen würde – und sind auf mich gekommen.

"Geld der schmutzigsten Skandale"
FORMAT: Wie sind Sie an die Dokumente gekommen?
Nuzzi: Dardozzi hatte sie in der Schweiz im Keller eines Bauernhofs versteckt, dessen Bewohner gar nicht wussten, was da lagerte. Es waren zwei große Hartschalen-Koffer voll. Ich habe sie unter Begleitschutz eines Bodyguards abgeholt und nach Italien gebracht – das ist ja nicht ungefährlich. Dann habe ich sie eingescannt und eineinhalb Jahre am Buch gearbeitet.
FORMAT: Was sind für Sie die brisantesten Ergebnisse?
Nuzzi: Die Dokumente zeigen detailliert, was in der Vatikanbank nach dem Fall des berüchtigten Paul Marcinkus geschah. Darüber wusste man bisher gar nichts. Sie zeigen, dass das kriminelle System von Geldwäsche, geheimen Konten und Schmiergeldern über eine Parallelstruktur der Vatikanbank unvermindert weitergeführt wurde. Es sind die Geldflüsse der schmutzigsten Skandale der ersten Republik enthalten – von der Mafia bis zum Schmiergeldskandal. Sie belegen auch, dass der Vatikan die Ermittlungen der Antikorruptions-Operation „Mani Pulite“ blockierte.

"Hinter den Kulissen Staub aufgewirbelt"
FORMAT: Wie hat der Vatikan auf das Buch reagiert?
Nuzzi: Öffentlich nur mit großem Schweigen. Sie konnten auch nur so auf ein Buch antworten, das auf ihren eigenen Originaldokumenten beruht und bisher kein einziges Mal geklagt wurde. Hinter den Kulissen scheint das Buch aber einigen Staub aufgewirbelt zu haben: Man sagt, dass es der Grund dafür ist, dass der Präsident der Vatikanbank, Angelo Caloia, nun vorzeitig abgelöst wird und mehr Transparenz hergestellt wird.
FORMAT: Welche Rolle spielte Caloia denn in den Finanzskandalen?
Nuzzi: Man muss ihm zugute halten, dass er – als er De Bonis und seinem Parallelsystem anonymer Konten auf die Schliche kam – sich dagegenstellte und versuchte, aufzuräumen. Aber er ist einer derjenigen, die die Wahrheit so gedreht haben, dass die Staatsanwaltschaft „nicht in Versuchung geführt wird“, weiterzuermitteln: Das ist ein Originalzitat aus einem Fax von ihm an den Anwalt. Er hat also die Ermittlungen behindert.

"Keinerlei Geldwäscheabkommen"
FORMAT: Das Archiv geht bis in die späten 1990er-Jahre. Müssen wir annehmen, dass der Vatikan bis heute eine Drehscheibe für schmutziges Geld ist?
Nuzzi: Also alles kann nicht in Ordnung sein – sonst würden sie jetzt nicht Kommissionen bilden und den Präsidenten ablösen. Massimo Ciancimino, Sohn des Mafiabosses und Kronzeuge, hat ausgesagt, dass die letzte Zahlung an seinen Vater über das IOR vor zwei Jahren stattgefunden hat. Die Vatikanbank wird nicht kontrolliert, der Vatikan hat keinerlei Geldwäscheabkommen unterzeichnet. Er ist wohl der geschlossenste Offshore-Finanzplatz der Welt.

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