Getrübter Blick aufs Unternehmen: Gangart gegen schlampige Aufsichtsräte wird härter.

Die Gangart gegen schlampige Aufsichtsräte wird härter. Eine Studie zeigt, dass die meisten Aufseher noch immer zu wenig über Firmeninterna wissen.

Was für Horst Pöchhacker als Ehrenaufgabe begann, dürfte nun für den ÖBB-Aufsichtsratschef zur schweren Belastung werden. Anfang dieser Woche kündigten die Grünen und das BZÖ an, Anzeige gegen ÖBB-Organe, inklusive Pöchhacker, zu erstatten. In einem jetzt vorgelegten Bericht des Rechnungshofs heißt es nämlich, die ÖBB-Kontrolleure hätten es unterlassen, eventuelle Pflichtverletzungen des Vorstandes ausreichend zu untersuchen. „Ich hoffte lange auf die Selbstreinigungskräfte des Systems, das funktioniert nicht“, erklärt die Grüne Gabriele Moser.

Mit der Aufarbeitung von Spekulationsverlusten, Kreditausfällen und Firmenpleiten wird auch die Gangart gegen die Aufseher der betroffenen Unternehmen härter: In Deutschland wurden in acht Fällen Aufsichtsräte vor Gericht gebracht. In Österreich soll neben der ÖBB auch der Aufsichtsrat der Kärntner Hypo Alpe Adria wegen Pflichtverletzungen zur Verantwortung gezogen werden.

Besonders erschreckend dabei ist, dass trotz dieser aufkommenden Kritik Aufsichtsräte aus der Wirtschaftskrise offensichtlich kaum etwas gelernt haben: Eine neue Umfrage von euroSEARCH im Auftrag der Wirtschaftsprüfer Süd-Ost Treuhand und FORMAT zeigt, dass der größte Teil der befragten Kontrolleure sich nur mittelmäßig über interne Abläufe wie Risikomanagement und interne Kontrollsysteme im Unternehmen informiert fühlt. „Wenn ein Aufsichtsrat seine Kontrollfunktion ernst nimmt, muss er genau diese Bereiche unter die Lupe nehmen“, meint Friedrich Spritzey von der Süd-Ost Treuhand (SOT) in Graz.

Zu wenig Information?

In der Praxis ist dies oft schwieriger als in der Theorie. Gerade das Risikomanagement und das Kontrollsystem sind komplex, und deren Überprüfung wird im Aufsichtsrat meist in den Prüfausschuss ausgelagert. „Ein Super-Experte, der alles weiß, existiert so nicht. Bei diesen Themen ist ein Aufsichtsrat außerdem extrem abhängig vom Wirtschaftsprüfer, der wesentlich mehr Zugang zu den relevanten Informationen hat“, meint Kleinaktionärsvertreter Wilhelm Rasinger, selbst Aufsichtsrat.

Daher plädieren die Studienautoren, selbst Wirtschaftsprüfer, für eine stärkere Einbindung ihrer Zunft in die Kontrollgremien. „Der Wunsch ist da, die Expertise der Wirtschaftsprüfer auch abseits der Aufsichtsratssitzungen und der Hauptversammlung stärker zu nutzen“, meint Anton Schmidl von der SOT in Klagenfurt.

Mangelnde Aufsichtsratskultur

Warum die Aufseher dennoch nicht darauf zurückgreifen, liegt aus Sicht der Arbeiterkammer (AK) klar auf der Hand: Es mangle an Aufsichtsratskultur. In einer Studie vom vergangenen November erhob die AK, dass die durchschnittliche Sitzungsdauer gerade mal zwei Stunden beträgt und die Sitzung meist ein reiner Formalakt ist. Die Tagesordnung wird schnell abgehandelt, die Aufsichtsräte laden kaum externe Experten und Manager der zweiten Führungsriege ein und setzen viel zu selten Prüfungsschwerpunkte.

„Es hat sich schon viel geändert, doch der eine oder andere glaubt noch immer, eine Aufsichtsratssitzung sei eine nette Plauderei“, formuliert der Kapitalmarktbeauftragte der Regierung, Richard Schenz.

Laut SOT-Umfrage wünschen sich Aufsichtsräte generell mehr Informationen. Bei der Frage, wodurch die Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Aufsicht verbessert werden könnte, meinen 33 Prozent, durch mehr gegenseitige Information, und ein Viertel spricht sich für detaillierte Berichtspflichten des operativen Managements aus. „Die Aufsichtsräte sind selbst schuld, wenn sie sich zu wenig informiert fühlen“, ärgert sich Schenz, „sie haben das Recht, sich alle Informationen zu holen.“

Konter gegen die lasche Arbeit kommt von Theresa Jordis. Die Advokatin gehört dem Aufsichtsrat von AUA, Erste Group und Miba an: „In den Aufsichtsgremien, in denen ich bin, dauern die Sitzungen den ganzen Tag, und es werden sehr wohl externe Experten beigezogen.“

Doch verwunderlich wäre es nicht, dass manchen der Biss fehlt: 2008 lag das Durchschnittliche Salär der rund 18.000 heimischen Aufsichtsräte bei 18.700 Euro. Im Vergleich bringt die gleiche Position in einem DAX-30-Unternehmen in Deutschland rund 80.000 Euro pro Jahr ein. Laut SOT-Umfrage glaubt die Mehrheit der Aufsichtsräte (40 Prozent), dass ihre finanzielle Unabhängigkeit der wichtigste Faktor für die Integrität des Gremiums ist. „Wenn die Aufgabe als Aufsichtsrat ernst genommen wird, sollte auch die Bezahlung besser sein“, meint Viktoria Kickinger, Initiatorin der Plattform Initiative Aufsichtsräte Austria. „Man sollte den vollen Tagsatz verrechnen“, meint sie.

Viele Ämter, wenig Zeit

Die meisten Aufsichtsräte haben für detaillierte Nachfragen und mehr als die vier gesetzlich vorgeschriebenen Sitzungen ohnehin gar nicht die Zeit. Laut AK bekleiden die Kapitalvertreter der ATX-Unternehmen im Schnitt sechs Aufsichtsrats- bzw. Vorstandsmandate. Spitzenreiter ist mit 26 Mandaten – auch in vielen Tochtergesellschaften – RLB-OÖ-Chef Ludwig Scharinger. Der Corporate Governance Kodex empfiehlt maximal vier zusätzliche Mandate in einer aktuellen Vorstandsposition.

Offenbar schätzen Aufsichtsräte auch die geforderten Fähigkeiten für die Position nicht korrekt ein. In der Umfrage der Süd-Ost Treuhand meinen fast 60 Prozent der Befragten, strategische Fähigkeiten seien das Wichtigste. Hingegen glauben nur 31 Prozent, es komme darauf an, in Bilanzanalyse geschult zu sein, und nur vier Prozent meinen, Sanierungserfahrung zu brauchen. „Es passiert daher öfter, dass Aufsichtsräte Expansionspläne schmieden, dabei aber vergessen, das Unternehmen operativ gesund zu halten. Die Früherkennung von Risiken, Ertragsschwäche und Liquiditätsengpässen wird dabei übersehen“, meint Spritzey.

Positiv fällt auf, dass Aufsichtsräte immer stärker für ihre Verantwortung gegenüber dem Unternehmen sensibilisiert sind. Bei der Süd-Ost-Treuhand-Umfrage gaben immerhin satte 40 Prozent an, dass Aufsichtsräte über die im Gesetz enthaltenen Maße für ihre Handlungen auch finanziell zur Verantwortung gezogen werden sollen.

„Es soll eine persönliche Haftung der Aufsichtsräte geben, die nicht durch eine Versicherung auf null minimiert werden kann. Ein bis zwei Jahresvergütungen könnten dafür eingesetzt werden“, meint auch Kleinaktionärsvertreter Rasinger.

Trotz aller Kritik und großspuriger Ansagen wie eben gegen die ÖBB-Aufseher wird es künftig nur in Einzelfällen möglich sein, Aufsichtsräte für Pflichtverletzungen haftbar zu machen und Schadenersatz zu erhalten.

Denn vor Gericht gilt: Ein Fehler erfolgte durch schuldhaftes pflichtwidriges Verhalten, und der eingetretene Schaden ist Folge dieses Fehlers. „Es muss eine messbare Reduktion des Gesellschaftsvermögens durch einen Aufsichtsratsfehler vorliegen. Schwierig, das einem einzelnen Aufsichtsrat tatsächlich nachzuweisen“, meint Anwältin Theresa Jordis.

– Barbara Nothegger

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