Geschäfte mit gutem Gewissen

Grün und fair hilft über die Konsumflaute: Klein- und Mittelbetriebe haben bewussten Konsum und Nachhaltigkeit als Marktlücke entdeckt – und sind damit überdurchschnittlich erfolgreich.

Stellen Sie sich vor, Sie präsentieren den neuen Nachhaltigkeitsbericht Ihres Unternehmens. Die Zahlen stimmen, die Energieversorgung ist ökologisch, das Sozialprojekt ins richtige Licht gerückt. Und dann hören Sie beim Empfang einen Gast angewidert fragen: „Ist das etwa Antibiotika-Zuchtlachs auf dem Industrie-Brötchen hier?“ In solchen Fällen hilft der schönste Umweltbericht nichts, selbst wenn er auf grauestem Recycling-Papier mit Pflanzenfarben gedruckt wurde: Die Glaubwürdigkeit ist futsch.


Daniela Reiter und Maria Lettner haben genau in solchen peinlichen Momenten – und ihrer Vermeidung – eine Marktlücke gefunden. Reiter ist eigentlich Psychologin und Genderexpertin, Lettner Germanistin, doch Feste gefeiert haben sie immer schon gerne. Nun tun sie das professionell: Mit ihrer Agentur „extrafest“ organisieren sie Veranstaltungen, die von der Einladungskarte bis zum Blumenschmuck ethisch und ökologisch einwandfrei sind. Die beiden können sich vor Anfragen kaum retten: Denn ethisch einwandfreie Veranstaltungen sind gefragt – und im Dschungel der Anbieter mühsam zu organisieren.


„extrafest“ ist eines von vielen österreichischen Klein- und Mittelunternehmen, die mitten in der Konsumflaute Nachhaltigkeit als Geschäftsidee entdecken und damit überdurchschnittlich erfolgreich sind.


Manche schon seit Jahren: wie etwa Ernst Gugler (siehe Bild) von gugler* print and media. Die niederösterreichische Druckerei ist die erste Anlaufstelle für alle, die Wert darauf legen, dass ihre Druckwerke ökologisch einwandfrei sind. Doch Ernst Gugler tut mehr, als nur giftfrei auf Recycling-Papier zu drucken: Die Zentrale in Melk ist ein ökologischer Holzbau. Die 78 Mitarbeiter werden aus der hauseigenen Bio-Küche versorgt. Gugler kann eine lange Liste von Auszeichnungen vorweisen, vor kurzem hat er als erster Unternehmer der Branche einen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt. Sein Fazit: Bei hoher Qualität bleiben die Renditen zwar niedrig – 2007 bei 1,9 Prozent. Aber dafür wächst das Unternehmen stabil. „Der Spagat zwischen verantwortungsvollem und erfolgreichem Wirtschaften ist nicht immer einfach, aber dringend notwendig und mit etwas Engagement durchaus machbar“, meint Gugler. Privat hat er einen Garten mit Ökoteich und fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Fair Trade im Kaffeehaus
Würzige Thai-Süßkartoffelsuppen, Dattel-Lamm-Spieße mit Couscous oder Gemüserisotto Pinacolada – das Wiener Weltcafé in der Schwarzspanierstraße 15 ist für seine Bio- und Fair-Trade-Kost stadtbekannt. Seit Dezember 2005 führt der Südtiroler Roland Prugger mit den Schwestern Miriam und Silke Mock den 12 Mitarbeiter zählenden Gastrobetrieb. Als Highlight im Angebot bezeichnet Prugger den hauseigenen, aus Arabica-Bohnen hergestellten Kaffee „Gusto Giusto“ – aus fairem Handel, versteht sich. Und weil das Weltcafé gut läuft – der Umsatz im vergangenen Jahr lag bei über einer halben Million Euro –, ist das Trio vor kurzem ins Cateringgeschäft eingestiegen. Neben privaten Interessenten zählen etwa das Umweltministerium oder die MA 22 zur Kundschaft. Prugger will den „Fair-Trade-Gedanken aber noch weiterbringen“. Deshalb ist für Frühjahr 2009 ein Online-Shop geplant, über den er fair gehandelte Textilien unters Volk bringen will.


Ebenfalls Produkte aus fairem Handel bieten die Pioniere des ethischen Konsums: die Weltläden, von denen es mittlerweile 89 in ganz Österreich gibt, Zahl ständig steigend. Das Angebot reicht von Fair-Trade-Lebensmitteln bis hin zu blitzblauen Kleidern, auf denen in türkisen Lettern das Wort „Glück“ prangt (siehe auch XXXXXÖkomodeXXXXX).


„Heute machen wir mit dem Einkaufskorb Politik“, erläutert Barbara Kofler, Geschäftsführerin der Arge Weltläden, denn „heute hat der Konsument die Möglichkeit, über die ökologischen und sozialen Bedingungen zu entscheiden, unter denen produziert wird.“ Durch Veranstaltungen und Vorträge soll Bewusstsein geschaffen werden, wie etwa zuletzt mit einer Postkarten-Aktion. Rund 5.000 Karten fanden sich im Briefkasten von Umweltminister Josef Pröll, in denen er zur Unterstützung des fairen Handels aufgerufen wurde.

Umsatz verdoppelt
Die Weltläden als Fachhändler für faire Produkte werden wie das Weltcafé zum Großteil von der Firma EZA Handel GmbH beliefert. Die Firma mit Sitz im Salzburger Land ist die größte heimische Fair-Trade-Import-Organisation. Und die Nachfrage boomt: Seit dem Jahr 2000 konnte das Unternehmen den Umsatz mehr als verdoppeln und erwirtschaftete zuletzt 12,8 Millionen Euro. Rund ein Viertel der importierten Produkte liefert EZA an die österreichischen Supermärkte. „Heute gibt es fast keinen Supermarkt, der nicht unsere Produkte gelistet hat“, sagt Geschäftsführerin Andrea Schlehuber. Trotzdem liegt etwa bei Billa der Anteil der Fair-Trade-Produkte derzeit noch im einstelligen Prozentbereich, weshalb Schlehuber „im Supermarktregal noch deutliches Potenzal“ ausmacht. Rund 75 Prozent der Fair-Trade-Produkte sind aus biologischer Landwirtschaft. „Das hat zusätzlich zum Erfolg beigetragen“, konstatiert Schlehuber.

Teuerung setzt Bio-Produkten zu
Neben Fair Trade boomten hierzulande auch die Produkte aus biologischer Landwirtschaft. Der Umsatz von Bio-Produkten machte im Vorjahr rund 580 Millionen Euro aus – ein Plus von 20 Prozent gegenüber 2006, wie das Marktforschungsinstitut AC Nielsen ermittelte. Und Billa hat sich mit der Marke „Ja! Natürlich“ ein ordentliches Stück am Bio-Kuchen gesichert. „Mehr als die Hälfte aller im Lebensmittelhandel verkauften Bio-Lebensmittel tragen unser Label“, so Rewe-Austria-Sprecherin Corinna Tinkler. Erwirtschaftete die Lebensmittelkette mit „Ja! Natürlich“-Produkten 2006 rund 220 Mil-
lionen, waren es im vergangenen Jahr bereits 260 Millionen. Für 2008 erwartet Tinkler aber „vor dem Hintergrund der Teuerung geringere Wachstumsraten, auch wenn sich der Trend zu Bio weiter fortsetzen wird“. Beim Kauf von Bio-Lebensmitteln werde mittlerweile in der Hälfte der Fälle darauf geachtet, ob die Produkte aus der Region kommen, so der Meinungsforscher Rudolf Bretschneider.


Das „Ursprungsprinzip“ hat auch Heini Staudinger für sich entdeckt. Mit GEA betreibt er eine Handelskette für Produkte aus der Region. Neben den mittlerweile zum Kult avancierten „Waldviertler“-Schuhen vertreibt er Tische, Matratzen oder Regale, die Namen wie Chaos, Illegal oder Sommersprosse tragen. Ein Großteil der Schuhe und der Matratzen wird im Waldviertel gefertigt, die Tischlerarbeiten werden in Oberösterreich und Bulgarien erledigt. Der regionale Aspekt sei ihm wichtig, betont Staudinger: „Damit die Wertschöpfung in der Region bleibt.“ Dabei waren die Einheimischen anfangs skeptisch. Denn durch die Selbstverwaltung haftete der Schuhwerkstatt ein „kommunistischer Ruf“ an, erinnert sich Staudinger. Durch geschickte Werbung konnte der findige Unternehmer die Bedenken ausräumen. Der Slogan „Waldviertler wissen, was Waldviertler wert sind“ zog. Mit Produktion und Vertrieb von Produkten aus der Region erwirtschaftete er zuletzt neun Millionen Euro Umsatz.


Und wer mal Pause braucht vom ethischen Business, kann sich in ein Bio-Hotel zurückziehen: etwa in den Gralhof am Kärntner Weißensee, zugleich einer der ersten Biobauernhöfe des Landes. Dort führte die Tochter der Besitzerfamilie Knaller nach einem Mittelamerika-Aufenthalt ein, dass ausschließlich Fair-Trade-Produkte auf den Tisch kommen. Geheizt wird mit Hackschnitzeln aus dem eigenen Wald. Nur ein Zimmer zu bekommen ist nicht so leicht: Das Hotel ist durchwegs ausgebucht. Mit gutem Gewissen erholt man sich eben besonders gut.

Von Corinna Milborn und Hubert Kickinger

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