Georg Pölzl: "Wir haben erkannt, dass wir uns nicht gegen den Trend stellen können"

Wie Post-General Georg Pölzl verhindern will, dass sein Konzern zum Sanierungsfall wird. Spät, aber doch kommt eine Online-Strategie.

FORMAT: In Gesprächen mit den Eigentümern gewinnt man den Eindruck, die Post könnte ein Sanierungsfall werden. Besteht diese Gefahr?
Pölzl: Wir sind ein profitables Unternehmen. Und unsere neue Strategie ist so angelegt, dass wir kein Sanierungsfall werden.
FORMAT: Wie schaut die aus?
Pölzl: Wachstum und Umbau.
FORMAT: Diese Strategie hat fast jedes Unternehmen. Was wollen Sie konkret?
Pölzl: Wachstum in ausgewählten Segmenten und Regionen auf der einen Seite, Kostensenkungen auf der anderen Seite. Wir werden nur erfolgreich sein, wenn beides gelingt.

"Die Marktveränderungen sind radikal"
FORMAT: Wie groß ist der Druck?
Pölzl: Die Veränderungen im Postmarkt sind radikal. Darauf müssen wir reagieren. Das Kommunikationsverhalten der Menschen verändert sich. Briefe werden zunehmend durch elektronische Nachrichten ersetzt. In Europa liegen die Verluste in diesem Bereich zwischen drei und sieben Prozent jährlich.
FORMAT: Bei der österreichischen Post waren es 2009 über fünf Prozent …
Pölzl: In dieser Dimension.
FORMAT: Das Briefsegment ist Ihre Cash-Cow. Wie wollen Sie die Rückgänge ausgleichen?
Pölzl: Wir werden das Internet-Geschäft forcieren, etwa durch ein Online-Portal, über das Sie Briefe verschicken können. Wir werden im Paketbereich wachsen. Wir sehen gute Chancen auf den osteuropäischen Märkten. Und wir müssen die Effizienz steigern, wie gesagt.
FORMAT: Wann wird man über die Post elektronisch Briefe verschicken können?
Pölzl: Im Prinzip geht das schon. Aber wir werden noch heuer unser Portal launchen, mit einer Seite für Sender, zum Beispiel Banken und Versicherungen, und einer für registrierte Empfänger. Darüber kann man Briefe verschicken, die sicherer sind als eine E-Mail, sogar eingeschriebene Briefe. Wir bieten auch die Hybrid-Mail, die einen Teil der Strecke elektronisch zurücklegt und nur auf der letzten Meile ausgetragen wird.

"Wir können uns nicht gegen den Trend stellen"
FORMAT: Die Post hat also mit einiger Verspätung akzeptiert, dass das Internet eine Bedrohung darstellt?
Pölzl: Wir können uns nicht gegen den Trend stellen. Wenn es diese Substitution schon gibt, wollen wir dabei wenigstens eine wichtige Rolle spielen. Das ist durchaus neu an der Strategie, und wir müssen Zeit aufholen. Das Internet bietet aber auch neue Möglichkeiten.
FORMAT: Nämlich?
Pölzl: Vor allem im Paketgeschäft. Das wächst derzeit mit rund vier Prozent, weil der Online-Versandhandel an Bedeutung gewinnt. Die Leute bestellen immer mehr über das Internet.
FORMAT: Ist angesichts der Substitution im Briefbereich die Marktliberalisierung 2011 überhaupt noch ein Thema? Wird sich das überhaupt wer antun?
Pölzl: Ich glaube, es wird Wettbewerber geben, aber sie werden nicht erfolgreich sein. Auch sechs UMTS-Lizenzen sind versteigert worden, obwohl das sinnlos war.
FORMAT: Ist die Post für den geplanten Umbau überhaupt gewappnet?
Pölzl: Dass wir die vorhandene Infrastruktur dafür nicht einfach verwenden können, ist eine der größten Herausforderungen. Wir brauchen neue Skills.
FORMAT: Die Briefträger müssen Software-Spezialisten werden?
Pölzl: Wäre eine Möglichkeit, aber so wird es leider nicht funktionieren.

"Reden mit Gemeinden über Personalübernahme"
FORMAT: Sie werden Personal abbauen müssen, auch weil immer mehr Postämter durch Post-Partner ersetzt werden. Wie werden Sie mit den Beamten umgehen?
Pölzl: Auch in der Vergangenheit ist der Personalstand pro Jahr um 1.000 gesunken. Das Wichtigste ist Fluktuation, wir haben
Sozialpläne und Frühpensionierungsprogramme.
FORMAT: Und der Rest soll zur Polizei gehen? Es wollen aber nur wenige …
Pölzl: Erstmals schaffen wir es überhaupt, Beamte sinnvoll außerhalb des Unternehmens einzusetzen und ihnen neue Perspektiven zu bieten. Wir stehen erst am Anfang. Ich bin auch mit anderen Behörden in Kontakt und zuversichtlich.
FORMAT: Zum Beispiel für Einsätze als Schülerlotsen?
Pölzl: Unsere Mitarbeiter sind für qualifiziertere Aufgaben geeignet. Wir reden auch mit Gemeinden, die Post-Partner werden, über die Übernahme des Personals.
FORMAT: Hat die Politik eingesehen, dass sie bei der Post ein Problem kriegen könnte? Oder fehlt die Unterstützung immer noch?
Pölzl: Ich glaube, wir konnten die Politik überzeugen. Beispiel Poststellen: Ich habe alle Landeshauptleute besucht, und inzwischen wird das Konzept der Post-Partner – derzeit haben wir 480 – positiv gesehen. Wir haben unmissverständlich klargemacht, dass es heute weniger Geschäft gibt in den Postämtern. Und da müssen wir auf der Strukturseite reagieren.

"Es steht kein Verkauf der deutschen Töchter an"
FORMAT: Zum Auslandsgeschäft: Damit wollte die Post die Verluste in Österreich kompensieren. Jetzt ist dieser Bereich aber im Gegenteil ein Problem.
Pölzl: In Summe war die Entwicklung gut. Bis auf das Krisenjahr 2009, da kamen besonders die Beteiligungen in Osteuropa unter Druck. Aber die Region bleibt ein Wachstumsmarkt.
FORMAT: Die größeren Verluste kommen aber von den beiden deutschen Töchtern, trans-o-flex und Meiller direct.
Pölzl: Der Turnaround dort läuft.
FORMAT: Es gibt Verkaufsgerüchte …
Pölzl: Es steht absolut kein Verkauf an. Es wäre nicht klug, aus der Krise heraus Beteiligungen abzugeben.
FORMAT: Werden Sie das Auslandsgeschäft in der Bilanz 2009 massiv abwerten? Neue Generaldirektoren machen das ja gerne.
Pölzl: Es wird keine Pölzl-getriebenen Abschreibungsorgien geben, wenn Sie das meinen.

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