Generali-Vorstand Peter Thirring im FORMAT-Interview

Generali-Vorstand Peter Thirring über innovative Ansätze für die Rentenauszahlungsphase, die verlängerte Bindefrist für Einmalerläge und die Renaissance fondsgebundener Lebensversicherungen.

FORMAT: Der Tiefpunkt der Krise scheint überwunden. Wie ist das Lebensversicherungsgeschäft der Generali in diesem Jahr gelaufen?

Thirring: Wir haben in der Neuproduktion bisher zweistellige Zuwächse und erwarten, dass dieser Trend für das Gesamtjahr anhält. Das hängt natürlich auch mit der Verbreiterung unserer Vertriebswege zusammen. Wir sind in der Lebensversicherung jetzt sehr gut aufgestellt. Ganz wesentlich ist für uns die Steigerung im Bankenvertrieb – sowohl bei der Bawag PSK als auch bei der 3-Banken-Gruppe. Aus der Bawag PSK Versicherung kommt ungefähr die Hälfte des Neuabsatzes im Einmalerlagsgeschäft.

FORMAT: Worauf führen Sie die verstärkte Nachfrage nach Lebensversicherungen zurück?

Thirring: In erster Linie auf die Stabilisierung der Wirtschaft. Natürlich helfen uns auch die Diskussion um die erste Säule, die Maßnahmen unter dem Titel Pensionssicherung und das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass man privat vorsorgen muss.

FORMAT: In der Krise haben viele Kunden Polizzen storniert oder stillgelegt. Hat sich das jetzt geändert?

Thirring: Absolut. Das Ausmaß ist wieder auf Vorkrisenniveau zurückgegangen.

FORMAT: Was erwarten Sie sich für 2011?

Thirring: Wir gehen davon aus, dass der Aufwärtstrend anhält und wir die Neuproduktion, insbesondere in der laufenden Prämie, weiter steigern werden. Ob es wieder zweistellig sein wird, bleibt abzuwarten. Wir erwarten, dass es wieder verstärkt zu Käufen von fondsgebundenen Lebensversicherungen kommen wird. Die Klassik wird ihre Attraktivität sicher behalten, aber die Zurückhaltung bei der Fondsgebundenen in den Jahren 2009 und 2010 wird nach unserer Einschätzung nachlassen.

FORMAT: Welchen Stellenwert hat die fondsgebundene Lebensversicherung im Vergleich zur klassischen?

Thirring: Wir hatten vor der Krise ein Verhältnis von zwei Drittel zu einem Drittel zugunsten der fondsgebundenen. Das hat sich mehr als umgedreht. Derzeit ist die Relation drei Viertel zu einem Viertel zugunsten der klassischen Lebensversicherung.

FORMAT: Heißt das, die Anleger werden in der Veranlagung wieder mutiger?

Thirring: Man wird dem Kunden das Produkt noch besser erklären müssen als in der Vergangenheit. Konkret: dass er bei einer fondsgebundenen ohne Garantie das Veranlagungsrisiko zur Gänze selbst trägt und bei einer fondsgebundenen mit Garantie bis zur Garantiehöhe. Aber diese Garantie kostet natürlich etwas. Auch das muss man dem Kunden noch deutlicher als in der Vergangenheit sagen.

FORMAT: Wie wird sich die verordnete Reduktion des Garantiezinses von 2,25 auf zwei Prozent ab 1. April 2011 auf das Neugeschäft auswirken?

Thirring: Wir gehen davon aus, dass das keine große Bedeutung haben wird. Wir glauben trotzdem, dass die Klassik nach wie vor sehr attraktiv ist. Entscheidend für den Kunden ist schließlich die Gesamtverzinsung, also die Summe aus Garantiezins und Gewinnbeteiligung. Wir erwarten nicht, dass die Reduktion des Mindestzinses eine dramatisch negative Auswirkung auf die klassische Lebensversicherung haben wird.

FORMAT: Sind zwei Prozent womöglich nur ein Zwischenschritt auf ein noch tieferes Niveau?

Thirring: Deutschland reduziert mit 1. 1. 2012 auf zwei Prozent. Österreich hat im nächsten Jahr also ein niedrigeres Niveau als Deutschland. Ich würde deshalb nicht zwingend sagen, dass zwei Prozent ein Zwischenschritt sind. Das hängt natürlich von der weiteren Zinsentwicklung ab. Wenn Zinsen nachhaltig niedrig bleiben, wäre es nicht ausgeschlossen.

FORMAT: Rechnen Sie aufgrund der Senkung des Garantiezinses mit verstärkten Vorziehkäufen?

Thirring: Ja, wir sind davon überzeugt, dass sich viele Leute den aktuellen Höchstzins noch sichern wollen und es daher im ersten Quartal 2011 einen verstärkten Trend zur klassischen Lebensversicherung geben wird.

FORMAT: Generali bietet derzeit eine attraktive Gesamtverzinsung von vier Prozent. Können beziehungsweise wollen Sie dieses Niveau halten?

Thirring: Wir haben dazu noch keinen definitiven Beschluss gefasst.

FORMAT: Die Branche kämpfte jahrelang um eine Verkürzung der Mindestbindungsfrist von Einmalerlags-Lebensversicherungen von zehn auf fünf Jahre. 2011 wird sie auf 15 Jahre verlängert. Sind damit Einmalpolizzen gegenüber Direktveranlagungen noch konkurrenzfähig?

Thirring: Über dieses Gesetz wird noch diskutiert. Für langfristige Anleger bleibt die Einmalprämie sicherlich weiter attraktiv. Wir glauben allerdings, dass durch die längere Mindestbindungsfrist abreifende Verträge weniger oft erneuert werden als bisher. Wenn Laufzeiten zwischen zehn und 15 Jahren wegfallen, werden die Einnahmen aus der Versicherungssteuer für den Finanzminister per saldo sicher niedriger ausfallen.

FORMAT: Welche fondsgebundenen Produkte für die Altersvorsorge laufen bei Generali am besten?

Thirring: Derzeit sind vor allem sogenannte Hybridprodukte gefragt, die eine Garantie aus der Klassik bieten und teilweise chancenreicher in Fonds investieren. Besonders beliebt ist unsere Cleverinvest, bei der die Gewinnbeteiligung und Prämienanpassungen in Fonds angelegt werden, sowie unser innovatives Produkt Dynamik Pro, das wir 2009 aufgelegt haben. Hier hat der Kunde die Garantie auf seine Nettoprämie und trotzdem alle Chancen eines Aktienfonds.

FORMAT: Welche Innovationen haben Sie für 2011 geplant?

Thirring: Wir denken darüber nach, wie wir das Angebot von Lebensversicherungen für den Kunden in der Rentenauszahlungsphase attraktiver und flexibler gestalten können – etwa dass der Kunde in bestimmten Situationen wie im Pflegefall auf das Kapital zugreifen kann. Wir wollen auch im Bereich der Risikovorsorge wie Berufsunfähigkeit oder Pflege neue Akzente setzen. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass eine Einkommenslücke zu schließen ist. Wir sehen das als wesentlichen Teil der Vorsorge.

FORMAT: Ist die prämiengeförderte Zukunftsvorsorge noch populär?

Thirring: Bei uns war sie kein Hauptprodukt. Wir sehen eine gewisse Saturiertheit auf dem Markt. Die staatliche Prämie ist trotz der Absenkung auf 8,5 Prozent immer noch attraktiv. Der Hauptvorteil der Zukunftsvorsorge ist die garantierte lebenslange steuerfreie Rente. Sie ist eigentlich eine Rentenversicherung und kein Performance-Produkt.

FORMAT: Laut den neuen Eigenmittelregeln Solvency II sind Garantien mit mehr Eigenmitteln zu unterlegen. Ist die klassische Lebensversicherung damit in Gefahr?

Thirring: Wir müssen noch die Ergebnisse der aktuellen Auswirkungsstudie abwarten. Wir wollen nicht, dass die klassische Lebensversicherung in Gefahr gerät. Derzeit wird der Gewinn im Verhältnis 90 zu 10 zwischen Kunden und Unternehmen geteilt. Wenn höhere Eigenmittel für die Lebensversicherung erforderlich sind, besteht die Gefahr, dass es sich für den Eigentümer nicht mehr rechnet. Das würde für den Kunden bedeuten, dass hohe Garantien nicht mehr zur Verfügung stehen. Wir von der Versicherungswirtschaft wollen das nicht. Deshalb sind wir mit Aufsicht und Finanzministerium in Diskussion, die lokalen Vorschriften so zu gestalten, dass es weiter möglich ist, klassische Polizzen zu ökonomischen Konditionen anzubieten. Es gibt dazu Möglichkeiten auf der Rechnungslegungsseite – zum Beispiel Garantien zum Ende der Laufzeit stärker in den Vordergrund zu stellen.

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