Geiz isst Gaul: Fleischskandal als Folge des Billigwahns

Geiz isst Gaul: Fleischskandal als Folge des Billigwahns

Der Preisdruck im Lebensmittelbereich ist verheerend. Das ist schlecht für Tiere, Bauern, Verarbeiter und Händler. Die undurchschaubaren Warenströme von Fleisch und Eiern machen die Branche besonders anfällig für Betrügereien. Durch den Pferdefleischskandal und den Gütesiegelstreit verlieren Konsumenten ihr letztes Vertrauen.

Das Ding sieht aus wie ein kleiner Handbohrer, funktioniert wie eine Laserpistole und ist in der Lage, jede Fleischsorte binnen Sekunden zu identifizieren - Rind, Schwein, Geflügel sowieso, aber auch Kamel, Krokodil, Schlange und natürlich auch Pferdefleisch. Würde dieser "Fresh-Scan“, der als Prototyp bereits 2007 von Wissenschaftern der TU Berlin vorgestellt wurde und in der Lage ist, selbst durch Verpackungen hindurch Zusammensetzung und Qualität des Angebots zu prüfen, an den Fleischtheken in den Supermärkten liegen, wäre den Konsumenten ein Skandal erspart geblieben. Allein: Das Laser-Spektroskopiegerät ist mangels ausreichender Finanzierung im Projektstadium steckengeblieben.

So ist die schier endlose Kette an Lebensmittelbetrügereien und Fleischaffären nun um eine weitere Spielart reicher - Pferd wurde als Rind verkauft. Aber schon bisher konnte einem schlecht werden, bei dem, was man auf den Tellern und in Gläsern fand: Bioeier, die nur so genannt wurden, Gammelfleisch, Mäusekot im Brot, Analogkäse, Keime auf Gurken, Pestizidreste im Mehl, Dioxin im Schweinefleisch und gefälschte Bordeaux-Weine. Der hohe Preisdruck im Lebensmittelhandel führt zu kriminellen Handlungen, die Konsumenten sind verunsichert, die Branche erschüttert. Wieso musste es so weit kommen?

Verlust der Wertigkeit

Seit dem Zweiten Weltkrieg sinken der Anteil der Ausgaben für Lebensmittel und die Zeitspanne, die in den Küchen verbracht wird: Musste ein durchschnittlicher Haushalt vor etwa 50 Jahren noch die Hälfte seines Einkommens für Nahrungsmittel aufwenden, so sind es heute nur noch knapp zwölf Prozent. Auch Fleisch, als Festtagsbraten einst ein Zeichen für Wohlstand und Fortkommen, kostet heute weniger als vor 20 Jahren. Dafür hat sich der Konsum seit 1950 mehr als verdoppelt, wobei Männer deutlich mehr Fleisch essen als Frauen. Rund ein Drittel aller Fleischeinkäufe finden inzwischen über Aktionen statt. "Es geht nur noch um billiger, billiger und noch billiger“, sagt Michael Blass, Geschäftsführer der Agrar Markt Austria (AMA). "Das Fleisch hat seine Wertigkeit verloren.“

Doch freuen über die niedrigen Preise kann sich kaum einer: Während man früher mit 500 Hühnern als Vollerwerbsbauer leben konnte, reicht heute das Einkommen bei einem Betrieb mit doppelt so vielen Hühnern nicht mehr aus. Für ein Kilo Schwein bekommt der Bauer rund einen Euro, der Schlachter erhält für das ausgelöste Kilo etwa 1,50 Euro, im Supermarkt ist ein Kilo Schweinsschulter in Aktionen um 2,49 Euro zu haben. "Der Druck durch die Preiskämpfe im Lebensmittelhandel wird natürlich die komplette Wertschöpfungskette entlang weitergegeben“, meint die Ernährungswissenschafterin Hanni Rützler. "Nur noch durch Menge lassen sich halbwegs profitable Margen erwirtschaften. Quantität schlägt Qualität.“

Die Folge von zu viel Masse und zu wenig Klasse: Tierschützer beklagen die Industrialisierung der Ställe, die Fließbänder des Todes in den Schlachthöfen. Die Gewinnspannen liegen bei einem bis zwei Prozent, viele Produzenten schreiben Verluste. "Für billige Lebensmittel bezahlt immer irgendwer die Zeche“, sagt der Biopionier Werner Lampert in der "Presse“.

Diesmal sind es die Konsumenten, weil ihnen falsch deklariertes Fleisch untergejubelt wurde. Denn lange Transportwege und zahlreiche Zwischenhändler haben offenbar auch den Betrügern Tür und Tor geöffnet: Daher findet sich Pferd - wie man seit dem Auffliegen des Skandals Mitte Jänner in Großbritannien weiß - in Lasagne, in Ravioli, im Gulasch, in der Wurst, in Fleischbällchen, in Tortelloni. Geiz isst Gaul, lautet der neue Slogan. Fast alle Supermarktketten sind betroffen, sie haben die Produkte aus dem Verkauf genommen, tragen aber keine Haftung für die Falschdeklaration.

Aufs Pferd gekommen

Dass jetzt verstärkt Fremdfleisch gefunden wird, hat vor allem einen Grund: Bislang wurde selten danach gesucht. Zum einen war das eine teure Angelegenheit, denn ein DNA-Test kostet rund 400 Euro und war in Europa "als Routineverfahren bisher kaum Thema“, wie der Wiener Agrarökonom Siegfried Pöchtrager von der Wiener Universität für Bodenkultur erklärt.

Zum anderen dachte man nicht an die Gefahr eines Missbrauchs. Der offizielle Konsum von Pferdefleisch macht hierzulande nicht einmal ein Prozent des gesamten Fleischverzehrs aus. Was Schwindeleien erleichtert: Die Deklarationspflichten für Pferdefleisch sind kaum ausgereift - ein Ross braucht lediglich einen Pass, in dem der Tierarzt bestätigt, ob es bloß zum Sport oder auch "zum Verzehr“ geeignet ist. "Sobald es einen Pferdepass gibt, ist Pferdefleisch nicht viel günstiger als konventionelles Rindfleisch“, so Pöchtrager. "Aber offenbar wird es in Ländern wie Rumänien oder Polen, wo das Skandalfleisch ja herkommen soll, mit der Passpflicht nicht so genau genommen“ (siehe Reportage ).

Damit tritt eine weitere System-Komponente ans Licht, die den Skandal im Kühlregal überhaupt erst möglich macht - die unglaubliche Vielzahl an Umwegen, die heutzutage ein Braten nimmt, bevor er in der Pfanne landet. Geboren in Österreich, gemästet in Holland, geschlachtet in Deutschland oder gleich aus Brasilien eingeschifft, echtes Reise-Fleisch eben. Rund 120.000 Lebendschweine werden pro Jahr von Österreich aus exportiert, dafür werden 650.000 importiert, zehnmal so viele wie vor 20 Jahren. Auch nach dem Schlachten ist es ein Hin und Her: Etwa zwei Millionen geschlachtete Schweine werden pro Jahr ausgeführt, 2,6 Millionen dafür nach Österreich gebracht.

Freier Handel, unfaire Bedingungen

"Der freie Handel kann nur unter gleichen Wettbewerbsvoraussetzungen europaweit und letztlich am Weltmarkt funktionieren“, meint der Präsident der Landwirtschaftskammer Niederösterreich, Hermann Schultes. Denn am Weltmarkt wird nicht abgegolten, wie das Tier lebte, wie rasch es sein Schlachtgewicht erreichte und ob es mit Medikamenten vollgepumpt wurde. Vor allem im Bereich der Putenhaltung ist der Marktdruck aus dem Ausland enorm, daher sind derzeit auf österreichischen Betrieben keine Tiere eingestallt. "Wir sind beim Preis mit einer permanenten Abwärtsspirale bei ausländischen Produkten - produziert nach deutlich geringeren Standards - konfrontiert“, meint Schultes.

Recherchen des Vereins für Konsumenteninformation über die Qualität von Chicken-Nuggets in heimischen Regalen bestätigen dies: 2011 bezogen demnach etwa die Anbieter Glenfell und Iglo ihr Hühnerfleisch aus Brasilien, Spar aus Deutschland und Frankreich und Hofer aus Slowenien. Will ein Konsument genauere Auskunft über die Herkunft des Fleisches - beispielsweise in Frankfurter Würsteln oder vorpaniertem Schnitzel -, kann er entweder selbst bei diversen Service-Hotlines sein Glück versuchen. Oder er vertraut auf die Verpackungsetiketten. "Jeder Verbraucher hat das Recht, genau zu wissen, was in den Zutaten drin ist und woher beispielsweise das Fleisch kommt“, sagt die VKI-Expertin Birgit Beck. "In den meisten Fällen erfährt er das aber nicht.“

Denn laut derzeit gültigen Kennzeichnungsvorschriften muss lediglich bei reinem Rindfleisch die Geburt, Mästung und Schlachtung dokumentiert sein. Bei Schweinefleisch, Geflügel und sonstigen Fleischsorten herrscht Freiwilligkeit. Dennoch schmücken mehr als 100 rot-weiß-rote sogenannte Gütesiegel - vor Bildern mit grasenden Alm-Kühen und süßen Schweinchen - Tausende von Produkten, ohne allzu viel Aussagekraft. Manchmal wirft zwar der Händler seine Glaubwürdigkeit ins Gewicht - wie etwa der Rewe-Konzern, der eine Bauernhof-Garantie abgibt, oder Hofer, wo mit einem Code bei ausgewählten Frischfleischprodukten Informationen zu Herstellung und Herkunft abgerufen werden können.

Meist jedoch ist der letzte Vertrauensanker das bekannte AMA-Gütesiegel, "das noch die beste Qualitätsgarantie gibt“, so Beck (siehe " Lebensmittelkennzeichnung "). Allerdings sind lediglich 40 Prozent der Fleischprodukte im heimischen Handel mit diesem AMA-Gütesiegel ausgezeichnet. Bei Wurst tragen es nur 20 Prozent. "Ich kann nur hoffen, dass es durch den Pferdeskandal zu einer klaren Etikettierung kommt“, sagt Blass. "Derzeit sind die Konsumenten durch die vielen Siegel heillos verwirrt.“

Wie erkennt man gute Qualität? Zur Verwirrung trägt auch bei, dass sich nicht allein am Preis ablesen lässt, ob ein Produkt gut oder schlecht ist. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass billiges Fleisch minderwertiger ist, aber eine fixe Regel ist das nicht. Auch darüber, wie groß die geschmacklichen Unterschiede von Turbo- und Biofleisch sind, gehen die Meinungen auseinander. Klar ist, je purer ein Lebensmittel ist, desto weniger Chancen gibt es für Betrüger, Pferdefleisch oder anderes unterzujubeln. Im Gegensatz zu anderen Produkten gibt es im Fleischbereich kaum Marken, denen die Konsumenten vertrauen. Manche fühlen sich am wohlsten beim regionalen Fleischer, der die Bauern nennen kann, von denen er das Fleisch bezieht, und der seine Wurst selbst herstellt. Andere schwören auf Hightech-Schlachthöfe und die hygienischen Bedingungen dort.

Jetzt sollen die Höchststrafen für Etikettenschwindel erhöht werden, auch ein Reisepass für Fleisch ist in Diskussion. Werden die Kennzeichen und Kontrollen besser, ist das aber mit höheren Kosten verbunden. Und vor allem bei verarbeiteten Produkten könnte die Liste eine lange werden, wenn auch von Milch und Eiern Herkunftsland und -art genannt werden.

Ob mit oder ohne Fleischlaserpistole im Supermarkt, mit der man die Fleischsorte bestimmen kann: Lassen die Skandale die Kunden kalt und vergessen sie ihre guten Vorsätze wie sonst auch binnen sechs Wochen, wird sich wenig ändern und spätestens in einem Jahr der nächste Igitt-Skandal aufpoppen. Erfolgt ein Umdenken, ist vor allem eines sicher: Dann werden Lebensmittel teurer werden.

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff