Gegen den Strom: Altmodische Bilanzierung und innovative Produkte als Krisenhelfer

Wirtschaftskrise allerorten? Nein, nicht überall: FORMAT hat etablierte Betriebe und Gründer aufgesucht, die sich vom Abschwung nicht verunsichern lassen und gerade jetzt kräftig Gas geben.

Wer hinschaut, sieht schwarz: Die Banken rücken keine Kredite mehr heraus, quer durch alle Branchen brechen die Aufträge weg, beim Arbeitsmarktservice stapeln sich die Anträge auf Kündigungen. Kurz: Seit Anfang der 80er-Jahre habe es keine so schwere Rezession mehr gegeben, urteilte die Industrieländerorganisation OECD Mitte dieser Woche. Ist die Lage wirklich derart hoffnungslos? FORMAT hat sich auf Spurensuche begeben (siehe auch Unternehmer-Mut in der Finanzkrise ) und österreichische Unternehmen nach ihren Plänen befragt. Das erstaunliche Ergebnis: Viele davon gehen offensiv mit der Wirtschaftskrise um, wollen weiter Millionenbeträge investieren und dringend benötigte Fachkräfte anstellen. Unter Gründern sieht es nicht anders aus. Wer von seiner Idee überzeugt ist, lässt sich auf Schwarzmalerei gar nicht erst ein.

Altmodisch gewinnt
Für das Wachstum seines Baustoffbetriebs hat der burgenländische Unternehmer Michael Leier ein Erfolgsrezept. „In schwachen Phasen muss man investieren, um dann voll durchzustarten, wenn der Aufschwung kommt“, kokettiert Leier mit der Krise. Der Baustoffproduzent spürt von der schwachen Nachfrage im Baugeschäft wenig und will im kommenden Jahr nicht nur 100 neue Mitarbeiter anstellen, sondern auch 25 Millionen Euro in seine Werke investieren. Seit der Gründung vor über 40 Jahren sei es bei ihm immer nur aufwärtsgegangen, sagt Leier. Verantwortlich dafür sieht der Baulöwe vor allem seine konservative Bilanzierung und die mit 40 Prozent immens hohe Eigenkapitalquote. „Damit können wir unsere Investitionen zum großen Teil aus dem Cashflow bestreiten.“

Segnungen der Bilanzierung
Von den Segnungen altmodischer Bilanzierung und hoher Eigenmittelquoten wissen viele Unternehmer zu berichten. Auch die Handelskette Spar finanziert ihre 500 Millionen Euro im kommenden Jahr aus dem Cashflow, ebenso wie der mit 60 Prozent Eigenmitteln satt ausgestattete steirische Fensterproduzent Gaulhofer. Gaulhofer-Marketingleiter Rudolf Körber hat jedoch noch eine weitere Strategie parat, mit der das Unternehmen seinen Umsatz bis 2012 verdoppeln und seinen Personalstand verdreifachen will: „Unser Produktmanagement hat jetzt nicht nur mehr Personal, sondern auch mehr Entscheidungsbefugnisse.“ Dadurch hofft Gaulhofer, in Zukunft jährlich mit einem neuen Produkt reüssieren zu können.

Geheimtipp Produktentwicklung
Das Rezept des steirischen Mittelständlers wendet auch der kleine Wiener Telekomanbieter Mitacs an. „Wir stecken unsere Gewinne komplett in die Produktentwicklung“, erklärt Mitacs-Geschäftsführer Thomas Siby. Einen Spezialtrick hat der noch junge Vorarlberger Schutzbekleidungsproduzent Pfanner: Er investiert konsequent fünf Prozent seines Umsatzes in die Produktentwicklung. „Wir werfen fertige Produkte nicht sofort auf den Markt, sondern halten uns immer einige in Reserve“, sagt Anton Pfanner und hofft, damit der Konkurrenz immer eine Nasenlänge voraus zu sein. So wie Peter Unters­perger, designierter Chef des Faserherstellers Lenzing: „Wir haben viel in der Pipeline, was wir jetzt noch konsequenter zur Marktreife treiben werden.“ Untersperger rechnet zwar damit, an verschiedenen Standorten Kurz- und Leiharbeiter abbauen zu müssen, Spezialisten für die Produktentwicklung sucht er aber weiter.

Der Elan der Jungen
Neben der Stärke etablierter Betriebe und neuer Konjunkturprogramme wie der „Mittelstands­milliarde“ setzt man bei der Wirtschaftskammer auch unverdrossen auf den Mut von Unternehmensgründern: „In den vergangenen zwei Jahren sind 30.000 Unternehmen gegründet worden“, kommentiert WKO-Präsident Christoph Leitl. Für Leitl ist gerade jetzt die Kraft und Reaktionsschnelligkeit der Gründer entscheidend. In der Tat: Jungunternehmer lassen sich auch vom drohenden Abschwung nicht abschrecken. Wie Michael Supparitsch von Medgroup, der mit seinem Partner Wolfdietrich Fabritz in den kommenden fünf Jahren 29 Ärztezentren in ganz Österreich errichten will. Das Flaggschiff in Klosterneuburg läuft seiner Aussage nach so gut, dass schon erste ­Beschwerden der Konkurrenz eingehen.

Privatinvestoren statt Banken
Supparitsch, der lange im Finanzierungsbereich gearbeitet hat, setzt aus Erfahrung aber nicht auf Banken. Die knapp 200.000 Euro, die er pro Zentrum in die Hand nehmen muss, kommen von Privatinvestoren wie dem ehemaligen OMV-Chef Richard Schenz. Warum gerade jetzt gründen? „Gesundheit ist konjunkturunabhängig“, sagt Supparitsch, „viele sind immer bereit, für mehr Lebensqualität Geld in die Hand zu nehmen.“ Nicht mehr ganz jung, dafür aber frischgebackener Jungunternehmer ist Ex-SPÖ-Bundesgeschäftsführer Josef Kalina. Mit seiner PR-Agentur Unique Relations hat er bereits kleinere PR-Aufträge an Land gezogen, mehrere größere verhandelt er aktuell. Kalina: Ich wollte immer schon mein eigener Herr sein. Sollten die großen Deals in Kürze unterschrieben werden, könnte ich bereits 2009 neue Mitarbeiter gebrauchen.“

Von Arndt Müller, Mitarbeit: Hubert Kickinger, Raki Nikahetiya

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