Fußball: Beim Champions League-Finale geht es um auch um das bessere Klubkonzept

Manchester United und FC Barcelona sind das Beste, was Europas Fußball zu bieten hat – finanziell und sportlich. Doch hinter den beiden Klubs stehen völlig unterschiedliche Wirtschaftskonzepte und Ideologien.

Wenn kommenden Mittwoch Punkt 20.45 Uhr auf einer römischen Wiese ein Mann in Gelb in seine Metallpfeife bläst, dann ist das der Anpfiff zum – ja, zu was eigentlich? Zum Spiel das Jahres? Zum Spiel des Jahrzehnts? Oder einfach nur: zur größten Fußballshow aller Zeiten? Rom, Stadio Olimpico, 27. Mai 2009, Finale der UEFA Champions League, Manchester United gegen FC Barcelona. 82.000 Menschen werden sich vor Ort den Kick ansehen. Weltweit sitzen dann sogar fast 150 Millionen Menschen vor den Fernsehgeräten. Es wird großer Fußball, denn beide Teams sind gespickt mit Weltklassespielern. Es wird eine große Show, denn die Herren Cristiano Ronaldo ( im Bild ), Thierry Henry und Wayne Rooney sind nicht nur Spieler, sondern so etwas wie Popstars. Und es wird vor allem eines: ganz, ganz großes Geld. Denn Krise hin oder her: Zumindest in puncto Champions League ist die Fußballwelt noch in Ordnung. Knapp 825 Millionen Euro setzt die UEFA mit ihrem Premiumprodukt pro Jahr um – fast zur Gänze mit den Einnahmen aus Sponsoring und TV-Rechten.

UEFA-Einnahmen im Trockenen
Daran wird sich wohl zumindest kurzfristig auch wenig ändern: Auch wenn angesichts der Einbrüche am Werbemarkt manche TV-Stationen wegen der Lizenzgebühren stöhnen und etwa der ORF ab dem kommenden Jahr auf Übertragungen der Champions League verzichtet – in den für die UEFA relevanten Märkten zieht ihr Produkt nach wie vor. Erst im Vorjahr hatte sich etwa in Deutschland SAT.1 die Free-TV-Rechte bis zum Jahr 2012 um mehr als 30 Millionen Euro gesichert. Premiere wiederum hat für denselben Zeitraum die Pay-TV-Rechte sogar um 70 Millionen Euro erworben. In England, Spanien und Italien sind die Rechte längerfristig – also krisenresistent – vergeben. Und auch was die Sponsoren betrifft, hat die UEFA vorderhand wenig zu befürchten: Sony und Heineken sind vertraglich bis 2012 als offizielle Partner gebunden. Anfang des Jahres kaufte sich trotz Bankenkrise UniCredit mit 30 Millionen Euro pro Jahr als Champions-League-Partner ein. Offen ist aktuell einzig, welche Automarke ab der kommenden Saison an Bord sein wird: Aktuell ist Ford Partner der Champions League, dem Vernehmen nach soll aber vor allem Toyota daran interessiert sein, den ins Straucheln geratenen US-Konzern abzulösen. Für die UEFA rollt der Euro also bis 2012 weiter.

Glamour und Schuldenlast
Gilt das auch für die Klubs? Rein wirtschaftlich gesehen ist das Endspiel in Rom ein Finale der ganz Großen. Nach Real Madrid ist Manchester United der umsatzstärkste Fußballklub der Welt: 320 Millionen Euro setzten die Briten im Vorjahr um – knapp gefolgt von Barcelona mit 308 Millionen Euro. Doch es ist auch ein Endspiel der unterschiedlichen wirtschaftlichen Konzepte: Manchester drücken aktuell Schulden in der Höhe von 660 Millionen Euro. Ope­rativ ist der Klub zwar profitabel; in der vergangenen Saison erwirtschaftete Man­chester einen Gewinn vor Steuern von 80 Millionen Euro. Doch nach wie vor ist der Klub durch eine Finanztransaktion aus dem Jahr 2005 in der Kreide: Damals übernahm der US-Milliardär Malcolm Glazer den imageträchtigen Premier-Ligisten und belastete den Klub umgehend mit einem Teil der Übernahmekosten von (damals) 828 Millionen Pfund. Zudem dürfte Manchester recht rasch auch ein Problem mit dem Hauptsponsor bekommen: Der US-Versicherungskonzern AIG bezahlt aktuell 15 Millionen Euro im Jahr, um sein Logo aufs rote Trikot kleben zu dürfen. AIG musste im Zuge der Bankenkrise von der US-Regierung aufgefangen werden – und hat bereits angekündigt, den Vertrag nicht zu verlängern.

Endspiel der Wirtschaftskonzepte
Ganz anders sieht es bei Barcelona aus. Der Klub ist schuldenfrei. Auf Trikotsponsoring sind die Katalanen nicht angewiesen – im Gegenteil: Als wohl einziger Klub der Welt überweist Barcelona jährlich Geld an das Unternehmen, das auf den rot-blauen Trikots wirbt – das Kinderhilfswerk Unicef bekommt jährlich 1,5 Millionen Euro. Abseits der Fragen, ob jetzt Rooney und Ronaldo das bessere Sturmduo sind als Eto’o und Henry und ob die kata­lanische Spielfreude effektiver ist als nord­englischer Powerfußball – beim Finale in Rom geht es um mehr: um die Frage nach der Struktur, nach den wirtschaftlichen Grundlagen des Fußballs von morgen. Wie sollen sich die Klubs entwickeln? Und was sind sie überhaupt? Simple Vereine wie Barcelona, die ihren Mitgliedern gehören und die nicht gewinnorientiert sind? Oder profitorientierte Aktiengesellschaften wie Manchester, die von Inves­toren geführt werden? (siehe Modell-Vergleich )

Großbritannien als Vorbild
Jahrelang sah es so aus, als wäre diese Frage längst beantwortet: Gerade in England, dem umsatzstärksten und publicityträchtigsten Markt für Fußballfragen, wurde mit Geld geprasst wie sonst nur in der Hedgefonds-Welt. Russen, Saudis, Thailänder und sogar der Isländer Björgólfur Guðmundsson von der inzwischen verstaatlichten Landsbanki kauften sich Klubs bis hinab in Liga drei. Mit ihrem Geld stiegen die Gagen für die Spieler, die Liga wurde interessanter, und mit wenigen Ausnahmen spielen die weltbesten Kicker allesamt in der englischen Liga. Eigentlich schien es ein profitables Business-Modell zu sein – denn neben jeder Menge Sozialprestige und Fotos in der Boulevardpresse gab es für die neuen Klubbesitzer auch die Chance auf gute Renditen: Der britische Fußball ist eine weltumspannende Trademark. In Zeiten des Aufschwungs rollten die Sponsorengelder, über das Pay-TV verdienten die Klubs zuletzt pro Saison 1,4 Milliarden Euro. Dass die Klubs hoch verschuldet sind – aktuell sind die britischen Profi­klubs gemeinsam mit rund 3,7 Milliarden Euro in der Kreide –, war egal. Denn der Markt schien das Geld herzugeben. Und so war das britische Modell trotzdem Vorbild für viele Länder – mit ähnlichem Ergebnis.

Spanische Schuldenberge
Trotzdem: Ob der Weg in eine AG aktuell so eine gute Idee ist? Auch in Spanien wurde jahrelang aufgerüstet – mit dem ­Effekt, dass Klubs wie der mehrmalige Champions-League-Finalist Valencia oder die ehemalige Spitzenmannschaft La Coruña de facto pleite sind. Auch Real Madrid ist trotz Megaumsatz hoch verschuldet – 2008 mit immerhin 240 Millionen Euro. In Zeiten der Krise kann das zu einem Bumerang werden. Denn nur wenige Klubs sind finanziell so aufgestellt wie Barcelona. Manchester United hätte laut britischen Medien gar nichts dagegen, wenn Superstar Cristiano Ronaldo abwandert. Aber wer kann sich aktuell Transfersummen in der Höhe von 80 Millionen Euro aufwärts leisten, wie es etwa Real Madrid Anfang der Nullerjahre für Zinedine Zidane tat? Chelsea, zuletzt dank Roman Abramowitsch der Klub mit dem dicksten Scheckheft, jedenfalls nicht mehr. Real Madrid? Ist an Ronaldo inter­essiert – aber eben hoch verschuldet. Und das Familiensilber, besser bekannt als Trainingszentrum, wurde schon vor acht Jahren verkauft, um den damaligen Schuldenberg von 300 Millionen Euro abzu­tragen.

Seifenblase Klubfußball?
Es gibt Fußballexperten, die den Klubfußball als riesige Seifenblase bezeichnen, die nun, in der Krise, fast am Platzen ist. Der prominenteste davon ist ein Mann, der es wirklich wissen sollte: Michel Platini, einstiger Weltfußballer und aktuell Präsident der UEFA. Mehrmals dachte er in den vergangenen Monaten darüber nach, hoch verschuldete Klubs von internationalen Bewerben auszuschließen – um sie so wieder zu einer vernünftigeren Finanzgebarung zu zwingen. Unterstützung bekommt er dabei ausgerechnet aus England: Lord Triesman, der Vorstandsvorsitzende des englischen Fußballverbands, warnt immer wieder vor dem Zusammenbruch des Systems – und fordert eine Gehaltsobergrenze für Spieler. Ein derartiges Modell, „salary cap“ genannt, gibt es in allen US-Profiligen. Das Ziel: Einerseits explodieren dadurch die Spielergehälter nicht mehr weiter, andererseits führt das auch zu einer stärkeren Chancengleichheit unter den Vereinen. Neben Platini gibt es auch in Europa jede Menge Fürsprecher – die Verantwortlichen von Bayern München fordern eine derartige Grenze schon seit längerem –, doch sie scheiterten bis dato immer am Widerstand der Briten und Spanier. Dabei können sich selbst manche betroffenen Spieler ein derartiges System vorstellen – Paul Scharner etwa, österreichischer Legionär beim Mittelständler Wigan Athletic: „Wenn damit der Fußball gesundet, ist das eine gute Idee. Außerdem: Wer kann schon sechs Millionen Euro im Jahr ausgeben?“ Beim Finale in Rom jedenfalls nicht. Dort kostet eine – längst ausverkaufte – reguläre Eintrittskarte vergleichsweise läppische 240 Euro. Premium-Sitz inklusive.

Markus Huber und Markus Pühringer

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