Für eine Hand voll Boni mehr

Mit nur 43 Jahren ist der gebürtige Österreicher Christian Meissner im Olymp der globalen Bankenwelt angelangt - als einer der weltweit wichtigsten Manager des US-Geldgiganten Bank of America Merrill Lynch. Er hat das Image, smart und gierig zu sein.

Seine Kindheit verbrachte er in Wien. Die Schulzeit in Frankfurt und London. Und das Studium absolvierte er in Princeton in den USA, wo er mit einem Bachelor in europäischer Geschichte abschloss. Mit seiner kürzlich erfolgten Ernennung zum "Global Head of Corporate and Investment Banking“ der Bank of America Merrill Lynch (BAML) vollzieht Chris Meissner nun auch beruflich einen für österreichische Maßstäbe ebenso erstaunlichen wie seltenen Karriereschritt.

Meissner, 43, ist damit in der scharf kritisierten, aber auch bewunderten und höchst lukrativen Zunft der Investmentbanker einer der wichtigsten Spieler weltweit. Zu Beginn seiner Bankerkarriere war er bei Goldman Sachs für das Investment-Banking-Geschäft in Österreich und Deutschland mit verantwortlich. Vor etwa zehn Jahren wurde die City von London zu seinem fixen Arbeitsplatz. Nach Goldman arbeitete er für das inzwischen grandios pleitegegangene Geldhaus Lehman Brothers, dann kurz für das japanische Institut Nomura. Seit 2010 ist Meissner bei der Bank of America unter anderem für das komplette Europageschäft zuständig. Seit der Verlautbarung seines Avancements Anfang Februar pendelt der geborene Österreicher nun zwischen seinem alten Office in der Londoner King Edward Street und seinem neuen Büro im Tower der Bank of America am Bryant Park in Manhattan.

Lediglich der gebürtige Tiroler Stephan Leithner, 46, der ab 1. Juni in den Vorstand der Deutschen Bank aufrückt, kann auf eine ähnlich beeindruckende Laufbahn verweisen. Die beiden sind die derzeit mächtigsten Bankmanager österreichischer Herkunft.

"Gier mit Garantie“

Wie Leithner agiert auch der Wiener Meissner in Schwindel erregenden Dimensionen. Die Bank of America ist seit ihrer rund 50 Milliarden Dollar schweren Übernahme von Merrill Lynch im Jahr 2009 - gemessen an ihrer Bilanzsumme in der Höhe von 2,12 Billionen Dollar (2011) - nach JPMorgan das zweitgrößte Kreditinstitut der Vereinigten Staaten und das elftgrößte der Welt. Die BAML ist als Universalbank in über 150 Ländern vertreten, beschäftigt etwa 280.000 Mitarbeiter und zählt praktisch alle der 500 größten Unternehmen dieses Planeten zu ihren Geschäftspartnern.

Die weltweite Verantwortung für das Großkundengeschäft scheint in Meissners Job-Description im Vordergrund zu stehen. "Natürlich ist das Investmentbanking ein wichtiges Schlachtfeld, aber es ist nicht das einzige, auf dem wir uns bewähren müssen“, sagt er. "Nur mit einem starken, globalen Großkundengeschäft werden wir uns im momentanen Sturm auf den Finanzmärkten behaupten können. Das Modell einer Universalbank ist in unseren Größenordnungen schon recht mächtig.“

Mit solch bodenständigen Statements ist der robuste Investmentbanker bisher weniger aufgefallen. Viel eher mit einer Reihe von Aktionen, die ihm bei seinen früheren Mitarbeitern den Ruf eines Helden einbrachten, bei Kritikern den eines hemmungslosen Casino-Bankers. Sein Image fasste der "Spiegel“ so zusammen: "Gier mit Garantie“.

Der Lehman-Nomura-Deal

Bei Goldman Sachs begleitet Meissner ab 1994 bald große Börsengänge wie jenen der Deutschen Telekom (1996) oder von Infineon (2000). 2003 wurde er Partner. Ein Jahr später warb ihn das ebenfalls in die Alte Welt expandierende Konkurrenzinstitut Lehman Brothers für ein Jahresgehalt von damals 6,3 Millionen Dollar ab. 2008 wurde er dort sogar zum Chief Executive Officer für Europa befördert.

Allerdings nur für eine Woche. Und das war die Woche vom 8. bis 15. September 2008, an deren Ende Lehman pleiteging und damit die weltweite Finanzkrise mit auslöste. Am Tag seiner Bestellung, als die Zeichen des Desasters bereits in brennenden Lettern an jede Wand geschrieben waren, sprach Meissner mit dem deutschen "Handelsblatt“, das ein "etwas spöttisches Lächeln, das nur selten aus seinem Gesicht verschwindet“, beobachtete. Er gab den folgenden, inzwischen legendären Satz zu Protokoll: "Es gibt sehr große Unterschiede beim Risikomanagement der Banken, besser, man bremst 100 Meter vor der nächsten Kurve. Lehman ist da sehr konservativ.“

Sieben Tage später, am Abend des 15. September, verkündete er seinen verzweifelten Mitarbeitern in der Londoner Lehman-Zentrale bloß trocken: "It’s over.“

Held oder Bonusritter?

Während die Finanzwelt in der Folge an den Rand des Abgrunds taumelte, brachte Meissner in nur vier Wochen ein Kunststück zuwege, für das ihm seine damals 2.500 Mitarbeiter noch heute huldigen. Per 13. Oktober 2008 übernahm der japanische Finanzkonzern Nomura nicht nur die europäischen und asiatischen Aktivitäten von Lehman (symbolischer Kaufpreis: zwei Dollar), sondern auch das komplette Investmentbanking-Team von Meissner. Und zwar zu von ihm ausgehandelten Gehältern und garantierten Bonuszahlungen auf der Basis des Rekordjahres 2007. Nomura ließ sich dieses Engagement insgesamt zwei Milliarden Dollar kosten.

Und während andere Investmentbanken wegen der immer stärkeren öffentlichen Empörung auf die Ausschüttung von Boni vorübergehend verzichteten, musste die Ex-Lehman-Truppe nicht einmal die Bonus-Strafsteuer von 50 Prozent berappen, mit der die britische Regierung versucht, die Entlohnungsexzesse einzudämmen. Denn die garantierten Boni von Meissner & Kollegen wurden steuertechnisch wie Fixgehälter behandelt, so die Begründung.

Die nächsten Schlagzeilen in Sachen Gier und starke Nerven machte Christian Meissner dann exakt ein Jahr später, als er und acht weitere Ex-Lehman-Banker vom Masseverwalter des kollabierten US-Instituts die Auszahlung von rund 100 Millionen Dollar nicht erhaltener Boni aus ihnen vermeintlich zustehenden Aktienoptionen per Klage einforderten. Das Begehr des Österreichers: ein Anteil von 17,3 Millionen. Die Sache ist immer noch anhängig.

Inoffizieller Wettbewerb

Als Nomura im April 2010 die Garantie-Bonuszahlungen einstellte, hüpfte Meissner - gemeinsam mit vielen früheren Lehmännern - ein paar Blocks weiter in der Londoner City: zur Bank of America Merrill Lynch, wo er bis zu seiner aktuellen Beförderung bereits als stellvertretender Chef des weltweiten Großkunden- und Investmentbanking-Geschäfts agierte.

In seiner neuen Funktion wurde er vom mächtigen BAML-Co-Chef Thomas Montag in einem kurzen internen Memo erstaunlich zurückhaltend empfangen: "Christian ist ein weithin respektierter und talentierter Investmentbanker mit vielen hochkarätigen Kundenkontakten.“ Vielleicht fiel das Willkommen auch deswegen so beiläufig aus, weil dieses Institut derzeit neben der Schweizer Großbank UBS in jenem inoffiziellen Wettbewerb ganz vorne liegt, der in der Finanzwelt für den gehässigsten Tratsch sorgt: Gewinner in diesem Match ist das Haus mit der kürzesten Verweildauer seiner Topmanager. Ein Faktum, das einen wie Chris Meissner aber wohl nicht sehr schreckt.

Zur Person: Christian Meissner, 43, heuerte nach dem Studium in Princeton 1994 zuerst bei der Investmentbank Morgan Stanley an, wechselte jedoch schnell zu Goldman Sachs. 2004 kam er zu den grandios pleitegegangenen Lehman Brothers, dann folgte ein Gastspiel bei Nomura, und 2010 zog es ihn zur Bank of America.

- Rainer Himmelfreundpointner

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