Fünf Jahre Krise

Am 15. September 2008 begann mit der Lehman-Pleite die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Die Ursachen waren schnell erkannt, die Lösungen formuliert. Nur umgesetzt wurde davon bis heute nicht besonders viel. Die Unsicherheit hält an.

Fünf Jahre Krise

Zwei österreichische Investmentbanker, deren berufliche Laufbahnen untrennbar mit den Zäsuren der Lehman-Pleite vor fünf Jahren verbunden sind: Der eine, Christian Meissner, war am 8. September 2008 zum Eu-ropa-Chef der US-Bank bestellt worden - ein Job, für den er jahrelang malocht hatte. Sieben Tage später, am Montag, den 15. September, meldete Lehman Bankrott an, löste damit die größte Weltwirtschaftskrise seit den 30er-Jahren aus, doch Meissner fiel nach oben. Der Mann mit den eisernen Nerven wechselte mit seinem kompletten Team zur japanischen Konkurrenz Nomura, rang später dem Lehman-Masseverwalter zig Millionen Dollar an Abfertigungen ab und landete im Frühjahr 2012 im Vorstand des US-Finanzinstitutes Bank of America.

Der andere Banker, Günther S., hatte sich bis zur Lehman-Pleite zu einem der erfolgreichsten Derivate-Händler der Bank of America in London hochgearbeitet. Kurz darauf schluckte diese das schwankende Geldhaus Merrill Lynch und S. fiel wenige Monate später den unvermeidlichen Personalrochaden zum Opfer - einer unter rund 200.000 arbeitslosen Ex-Bankern, die von der Londoner City seither ausgespieen wurden. Erst Anfang dieses Jahres konnte er wieder Fuß fassen: Er überprüft im Auftrag der britischen Finanzmarktaufsicht hochriskante strukturierte Kredite, die hunderttausenden ahnungslosen Privatkunden in den Hochzeiten des Zockens aufgeschwatzt wurden.

So unmittelbar und unterschiedlich die zwei Banker von der Lehman-Pleite getroffen wurden, so gewaltig wurde die ganze Welt von den Schockwellen des Zusammenbruchs vor genau fünf Jahren erfasst. "Ich kann mich erinnern, dass sofort nach der Bankrott-Meldung unter den Kollegen Panik ausgebrochen ist“, erinnert sich der Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister. "Allen war klar: Das ist ein ernsthaft folgenschweres Ereignis.“ Die Resultate sind bekannt: Die Welt wurde an den Rand des Abgrunds gerissen, sämtliche Vermögenswerte sackten in den Keller, der Geldkreislauf des Finanzsystems geriet ins Stocken, seine Kernschmelze konnte nur durch immens kostspielige Bankenrettungspakete in Form von Verstaatlichungen oder Eigenkapitalzuschüssen verhindert werden. Allein die EU-Mitgliedsländer pumpten zwischen 2008 und 2011 an die 3,2 Billionen Euro in ihre Geldinstitute. Das wiederum führte vielfach zu einer derartigen Überlastung der Staatshaushalte, dass die anfängliche Finanzrasch zu einer Staatsschuldenkrise mutierte, deren wirtschaftliche Folgen immer noch spürbar sind.

Jederzeit wieder?

Das fragwürdige Jubiläum "Fünf Jahre Lehman“ gibt Anlass, eine Krisen-Zwischenbilanz zu ziehen: Welche Lehren hat die Welt gezogen? Welche Konsequenzen hat die Politik gezogen? Wie kann in Zukunft vermieden werden, dass Finanzinstitute hemmungslos Risiken eingehen, ihre Bilanzen mit Hilfe fremden Kapitals auf ein Vielfaches des Bruttoinlandsproduktes ihrer Heimländer aufblähen, und so allein wegen ihrer schieren Größe und gordischen Verflechtungen ganze Staaten erpressen können? Und vor allem: Wo ist der Weg, der aus der tiefen Rezession der Realwirtschaft herausführt, in die fast ganz Europa durch das Finanzsystem gestürzt wurde?

Es gibt zwei Antworten darauf - eine vorsichtig optimistische und eine zutiefst pessimistische. Die erste formuliert Christian Keuschnigg, der Direktor des Wiener Instituts für Höhere Studien (IHS): "Die Hauptlehre ist: Zu hohe Überschuldung, egal ob bei Staaten, Banken oder Haushalten, ist ein hohes Risiko. In Zukunft müssen jegliche Kreditgeschäfte mit mehr Eigenkapital hinterlegt werden. Zum Glück hat man hat in Europa erkannt, dass die Tragbarkeit der Staatsschulden Grenzen hat.“ Das genaue Gegenteil befürchtet indes Schulmeister: "Wir haben aus der Krise nichts gelernt. Sie ist nicht einmal ansatzweise zu Ende. Das System zerlegt sich selbst“ (siehe Streitgespräch ).

Die Banken bleiben ein Risikofaktor

Die Ursachen und Probleme, die zur Krise führten, wurden erkannt und bis ins kleinste Detail analysiert. Doch die Maßnahmen, die gesetzt wurden - von Feuerwehraktionen zur Banken- und Staatsrettung bis zu kaum noch überschaubaren neuen Regulierungsvorschriften - erscheinen teils halbherzig und ineffektiv. Zudem ist der Großteil schlicht noch nicht in Kraft getreten.

Erst kürzlich fasste der deutsche Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret in Salzburg sein Fazit so zusammen: "Es beunruhigt mich zutiefst, dass das "Too-big-to-fail“-Problem noch immer nicht gelöst ist.“ 29 Banken weltweit gelten derzeit als zu groß, um sich selbst retten könnten. Kommen sie in Schieflage, wird weiterhin der Staat eingreifen müssen.

In die gleiche Kerbe schlägt auch Benoît Lallemand vom 2011 gegründeten NGO "Finance Watch“: "Fünf Jahre nach dem Lehman-Kollaps haben sich die Dinge zum Schlechteren verändert. Die Aufmerksamkeit ist von der Regulierung der Finanzmärkte zu den Regierungen gewandert.“ Die Banken seien immer noch zu groß, schleppten nach wie vor hunderte Milliarden an Altlasten mit sich und hätten zu geringe Eigenkapitalquoten. Ohne die Liquiditätsspritzen der Zentralbanken würde es einige wahrscheinlich nicht mehr geben.

"Im Falle einer Großbankenpleite“, befürchtet Dombret, "wären wir gegen eine Kettenreaktion heute kaum besser geschützt als vor fünf Jahren.“ Ein solcher Domino-Effekt von Bankenpleiten würde teuer: Wissenschaftler an der Universität Lausanne haben errechnet, dass eine weitere Finanzkrise (definiert als Einbruch von 40 Prozent am globalen Aktienmarkt) heute doppelt so riskant wäre wie 2008. Die europäischen Banken würden knapp eine Billion Euro an Kapital benötigen. Am riskantesten aufgestellt sind französische Institute.

Neue Regulierungswut?

Um dieses Horrorszenario zu vermeiden, haben Politik und Hochbürokratie eine Unmenge neuer Finanzmarkt-Regulatorien entwickelt - allen voran die verschärften Eigenkapitalvorschriften durch Basel III sowie Aufsichts- und Insolvenzregeln im Rahmen der geplanten Bankenunion. Allein, viele dieser Mechanismen harren immer noch einer gesetzlichen Verankerung in den einzelnen Staaten. Und die Ergebnisse dieser neuen Regulierungswut seien letztendlich kaum mehr überschaubar: "Man versucht, komplexe Banken mit noch komplexeren Regelwerken in den Griff zu bekommen“, sagt Lallemand von Finance Watch, "statt simpler Regeln entstehen kaum durchschaubare Konstrukte.“ So umfasst Basel-III mittlerweile 616 Seiten, während Basel-I noch mit schlanken 50 Seiten auskam. Der amerikanische Dodd-Frank-Act hatte 2010 schon 848 Seiten, mit allen rechtlichen Feinheiten soll er nun auf 30.000 Seiten anwachsen.

Auch für das System von exorbitant hohen Gehältern und Boni, das in der Vergangenheit dazu geführt hat, dass Banker unverhältnismäßig große Risiken eingingen, ist bisher keine internationale Lösung gefunden worden. In einigen Ländern wurden die Boni zwar gedeckelt, dafür stiegen die fixen Gehälter.

Schattenbanken werden verschont

Ebenfalls wenig geregelt wurde bisher der Bereich der Schattenbanken, zu dem auch Hedgefonds zählen. EU-Kommissar Michel Barnier legte am vergangenen Mittwoch zumindest einen Entwurf zu ihrer Regulierung vor. Sowohl Deutschland als auch Frankreich geht er nicht weit genug. Vor allem was Geldmarktfonds betrifft, deren Volumen weltweit auf 67 Billionen Euro geschätzt wird, erscheinen die Regulierungen weiterhin zu lasch. Man befürchtet, dass der Zusammenbruch eines dieser Fonds sofort einen Flächenbrand bei Banken und Versicherungen verursachen könnte.

Und wer einen Blick auf die jüngst veröffentlichten Zahlen der weltweit offenen Finanzderivat-Positionen wirft, dem kann tatsächlich Angst und Bange werden: Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich betrug die Summe dieser offenen Derivatgeschäfte Ende 2012 in etwa soviel wie vor der Krise: knapp 650 Billionen Dollar. Gemeint sind zu einem guten Teil jene Transaktionen wie beispielsweise CDOs und CDS, die als toxische Auslöser allen Unheils gelten.

Realwirtschaft in der Depression

Ähnliche Rekordzahlen sind in der nun bereits fünf Jahre darbenden Realwirtschaft nur unter umgekehrten Vorzeichen zu vermelden. Etwa hinsichtlich des Beispiels Griechenland, und dort insbesondere Westmakedoniens. Nirgends in Europa ist die Jugendarbeitslosigkeit so hoch. Nur drei von zehn Jugendlichen finden eine Arbeit. Schon vor der Krise hatten es die Bewohner der Region nicht einfach, an Jobs zu kommen. Nun ist es nahezu unmöglich.

Wie in Westmakedonien hat die Krise in weiteren Teilen Europas deutliche Spuren in der Realwirtschaft hinterlassen. Sie kostete Wirtschaftswachstum und Jobs, forderte Unternehmenspleiten. 19,2 Millionen Menschen sind in der Eurozone heute ohne Arbeit, 11,3 Millionen waren es vor dem Lehman-Kollaps. Nur in Deutschland gibt es heute weniger Arbeitslose als vor der Krise.

In den USA hingegen hat das Wachstum zuletzt angezogen, sich der Arbeitsmarkt erholt. "Die USA hatten für die Bewältigung dieser Krise die besseren Voraussetzungen“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der ING Bank. Die Banken wurden schnell gerettet, verstaatlicht oder abgewickelt, die desaströsen Finanzen einzelner Bundesstaaten brachten nicht das ganze Land in Schieflage. Die Konjunkturprogramme und die Niedrigzinspolitik der Fed brachten, wenn nicht große Wirtschaftsimpulse, so zumindest Sicherheit. Und Obamas Reindustrialisierungspolitik trägt Früchte. Der Strategiewechsel zahlt sich aus: Erstmals seit vielen Jahren exportiert die größte Volkswirtschaft wieder mehr als sie importiert.

Bessere Instrumente

Der Genesungsprozess der Eurozone ist noch lange nicht abgeschlossen. Der britische Think Tank "Oxford Economics“ etwa rechnet damit, dass die Schuldenkrise die Eurozone um zehn Jahre zurückwirft. Der Sparkurs der Regierungen verlangsamt das Wachstum, die hohe Arbeitslosigkeit führt zu Abwanderungen, Zukunftspotenzial geht verloren. Außerdem erschwert die Kreditklemme bei Banken nötige Investitionen.

"Das größte Risiko in den nächsten fünf Jahren besteht darin, dass das angestrebte Wachstum nicht zustande kommt und die hohen Staatsschulden nicht mehr haltbar sind“, sagt Stefan Bruckbauer, Volkswirt der UniCredit Bank Austria. Natürlich gibt es auch äußere Risiken wie etwa die aktuelle Wachstumsschwäche der Schwellenländer, der steigende Ölpreis oder die Zuspitzung der Krise im Mittleren Osten. Unabhängig davon aber müssten, damit Europa wachsen kann, die privaten Investitionen in Europa anspringen - bisher gingen sie zurück. Auch Unternehmen halten sich mit Investitionen noch zurück. Der Volkswirt sieht Europa prinzipiell aber auf einem guten Weg: "Die Realwirtschaft ist heute stimmiger als vor fünf Jahren, weil einige Ungleichgewichte bereinigt wurden“, so Bruckbauer.

Banken, deren Geschäftsmodell schon vorher nicht tragfähig war, sind out: siehe die Hypo Kärnten. Auch das Platzen der Immobilienblase in Spanien und die Erkenntnis, dass so große Leistungsbilanzdefizite wie jenes in Griechenland nur künstlichen Aufschwung erzeugen, haben ihr Gutes. All diese Entwicklungen hatte man schon vor der Krise gesehen. Aber weder die Nationalstaaten noch die EU-Politik griffen ein.

"Die Krise hat diese Schwachstellen aufgezeigt“, sagt auch Carsten Brzeski von der ING, "ob wir etwas daraus gelernt haben, wird sich erst zeigen.“ Was wird zum Beispiel die deutsche Bundesregierung tun, sollte sich in Deutschland eine Immobilienblase abzeichnen? In Boomzeiten Fehlentwicklungen zu korrigieren - damit hat sich die Politik noch nie leicht getan. Auch, weil damit fast automatisch der Verlust von Arbeitsplätzen verbunden ist.

Den größten Fortschritt hat Europa allerdings darin gemacht, sich zur Europäischen Union und zum Euro zu bekennen und die dafür nötigen Instutionen zu schaffen. Wird Griechenland wieder ein Rettungspaket benötigen, so wird es das bekommen. Die Märkte vertrauen darauf. Und niemand will riskieren, dieses Vertrauen zu enttäuschen.

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