Fremdenverkehr: Statt "fern und lang" lautet das heurige Reisemotto "nah und kurz"

Das Reisebudget der Österreicher ist 2009 knapp bemessen. Geurlaubt wird heuer im Sommer daheim oder bestenfalls am nahen Mittelmeerstrand. Teure Fernreisen sind definitiv out.

Malerische Buchten, üppige Berg- und Hügellandschaften, antike Stätten – geht es um Kroatien, gerät Ranko Vlatkovic ins Schwärmen. Der Kroate stammt aus dem Norden des Landes und managt in Wien seit geraumer Zeit die Kroatische Tourismuszentrale. Heimweh hat er nur selten, schließlich trennen ihn von seiner Heimatstadt Opatija gerade einmal 500 Kilometer. Läuft alles glatt, ist Vlatkovic also in weniger als fünf Stunden zuhause. „Die Position Kroatiens im Herzen Europas ist unser großer Vorteil“, sagt der Touristiker.

Krise sitzt auf Koffer
Das kleine Land an der Adria ist mit seinen mehr als tausend Inseln nach Italien die zweitbeliebteste Urlaubsdestination der Österreicher. Laut Zahlen der Statistik Austria zieht es jährlich mehr als 814.000 Österreicher hin (1,87 Millionen reisen nach Italien, siehe Grafik ). Jubelstimmung kommt dennoch keine auf. „Die Zahl der Österreich-Gäste bleibt heuer bestenfalls stabil“, sagt Vlatkovic. Auch Gaetano Manzo, Direktor der italienischen Zentrale für Tourismus, meint, er sei zufrieden, wenn die Zahlen im Sommer 2009 auf dem Vorjahresniveau bleiben. Der Grund für die spürbare Reisezurückhaltung ist – wie könnte es anders sein – die aktuelle Wirtschaftskrise. Weil die Bürger verunsichert sind und den Euro derzeit zweimal umdrehen, verreisen sie entweder gar nicht, innerhalb des eigenen Landes oder in nahe Destinationen. „Im Kopf sitzen aber alle auf den Reisekoffern, aber eben nur im Kopf“, sagt der deutsche Freizeitforscher Horst Opaschowski, der diesen Sommer mit seiner Frau selbst „nur“ in Deutschland, an der Nordsee, urlaubt.

Tourismus bringt Rekordüberschuss
Dabei gab der Tourismus erst vor wenigen Tagen Grund zur Freude: Wie die Leistungsbilanz 2008 zeigt, hat es Österreich in erster Linie dem Tourismus zu verdanken, dass ein Rekordüberschuss von 9,8 Milliarden Euro erzielt wurde (3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung). Im Klartext: Während der Außenhandel angesichts der tristen Wirtschaftslage im Vorjahr mit einer roten Null (minus 0,2 Milliarden Euro) schloss, konnte sich Österreich auf Erfolge im Tourismus und bei Dienstleistungsexporten stützen. Stagnierenden Ausgaben der Österreicher im Ausland stehen Einnahmen durch ausländische Gäste im Inland gegenüber. Diese stiegen um eine Milliarde Euro an, was zu einem Überschuss in Höhe von 7,1 Milliarden Euro im Reiseverkehr führte. „Der Tourismus nimmt in Österreich als dienstleistungsintensive Industrie eine Sonderstellung ein“, sagt Petra Stolba, Geschäftsführerin der Österreich Werbung. Tatsächlich sind die touristischen Einnahmen mit rund 2.300 Dollar pro Kopf in keinem anderen Land der Welt so hoch wie hier.

55 Prozent bleiben daheim
Doch Experten sagen der sonst so erfolgsverwöhnten Branche nun turbulente Zeiten voraus: Österreich-Gäste, ob nun aus dem In- oder Ausland, werden sich künftig zweimal überlegen, ob es eine Flasche Wein mehr sein darf. Wie Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung (IFT), sagt, ist das Lager derer, die heuer gar nicht verreisen, so groß wie nie zuvor. Laut einer erstmals in FORMAT veröffentlichten Prognose Zellmanns werden 55 Prozent der Bürger ihren Urlaub diesen Sommer zuhause „auf Balkonien“ verbringen, 15 Prozent innerhalb heimischer Grenzen verreisen und nur 30 Prozent die Reise ins Ausland antreten. „Statt fern und lang heißt das Reisemotto jetzt eher nah und kurz“, so Zellmann. Anstelle der gewohnten zwei oder gar drei Wochen Sommerurlaub sind es für viele nur noch zehn Tage. Auffallend ist laut Zellmann vor allem der Trend zu Auto- und Busreisen – Fluggesellschaften müssen mit zweistelligen Rückgängen bei den Passagierzahlen rechnen.

Reiseveranstalter unter Druck
Von der Reisezurückhaltung betroffen sind neben kleinen Anbietern auch große wie TUI, Thomas Cook / Neckermann oder Rewe (etwa ITS Billa Reisen, Dertour). Rund ein Viertel der Österreicher bucht bereits via Reiseveranstalter. „Die Branche war bislang dermaßen erfolgsverwöhnt, dass wir schon in der Krise sind, wenn wir einmal keine Zuwächse vermelden“, sagt Norbert Draskovits, Präsident des Österreichischen Reisebüroverbands (ÖRV). Schon 2008 war kein leichtes Jahr. Die Umsätze gingen um fünf Prozent zurück, wofür gesellschaftliche Veränderungen verantwortlich waren (der Boom von Bausteinreisen ließ die Pauschalreisenachfrage einbrechen). Im Jahr davor hatte es noch schöne Zuwächse gegeben (siehe Grafik ) . Im FORMAT-Interview spricht TUI-Austria-Chef Klaus Pümpel nun zwar von keinen alarmierenden Zuständen, doch sei für Juli und August mit weiteren Einbrüchen zu rechnen. Hinter vorgehaltener Hand ist allerdings bereits die Rede von Rückgängen von mindestens zwölf Prozent. „Familien buchen eindeutig billiger. Und auch im Urlaub wird um tausend Euro weniger ausgegeben“, sagt Reinhard Kotzaurek von Thomas Cook / Neckermann. Österreichs größter Tourismuskonzern, das Verkehrsbüro, verzeichnet auch deutliche Rückgänge: Im ersten Quartal gab es ein Minus von neun Prozent. Firmenchef Harald Nograsek betont aber, dass man finanziell auf festen Beinen stehe: „Unsere Eigenkapitalquote liegt bei 42,2 Prozent. Im Vorjahr waren es noch 29,7 Prozent.“

Last-Minute-Jahr
„Es wird ein Last-Minute-Jahr.“ Davon geht zumindest Dieter Buschek, Chef von L’Tur, Österreichs größtem Reiseveranstalter in dem Bereich, aus. „Wir werden heuer Zuwächse erzielen und neue Filialen in Wels und Graz eröffnen.“ Buschek profitiert dabei vor allem vom globalen Trend, kurzfristig zu buchen. Aufgrund der geringen Margen im Tourismus kann es laut Martin Bachlechner von der Verkehrsbüro Group zwar zu keinen Preisschlachten kommen, doch locken bereits so gut wie alle Anbieter mit Schnäppchen (siehe Artikel ) . Anbieter von elitären Fernreisezielen wie Mauritius haben derzeit also wenig Grund zum Lachen: Für teure Reisen fehlt das Geld. Will man aber doch das Flair der Tropen genießen, so besteht zumindest eine kleine Chance darauf: Römerquelle versendet zurzeit Glückslose an zwei Millionen Haushalte. Die Scheine sind auszufüllen, in die 1,5-Liter-PET-Flasche zu stecken und in die ARA-Plastik-Sammlung zu werfen. Dem glücklichen Gewinner winkt unter anderem eine Reise in ein Nobel-Resort auf den Malediven. Auf der Inselgruppe im Indischen Ozean dürfte man heuer kaum auf Landsleute stoßen. Denn die urlauben diesen Sommer ja vor allem daheim.

Von Silvia Jelincic und Romana Kanzian

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