Fremdenverkehr in der Krise: Tourismus benötigt Strategien und finanzielle Mittel

Die Weltwirtschaftskrise setzt auch den Tourismus ge­hörig unter Druck. Was Österreich tut, damit das Geschäft mit dem Urlaub auch in Zukunft die Staatskassen füllt.

Tausende Partypeople bei der Fête Blanche“, titelte am Wochenende die Ausgabe der „Kleinen Zeitung“ in Kärnten, als rund um den Wörthersee Halligalli in Weiß angesagt war. Auch in den nächsten Tagen dürfte es an den Ufern von Österreichs Promi-Badewanne nicht anders werden, denn in Klagenfurt wird zum massenkompatiblen Beachvolleyball gerufen. „Wir sind dank des Sport-Events ausgebucht“, strahlt Hans Hollerer, Direktor des neu eröffneten Lindner Seepark Hotels in Klagenfurt. Doch irgendwas fehlt im heurigen Sommer. Und zwar die Gäste aus dem Ausland. „Ja, stimmt“, bestätigt Hollerer, Urlaub in Kärnten ist vor allem bei den Ostösterreichern angesagt. Auch die Norditaliener zieht es schnell mal über die Grenze an die sauberen Kärntner Seen. Doch wo bitte bleibt der Rest? Wo sind die Deutschen, Holländer, Amerikaner, Briten, Franzosen und Osteuropäer, die den österreichischen Gästemix in der Vergangenheit ausgemacht haben?

„Sieh, das Gute liegt so nah.“
Bereits Goethe wusste, was in wirtschaftlich durchwachsenen Zeiten Sache ist: Der Urlaub im eigenen Land hat wieder Hochsaison. Und das nicht nur in Österreich. Auch unsere deutschen Nachbarn urlauben lieber an den Stränden von Mecklenburg-Vorpommern als am Wörthersee. Und damit haben wir bereits ein großes Problem am strammen Urlaubswadel: Denn die bundesdeutschen Gäste sind immer noch Österreichs wichtigster Quellenmarkt. Und die Quelle spuckte, laut Statistik Austria und WIFO, für den Mai um 21,6 Prozent weniger Gäste aus als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Wir stecken zwar noch mittendrin – im Sommer –, doch an einen Trendwechsel glaubt niemand mehr. Von „starken Verlusten am deutschen Markt“ sprechen nicht nur kleine, feine Hoteliers, wie Otto M. Wiesenthal vom Hotel Altstadt in Wien. Auch die Bundesländer und die traditionell von Deutschland aus gut besuchten Destinationen wie die Kärntner Seen und die Tiroler Bergwelt vermissen die Deutschen.

Sommer-Touristen lassen aus
Doch damit nicht genug: Auch bei Ungarn, Franzosen, Briten und Amerikanern ist das Urlaubsbudget knapp – oder nimmt gar die Lust auf Österreich ab? Zwar liegt die Alpenrepublik laut dem Travel & Tourism Competitiveness Report 2009 des Weltwirtschaftsforums nach der Schweiz auf Platz zwei der besten Tourismusdestinationen der Welt, aber Deutschland folgt bereits auf Platz drei – und der Konkurrenzdruck wird größer. Warum die Briten im Sommer ausbleiben, ist auch kein Rätsel: Abgesehen von der schiefen Wirtschaftslage im Vereinig­ten Königreich, ist Österreich für den englischen Touristen im Sommer klimatisch eher uninteressant. Das Wetter ist zuhause schon schlecht genug. „Kanaren, Balearen, Griechenland und Türkei sind die bevorzugten Sommerziele. Erst im Winter ist Österreich wieder gefragt“, erläutert Stefan Bracher, Marketingleiter von Eurotours, die neben den heimischen Hofer-Filialen auch die über 400 Aldi-(Hofer-)Diskonter auf den britischen Inseln mit Urlaubs­packages be­liefern. „Es liegt auf der Hand: Von allein kommt kein Urlauber nach Österreich“, ist Martin Gross, Direktor von Emirates Airlines ­Österreich, überzeugt. „Wir fliegen seit November 2004 nach Wien und haben ­gemeinsam mit der Österreich Werbung bereits einige erfolgreiche Marketing­initiativen und Kooperationen gestartet“, so Gross, „es muss ja nicht immer der National Carrier sein, der die Gäste bringt.“

Gefragt: Strategien und finanzielle Mittel
In ganz Europa fließen zwei- und dreistellige Millionenbeträge in tourismusfördernde Konjunkturpakete. Sogar der mit 1,7 Milliarden US-Dollar in der Kreide stehende US-Bundesstaat Michigan sattelt von der Auto- auf die zukunftsträchtigere Tou­rismus­industrie um und pulvert 30 Millionen US-­Dollar in die Tourismuswerbung. Während der Autoindustrie mit der heftig diskutierten und langfristig infrage gestellten Verschrottungsprämie unter die Arme gegriffen wurde, muss sich der Tourismus mit Peanuts zufrieden geben. Wirtschafts- und Tourismus­minister Reinhold Mitterlehner fordert ­Innovationen und sagt, bereits genug Geld in die Tourismuspromotion gebuttert zu ­haben. Sepp Schellhorn, Präsident der ­Öster­reichischen Hoteliervereinigung, ist da anderer Meinung: „Bereits der Vergleich mit den Eidgenossen zeigt den Unterschied: Bei 37 Millionen Nächtigungen pro Jahr verfügt Schweiz Tourismus über 75 Mil­lionen Budgetmittel. Österreich kommt pro Jahr auf 120 Millionen Nächtigungen, die Österreich Werbung hat ein Jahresbudget von 60 Millionen Euro.“ Ende 2008 wurde das Budget vom Wirtschaftsminis­terium nochmals um 4 Millionen für die Inlands- und Nahmärkte aufgestockt. Der heimischen Hotellerie ist bereits jetzt klar, dass sie die Werbetrommel auch selbst rühren muss. Hotelier Wiesenthal inves­tiert jährlich acht Prozent seines ­Ge­samt­­umsatzes ins Marketing. „Große ­inter­nationale Hotelketten kommen im Vergleich kaum auf ein bis drei Prozent.“ Jede Menge Kundschaft hat Wiesenthal auch die Erwähnung in der Gold List des renommierten „Condé Nast Traveller“ gebracht, was sich mit einem Plus von 35 Prozent bei seinen USA-Gästen niederschlug.

Alle wollen mitreden, niemand kennt sich aus
Dass der Tourismus so wenig Aufmerksamkeit auf sich zieht und in den Medien – außer zu den Hauptreisezeiten – kaum Erwähnung findet, liegt auch an der komplizierten Struktur. Gemessen am BIP, würde der Tourismus durchaus mehr Aufmerksamkeit und Spielraum ver­dienen. Bloß, wie wird ein Wirtschafts­faktor verpackt und aufbereitet, für den es im Unterschied zu anderen Branchen keine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung gibt? Vereinfacht gesagt: Der Tourismus mischt fast überall mit, vor allem aber bei Gastronomie und Handel. Ein medien­gerechtes Ranking, das den Stellenwert eines der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes untermauert ­ (siehe FORMAT-Debatte ) , gibt es nicht. Doch Milliardenzahlen dürften auch den kaltblütigsten ­Populisten zupasskommen. Die gesamte Wertschöpfung aus dem Tourismus beträgt nach Prognosen der Statistik Austria und des WIFO 2008 satte 23,51 Mil­liarden, was einem Beitrag zum BIP von 8,4 Prozent entspricht. Der gesamte ­Bereich Tourismus und Freizeitwirtschaft generiert 45,5 Milliarden.

Tourismus-Land Österreich hat Potenzial
Und trotzdem kann man mit Tourismusthemen kaum auf Wählerfang gehen. Kritik seitens Branchenvertretern wird vor allem am mangelnden Tourismusbewusstsein in der Politik geübt. „Mit Tourismuspolitik lässt sich leider keine Wählerschaft gewinnen, weil es sehr oft um unpopuläre Themen wie die Arbeitsmarktpolitik geht“, weiß ­Rudolf Tucek, CEO der Vienna International ­Hotelmanagement AG und Vizepräsident des sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes für Tourismus, „mit solchen Themen macht niemand gern auf sich aufmerksam.“ Petra Stolba, Geschäftsführerin der Österreich Werbung, gibt sich trotzdem unverdrossen: „Tourismus ist ein Bündel aus vielen einzelnen Dienstleistungen, und ­jeder der Mitspieler ist dazu aufgefordert, seinen Teil zum Erfolg beizutragen.“ Das Urlaubsland Österreich hat auf ­jeden Fall noch Potenzial. Die Nutzung dieses Potenzials liegt wohl nicht an der Politik allein.

Von Romana Kanzian

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