Franz Fischler im FORMAT-Interview über Agrarspekulationen und neue Landwirtschaft

Franz Fischler über hohe Lebensmittelpreise und die Notwendigkeit, vor allem in den Entwicklungsländern die Landwirtschaft stärker zu fördern.

FORMAT: Die Preise für viele Agrarrohstoffe haben wieder das Rekordniveau des Lebensmittel-Krisenjahres 2008 erreicht. Was treibt sie diesmal an?

Fischler: Die größten Probleme gibt es zurzeit bei Weizen und Zucker, andere Agrarrohstoffpreise steigen auch, aber nicht im selben Ausmaß. Die Gründe sind vielfältig und lagern sich übereinander: Kurzfristig ist es die Derivatspekulation, beispielsweise durch große Pensionsfonds, die bei den internationalen Preisen für Überhitzung sorgt. Die Entwicklung des Zuckerpreises etwa lässt sich durch Verbrauchszunahmen oder Ernteausfälle nicht erklären. Die „normale“ Spekulation hingegen, wie sie Handelshäuser oder Lebensmittelproduzenten betreiben, um ihre Einkaufspolitik zu planen, ist kein Problem. Außerdem spielt der steigende Ölpreis eine große Rolle: Wenn – so wie jetzt – der Ölpreis hinaufgeht, steigt auch der Weizenpreis. Ölprodukte sind für die Ackerbestellung und die Düngung ausschlaggebend, und sie bestimmen auch den Preis von Pflanzenschutzmitteln.

FORMAT: Eine Studie der OECD kam zu dem Schluss, dass 2008 nicht Spekulanten für die Preishöhenflüge verantwortlich waren. Eine noch unveröffentlichte Studie der EU-Kommission soll zu demselben Ergebnis gekommen sein.

Fischler: Meiner Meinung nach und laut vielen Experten sind Derivatspekulationen sehr wohl für das kurzfristige Auf und Ab zuständig. Die Weltbank hat diese Spekulationen und den hohen Ölpreis als Hauptursachen für die Preissprünge 2008 ausgemacht. Beides wird auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Hinzu kommt eine teils kontraproduktive Politik wie das Einführen von Exportsteuern. Längerfristig wird sicher auch der Klimawandel zu wachsenden Ernteschwankungen und somit zu mehr Preisvolatilität führen, ebenso die Zunahme der Weltbevölkerung.

FORMAT: Was bedeutet das längerfristig für die Preisentwicklung?

Fischler: Die Europäische Kommission rechnet aktuell damit, dass die Agrarpreise in den nächsten zehn Jahren zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder steigen werden.

FORMAT: Weitere Hungersnöte und soziale Spannungen scheinen programmiert. Wie kann die Politik das verhindern?

Fischler: Auf die akute Situation kann man nur mit Lebensmittel-Hilfsprogrammen reagieren, vor allem dort, wo sich die Ärmsten der Gesellschaft die Lebensmittel nicht mehr leisten können. Mittelfristig muss dringend an einer Reform der globalen Regeln für die Finanzwirtschaft gearbeitet werden, um die seit 15 Jahren bestehende neuartige Spekulation in den Griff zu bekommen. Langfristig wird es schlicht darauf ankommen, mehr zu produzieren, vor allem in den Entwicklungsländern. Das erfordert eine neue Prioritätensetzung in der Entwicklungszusammenarbeit.

FORMAT: Sie wurden von Österreich für die Position des Generaldirektors der FAO, der Welternährungsorganisation der UNO, nominiert. Wie sollte die Entwicklungsarbeit in Zukunft aussehen, um Lebensmittel leistbar zu machen und die Zahl der Hungernden einzudämmen?

Fischler: Vor allem in den am wenigsten entwickelten Ländern findet keine agrarische Entwicklung statt. Es ist eine Kernaufgabe der FAO, das mit maßgeschneiderten Programmen und in enger Zusammenarbeit mit den Betroffenen vor Ort zu ändern. Globale Lösungen gibt es hier nicht. Außerdem doktern wir seit zu vielen Jahren im Rahmen der Welthandelsorganisation an der Verbesserung des Agrarhandels herum. Die Doha-Runde muss endlich ihrer ursprünglichen Intention folgen, die Handelsbedingungen für Entwicklungsländer zu verbessern. Sie kommen mit den Bedingungen der hochproduktiven Industrieländer einfach nicht mit. Und um zu ermöglichen, dass sie nicht mehr in demselben Ausmaß auf Hilfe von außen angewiesen sind, müssen wir einfach mehr Geld in die Modernisierung der Landwirtschaft in diesen Staaten stecken. Vor mehr als 20 Jahren hat die UNO-Vollversammlung beschlossen, dass 0,7 Prozent des BIP in Entwicklungszusammenarbeit fließen sollten, heute stehen wir bei knapp 0,3 Prozent, wovon nur drei Prozent in landwirtschaftliche Projekte fließen. Man muss hier endlich Ernst machen.

FORMAT: Sind Preisobergrenzen, wie Nicolas Sarkozy sie fordert, sinnvoll?

Fischler: Das sind Placebos, die immer umgangen werden können. Was man beeinflussen muss, sind die maßgeblichen Faktoren für die Preisentwicklung, insbesondere die Produktionsbedingungen der Entwicklungsländer. Die Welt steht hier vor einer fundamentalen Entscheidung.

Zur Person:
Franz Fischler, 64, ehemaliger Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft und EU -Kommissar für Landwirtschaft, wurde von Österreich für die Position des Generaldirektors der FAO (Food and Agricultur Organization), der Welternährungsorganisation der UNO, nominiert. Die Wahl findet Ende Juni in Rom statt. Fischler werden gute Chancen auf dieses Amt eingeräumt.

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