FORMAT-Tennisgipfel: Das Erfolgsdoppel beim Interview im Wiener Hotel Bristol

Österreichs neuer Tennishero Jürgen Melzer und Manager Ronald Leitgeb im Doppelinterview über den späten Durchbruch zur Weltspitze, Millionen an Preisgeldern, die Marktwert-Explosion und Ferrari-Fahren.

FORMAT: Herr Melzer, Sie sind nach der erfolgreichsten Saison Ihrer Karriere jetzt endlich in Österreich angekommen. Werden Sie als heimische Sportgröße in der Muster-Maier-Rogan-Liga wahrgenommen?

Melzer: Ich glaube schon. Einen Hermann Maier muss man schon noch drüberstellen – der war über einen längeren Zeitraum Spitze. Ich hab heuer wirklich gutes Tennis gezeigt. Und wenn’s mal im Fernsehen war, mich sehr gut präsentiert. Das bekomme ich auch von den Leuten zurück. Man wird des Öfteren erkannt, auf der Straße angesprochen, selbst im Aufzug. Es kommen nur positive Sachen, Gratulationen. Das bedeutet mir viel, das ist eine schöne Erfahrung.

Leitgeb: Durch Jürgens Semifinale in Paris war zum ersten Mal überhaupt Rafael Nadal im ORF live zu sehen. 600.000 Menschen haben die Übertragung verfolgt. Für mich ist das der Beweis, dass der Markt nach einem österreichischen Tennisstar schreit. Melzer hat dem Tennis wieder Schwung gegeben, er wird am Ende des Tages der Waggonführer dieses Zugs sein, und in dieser Position kriegt er dann auch den entsprechenden wirtschaftlichen Kickback.

FORMAT: Wird der Höhenflug auch schon vom Verband genutzt?

Melzer: Ich krieg relativ wenig mit, da ich so viel unterwegs bin. Der Verband muss bessere Aktionen entwickeln als in den letzten Jahren. Die Jungen haben jedenfalls wieder ein Idol: „Ich möchte das auch machen, was der macht.“

FORMAT: Herr Leitgeb, Sie haben unlängst behauptet, dass sich der Marktwert von Melzer seit New York 2009 verzehnfacht hat. Ist das nicht zu hoch gegriffen?

Leitgeb: Nein. In einem extrem leistungsbezogenen Sport wie Tennis machst du einen Quantensprung, wenn es von den Top 30 Richtung Top 10 geht, sowohl preisgeld- als auch sponsortechnisch. Außer Muster hatten wir noch nie einen Spieler so weit vorne. Man darf auch nicht vergessen, dass Melzer bis vor einigen Jahren nur ein nationaler Star war. Jetzt hat er sich mit seinem Top-15-Status international so etabliert, dass er weltweit präsentabel ist.

FORMAT: Gibt es neue Sponsoren?

Leitgeb: Da sind wir in Gesprächen. Potenzielle Partner müssen eine internationale Ausrichtung haben. Melzer ist 30 Wochen im Jahr in der Welt on tour. Da bringt es nichts, wenn er für einen lokalen Händler in Mödling wirbt.

FORMAT: Ihre Freundin Mirna Jukic scheint so manche mentale Blockade gelöst zu haben.

Melzer: Ja, natürlich. Wenn man sich in einer Partnerschaft wohl fühlt, hat das Auswirkungen auf die allgemeine Zufriedenheit. Mirna ist ein sehr positiver Mensch, hat im Schwimmen sehr viel erreicht. „Du musst an dich glauben“, hat sie mir genauso vermittelt wie Ronnie. Da war ich nicht der Stärkste vorher. Aber die letzten 18 Monate habe ich versucht, mir das anzueignen. Und es gelingt mir immer besser.

Leitgeb: Ich hatte das Glück, dass mein Vater Psychologe war und ich daher eine Vielfalt an mentalen Techniken und Möglichkeiten kenne. Ich versuche in einer sehr komprimierten, nicht belastenden Form die Erfahrungen der letzten 30 Jahre einfließen zu lassen. Ich arbeite ja auch mit Managern und Politikern zusammen. Als Tennisspieler bist du vielfach belastet: Konditionstraining, technische und taktische Weiterbildung, dazu das viele Reisen. Da ein kompliziertes Mentaltraining drüberzusetzen, wäre ein Schuss nach hinten. Jürgens Coach Joakim Nyström und ich müssen ihn nicht neu erfinden. Wir bauen auf dem auf, was er seit 15 Jahren tut. Wichtig ist nur, nie mit dem pädagogischen Prozess aufzuhören. Wenn du einem Sportler nichts mehr vermitteln kannst, wird er unglücklich sein. Weil er ehrgeizig ist und weiterkommen will.

FORMAT: War der Sieg bei der Wiener Bank Austria Trophy 2009 die entscheidende Wende in Ihrer Karriere?

Melzer: Das war der Startschuss dazu. „Wende“ würde implizieren, dass vorher etwas schlecht war.

Leitgeb: Das Stadthallenturnier war im Vorjahr ein eklatanter Lernprozess für Jürgen, wie man Hürden überwindet: Du musst nicht immer hundertprozentig in Bestform sein. Du kannst auch mit dem Wollen was verändern, mit einer inneren Stärke. Das sind die Erlebnisse, die ihn zum besseren Sportler gemacht haben.

FORMAT: Und zu einem reicheren: heuer allein weit über eine Millionen Dollar Preisgeld verdient, insgesamt fünf Millionen. Herr Melzer, werden Sie sich mit einer besonderen Investition belohnen?

Melzer: Ich möchte mir irgendwann einmal ein nettes Häuschen in Österreich bauen. Vielleicht leiste ich mir auch einmal eine Ferienwohnung im Ausland. Ansonsten geh ich konservativ mit Geld um: Ich bin keiner, der sich einen Ferrari kauft und damit durch die Gegend fährt. Geld ist wichtig, keine Frage, aber bestimmen lasse ich mein Leben davon nicht.

FORMAT: Stimmt es, dass Sie Ihrem Vater Rudolf als Dankeschön für die Unterstützung einen Mercedes gekauft haben?

Melzer: Vor fünf Jahren zu seinem 50. Geburtstag. Er fährt ihn noch immer.

FORMAT: Sie haben mit Rafael Nadal und Novak Djokovic in diesem Jahr zwei ganz Große geschlagen. Nur Roger Federer ist noch immer eine Nummer zu groß. Auch die Bilanz gegen Andy Roddick ist grausam, noch kein Sieg.

Melzer: Gegen Lleyton Hewitt ist es kaum besser, 0 : 9. Aber jetzt habe ich ihn drauf. Und Roddick ist einfach unangenehm für mich. Ich glaube an meine Chance. Irgendwann werde ich auch ihn biegen.

FORMAT: Kann man im Tennis ähnlich durchmarschieren wie der Münchner Shootingstar Thomas Müller im Fußball? Vom Drittligaspieler zum WM-Schützenkönig in knapp einem Jahr?

Melzer: Nein, das ist zu schwierig, das geht gar nicht.

Leitgeb: Etwas anderes rein theoretisch schon: Im Tennis kannst du ohne ATP-Punkt beginnen und innerhalb eines Jahres mit einer Wildcard Wimbledon gewinnen. Ganz ohne Verband, ohne Trainer und ohne Manager.

FORMAT: Thomas Muster hat in der Pension wieder Lust auf Wettkampftennis bekommen. Was halten Sie vom Comeback?

Melzer: Ich hab ihn noch nicht spielen sehen. Ich weiß nur, dass er im September beim Challenger in Ljubljana sein erstes Match gewonnen hat. Top 50, Top 30 wird er wohl nicht mehr werden.

Interview: Andreas Jaros

ZUR PERSON
Jürgen Melzer, 29, hat 2010 spät in seiner Karriere den Durchbruch geschafft. Wimbledon-Sieg im Doppel, Semifinale in Paris, Nummer 12 der Weltrangliste, Siege gegen Rafael Nadal (Nummer 1) und Novak Djokovic (Nummer 3). An Preisgeldern hat Melzer heuer über eine, insgesamt fünf Millionen Dollar verdient. Ab Montag verteidigt er seinen Turniersieg in der Wiener Stadthalle.

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