FORMAT-Reportage aus dem Land der Currys, Swamis & Maharanis

Die Superpower Indien ist auf bestem Wege, die größte Volkswirtschaft der Welt zu werden. Wieso bittere Armut und schwere Korruption das Wachstumswunder nicht stoppen. Und wie der Hinduismus Wirtschaftsleben und Politik beeinflusst. Eine mehrwöchige Reise führte FORMAT-Reporter Ashwien Sankholkar durch boomende Megacitys, militärische Sperrgebiete und religiöse Pilgerorte.

In den ersten sechs Etagen parken nur Autos. Ab dem siebten Stock geht es dann richtig los. Über eine Lobby führen neun Aufzüge bis in den 27. Stock des Antilia-Towers. In den Ebenen darunter finden sich Dutzende Schlaf- und Wohnräume, ein Ballsaal mit Kristallleuchtern, ein Hightech-Kinosaal, mehrere Schwimmbäder und ein Hindu-Tempel. 600 Angestellte sollen in dem 173 Meter hohen Wolkenkratzer am Malabar Hill in Süd-Mumbai arbeiten. So schaffte sich Mukesh Ambani nicht nur die teuerste Privatresidenz der Welt – Kostenpunkt: eine Milliarde Dollar –, sondern auch ein monumentales Denkmal. Das nötige Kleingeld hat der 52-jährige Vorstandschef der Industriegruppe Reliance: Für das „Forbes“-Magazin ist er mit 29 Milliarden Dollar Vermögen der reichste Inder und die Nummer vier der Welt.

Knapp 20 Kilometer nördlich von der Millionärs-Enklave Malabar Hill liegt Dharavi. Im größten Slum Asiens fehlt alles: sauberes Wasser, stabile Unterkünfte, sanitäre Einrichtungen sowie eine funktionierende Straßen- und Strom-Infrastruktur. Mehr als eine Million Menschen drängen sich hier auf fast zwei Quadratkilometern und teilen sich 100 (!) Toiletten. Dieser Hölle auf Erden wollte Rubina Ali entkommen. Das Mädchen spielte im oscargekrönten Streifen „Slumdog Millionaire“ die Rolle der kleinen Latika. Der Film machte die Zwölfjährige nicht nur in Dharavi zum Star, sondern landesweit so berühmt wie Mukesh Ambani. Trotzdem: Ein fixes Dach über dem Kopf hat sie nicht. Ganz im Gegenteil: Bei einem Feuer Anfang März verlor ihre Familie alles – und ist seither von Almosen abhängig.

Land der Gegensätze

Ambani und Ali bilden die Extrempole eines Landes voller Widersprüche. Ambani und Ali stehen für Gegensätze: Reich und Arm, Hindu und Muslim, Korruption und Kino – eben für Indien, ein Land der Gegensätze.

Derzeit ist Indien mit 1,2 Milliarden Einwohnern und einer Wirtschaftsleistung von 3,92 Billionen Dollar die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Doch bis 2050 wird das Land der Currys, Swamis und Maharanis die Nummer eins sein, so Ökonomen der US-Großbank Citigroup. Doch ist der vorgezeichnete Wachstumspfad angesichts der krassen Gegensätze denkbar? Welchen Einfluss haben Kastensystem, Spiritualität und Hinduismus auf die Wirtschaft? Lassen sich Tradition und Moderne auf Dauer vereinen? Und welche Faktoren bremsen die größte Demokratie der Welt?

In boomenden Megacitys, militärischen Sperrgebieten und religiösen Pilgerorten führte FORMAT unzählige Gespräche über das Abenteuer Indien. Das Ergebnis sind drei Thesen darüber, wie die Superpower Indien wirklich tickt – wirtschaftlich und sozial. Und welche zentrale Rolle das tief in der indischen Gesellschaft verwurzelte und offiziell abgeschaffte Kastensystem beim Big Business spielt.

1. Kastenwesen & Klans

Indien ist das Land der Hindus. Achtzig Prozent der 1,2 Milliarden Inder bekennen sich dazu – und zum notorischen Kastensystem. Eigentlich ist der Begriff „Kaste“ eine Erfindung der portugiesischen Kolonialherren: Casta bedeutet unvermischt, rein. Zutreffender ist das Sanskrit-Wort „Varna“ (Farbe), das die vier Großkasten beschreibt. Brahmanen (Priester, Gelehrte), Kshatriya (Adel, Fürsten, Militär) und Vaishiya (Großbauern, Kaufleute) machen gemeinsam ein Drittel der Hindus aus und stellen die Elite. Rund 50 Prozent sind der vierten Großkaste Shudra (Kleinbauern, Handwerker, Tagelöhner) zuzuordnen. Für die niedrigsten Arbeiten sind die Parias („Unberührbare“) zuständig, die etwa 15 Prozent ausmachen. Das Hindu-Leben wird durch die „Jati“ (Ursprung, Geburt), also die Unterkaste, in die man hineingeboren ist, bestimmt. Die rund 3.000 Jatis sind berufsspezifisch gegliedert und einer Großkaste untergeordnet.

Die drei wichtigsten Business-Communities Indiens heißen Marwaris, Parsis und Modh Bhanias. Die großen Industriellenfamilien Birla (Zement, Zucker), Mittal (Stahl) und Bajaj (Autos, Motorräder) gehören der Marwari-Kaste an, die ihren Ursprung im Dorf Marwar in Rajasthan hat. Die Ambanis sind Modh Bhanias aus dem Bundesstaat Gujarat. Und die traditionsreichen Handelsfamilien Tata (Autos, Stahl, Tourismus) und Godrej (Haushaltsgeräte) sind Mitglieder der Parsi-Community.

Sie haben gemeinsam, dass die Unternehmenskultur von jahrhundertealten Jati-Regeln und hinduistischer Moralphilosophie geprägt ist. Dass die Tatas einen Großteil ihres Vermögens für gemeinnützige Zwecke spenden oder die Birlas viel Geld in Kultur- und Religionsprojekte stecken, rührt daher. Über die Communitys wird ein formelles und informelles Netzwerk geknüpft, das sich übers Land erstreckt. „Über drei Ecken sind wir bei 80 Prozent aller großen Business-Deals dabei“, sagt ein hochrangiger Birla-Manager, der nicht genannt werden möchte. Er erzählt auch, dass die Big Deals in Indien immer einen starken Polit-Konnex haben. Die „Beeinflussung“ der Gesetzgeber und Regulatoren erfolgt regelmäßig – und wird von der Elite stillschweigend akzeptiert.

2. Karma & Korruption

Indien ist die größte Demokratie der Welt. Bei den letzten bundesweiten Parlamentswahlen im Jahr 2009 waren 720 Millionen Wahlberechtigte registriert, die in 830.000 Wahllokalen ihre Stimme abgeben konnten. Im Parlament (Lok Sabha) in New Delhi sitzen 545 Abgeordnete. Die 28 Bundesstaaten entsenden 530 Mandatare, 13 Abgeordnete kommen aus den sieben Unionsterritorien, die direkt von Neu-Delhi aus verwaltet werden. Die Zahl der Parlamentssitze richtet sich nach der Bevölkerungszahl, die Wahlen finden alle fünf Jahre statt. Für benachteiligte Stammesgruppen („Scheduled Tribes“) und niedere Kastengruppen („Scheduled Castes“) sind Parlamentssitze reserviert. So viel zu den stolzen Fakten.

Tatsächlich wird Indien von einem wilden Haufen von Kleptokraten regiert. Dass der als integer geltende Manmohan Singh Premierminister ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Krebsgeschwür der Korruption ungehindert metastasiert. „Korrupte Politiker landen nicht im Gefängnis“, sagt der anerkannte „India Today“-Kommentator Ravi Shankar. „Sie gehen ins Parlament oder werden Kabinettsminister.“ Tatsächlich wimmelt es in Delhi nur so von sinistren Gestalten: Rund 150 Abgeordnete sind vorbestraft. 72 stehen als Beschuldigte sogar unter Mord- und Vergewaltigungsverdacht.

Die Schamlosigkeit, mit der die politische Elite das Land seit Jahrzehnten ausplündert, kennt keine Grenzen. Vergangenen Herbst wurde ein Skandal aufgedeckt, der alles bisherige in den Schatten stellt: Mitarbeiter der Regierung sollen lukrative Telekomlizenzen im Jahr 2008 unter Marktwert verkauft und dafür Schmiergelder erhalten haben. In einem transparenten Auktionsprozess hätte der Staat mehr kassiert, meint der indische Rechnungshof. Einnahmenentgang für den Staat: mindestens 30 Milliarden Euro.

Für die Mobilfunkbranche ist Indien ein Paradies. Vom Himalaya im Norden bis zu den Backwaters im Süden sind 730 Millionen Handynutzer registriert. Jeden Monat kommen 18 Millionen hinzu. Die Telekomaffäre kostete bereits einen Minister den Job. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass auch gegen drei Unternehmen Anklage wegen mutmaßlicher Bestechung erhoben werden soll: Reliance Telecom, Uninor und Swan. Hinter Reliance steckt die Milliardärsfamilie Ambani.

Trotzdem werden Ambani & Co in der breiten Öffentlichkeit geschätzt. Warum Korruption salonfähig ist? Die Kastenordnung sowie das Konzept von Karma und Dharma spielen dabei eine Rolle. Auch wenn intellektuelle Inder jede Art von Korruption verteufeln, wird sie doch im Alltag akzeptiert – und das hat oft mit der Kaste zu tun.

Bermuda-Dreieck Kaste, Karma und Korruption

So darf der hinduistische Kaufmann ein Schlitzohr sein, sofern es seinem Dharma entspricht. Damit ist die durch Kaste und Beruf vorbestimmte Lebensweise – „das richtige Handeln“ – gemeint. Wenn ein Bhania-Händler einen Beamten schmieren muss, um einen Deal abzuschließen, hat er Dharma-konform gehandelt. Ein Kaufmann muss Geschäfte machen. Punkt. Das kosmische Gesetz von Dharma und Karma, das Hindus stillschweigend akzeptieren, geht aber noch weiter. So muss der Kaufmann einen Teil seines Gewinns an Mittellose spenden. Macht er das nicht, verletzt er sein Dharma – und macht „Karma-Schulden“. Die kosmische Kraft, das Karma, belohnt die Menschen nach ihrem Tod für gute Taten und bestraft sie für ihre Fehler. Die metaphysische Dharma-Karma-Konstruktion macht das Kastensystem so stabil. Vor allem am Land, wo 70 Prozent der indischen Bevölkerung leben und das Bildungsniveau niedrig ist, ist man im Bermuda-Dreieck von Kaste, Karma und Korruption gefangen.

Die Globalisierung ist für die traditionsbewussten Bewohner des Hindu-Landes eine Herausforderung und bietet spannende Chancen. Am Arm-Reich-Gefälle wird sich wohl nichts ändern. Und die Geschäfte der „Corruption Inc.“, wie das Nachrichtenmagazin „Frontline“ titelte, laufen trotz Skandalen wie geschmiert.

3. Krise & Konjunktur

Indien wird ein Wirtschaftswunderland bleiben. Es ist der Zauber der Zahlen – „the Magic of Numbers“ –, der das ökonomische Wunder letztlich bewirkt. Mehr als 250 Universitäten und über 12.000 höhere Lehranstalten spucken Jahr für Jahr drei Millionen Absolventen aus. Sie stellen ein anscheinend unerschöpfliches Reservoir für hochwertige Arbeitskräfte dar – für das In- und Ausland. Wer 1,2 Milliarden Menschen als potenzielle Käufer hat, kann mit einer guten Idee viel Geld verdienen.

Neben dem riesigen Binnenmarkt ist auch die sogenannte „demografische Dividende“ nicht zu unterschätzen. In den nächsten 15 Jahren soll der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung auf 70 Prozent steigen. Jedes Jahr drängen 13 Millionen Menschen neu auf den Arbeitsmarkt. Und solange die rund 200 Millionen Menschen umfassende Mittelklasse neue Autos, Handys, Kühlschränke braucht, wird der Konjunkturmotor mit Wachstumsraten jenseits von acht Prozent weiter schnurren.

Die Mehrheit der Inder, die am Land oder im nichtorganisierten Industriebereich arbeiten, sowie die Zigmillionen Slumbewohner nehmen vom Boom wenig mit. Im Gegenteil: Trotz des weltweiten Oscar-Hypes ist und bleibt „Slumdog“-Star Rubina Ali eine obdachlose Slumbewohnerin.

Die wirklichen Profiteure des modernen Indiens sind letztlich dort zu finden, wo sie schon immer saßen: in den Tempeln, in den Regierungen und in Malabar Hill, wo Mukesh Ambani aus dem 27. Stock seines Milliarden-Turms dem nächsten Business-Abenteuer entgegenblickt.

- Ashwien Sankholkar

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