Format Interview mit Günter Geyer: "Da will ich nicht dabei sein“

Format Interview mit Günter Geyer: "Da will ich nicht dabei sein“

FORMAT: Herr Dr. Geyer, sie gelten als einer der wenigen Wirtschaftsvertreter, auf deren Rat Bundeskanzler Faymann hört. Wann hat er Sie zuletzt konsultiert?

Günter Geyer: Es ist richtig, ich kenne Bundeskanzler Faymann schon sehr lange, und ab und zu ergibt sich die Gelegenheit zu Gesprächen. Ich bin aber kein fixer Berater von ihm, das wäre zu viel der Ehre.

Wurden Sie denn zur Hypo-Rettung jemals um Ihre Meinung gefragt?

Geyer: Nein, aber ich denke, da gibt es Berufenere als mich, etwa den Präsidenten der Nationalbank. Ich bin ja kein Banker und gebe, wenn gewünscht, Ratschläge zu Themen, wo ich mich auskenne.

Aber gerade bei dem jüngst von der Regierung beschlossenen Hypo-Sondergesetz, das einen Schuldenschnitt vorsieht, sind Sie als VIG-Aufsichtsrat ja auch betroffen …

Geyer: Das ist richtig, wir sind wie andere Versicherungsunternehmen davon betroffen, weil wir vor etlichen Jahren Papiere mit Landesgarantie gekauft haben. Wir haben diese Papiere nicht als spekulativ, sondern als sicher empfunden.

Wenn Sie nun hören, dass der Finanzminister sagt, die Anleihegläubiger seien selber schuld, wenn sie an die Garantie von Kärnten geglaubt haben, was geht da in Ihnen vor?

Geyer: Ich frage mich, warum dann die Republik selbst noch im Jahr 2012 ähnliche Papiere der Hypo gekauft und mit Bundeshaftung versehen hat. Und wieso hat die Regierung in den Jahren 2003 bis 2005, zu einer Zeit, als wir die Papiere gekauft haben, nicht auf die Problematik der Haftungshöhe aufmerksam gemacht?

Wissen Sie denn schon, in welchem Ausmaß die VIG-Kunden betroffen sein werden?

Geyer: Nein, weil wir noch nicht wissen, wie das Gesetz aussehen wird. Auf die Gewinnbeteiligung unserer Kunden wird sich das marginal auswirken: Nur 0,3 Prozent der Kapitalanlagen der Wiener Städtischen wären vom Schnitt betroffen. Aber wir werden alle Schritte unternehmen, dass möglichst viel der Ansprüche unserer Kunden abgedeckt ist. Das wird wahrscheinlich nicht ohne gerichtliche Auseinandersetzung gehen. Im Ergebnis wird man sich dann wahrscheinlich auf einen Abschlagsbetrag einigen. Anders kann ich mir das nicht vorstellen.

Ist dieser Schuldenschnitt ein Fehler?

Geyer: Ich denke, die Fehler wurden früher begangen, als man zugesehen hat, wie Anleihen mit derartigen Garantien begeben wurden. Ich habe aber Verständnis dafür, dass die Politik nun versucht, etwas für den Steuerzahler zu retten. Auch wenn ich diesen Schritt nicht für richtig halte. Denn es ist ein Bruch gegenüber der bisherigen Gestion, der Irritation am Finanzmarkt hervorruft.

Wird der Schuldenschnitt den Ruf des Finanzplatzes nachhaltig schädigen?

Geyer: Das glaube ich nicht. Österreich hat immer noch eine gute Bonität, und Ratings sind auch mit Vorsicht zu genießen. Seit dem AAA-Verlust Österreichs ist der Zinssatz ja auch nicht explodiert. Oder erinnern Sie sich an die Topratings der isländischen Banken, kurz bevor sie in die Pleite gerutscht sind.

In den letzten Monaten gab es wiederholt Klagen von Vertretern der Wirtschaft, der Politik fehle es an Verständnis. Von Ihnen hat man nichts gehört - warum?

Geyer: Ich versuche, das differenzierter zu sehen: Innerhalb Europas steht Österreich immer noch gut da. Ja, es stimmt, die Lohnsteuerquote ist zu hoch. Aber ich denke, wir haben eine Regierung, die versucht, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten ihr Bestes zu geben. Und wenn ich etwas kritisiere, muss ich mich auch immer fragen: Wo ist die Alternative?

Sehen Sie immer alles so positiv?

Geyer: Ich komme aus einfachen Verhältnissen und hätte mir nie gedacht, dass ich einmal so eine Position einnehmen werde. Die Herkunft möchte ich nicht vergessen. Das trägt sicher zu der Einstellung bei.

Gehören Sie auch zu jenen, die gerne mehr Steuern zahlen würden?

Geyer: Ich hätte zum Beispiel nichts dagegen gehabt, für meine Töchter mehr Schulgeld zu zahlen. Auch eine Erbschaftssteuer oder Grunderwerbssteuer kann ich mir sehr gut vorstellen.

Und abgesehen vom Steuersystem würden Sie in Österreich nichts verändern?

Geyer: Das Pensionssystem ist gut, aber langfristig wird es noch der einen oder anderen Adaption bedürfen.

Gibt es denn nichts, was Sie richtig wütend macht?

Geyer: Doch, unser Ausbildungssystem ist furchtbar. Deshalb habe ich auch das Bildungsvolksbegehren von Hannes Androsch sehr bewusst unterschrieben.

Hat es Sie eigentlich nie gereizt, selbst in die Politik zu gehen?

Geyer: Ich war und bin mit meiner Tätigkeit in der Versicherungsbranche sehr zufrieden, deshalb habe ich diesem Reiz nie nachgegeben.

Aber gefragt wurden Sie schon?

Geyer: Es hat die ein oder andere Andeutung in die Richtung gegeben, ja. Man muss schon sagen: Politiker-Bashing ist en vogue. Aber Politik ist wirklich harte Arbeit. Jeder, der Politiker kritisiert, sollte versuchen, es besser zu machen!

Vor wenigen Wochen sind Sie - mit über 70 - zum VIG-Aufsichtsratspräsidenten gewählt worden. Warum machen Sie das noch?

Geyer: Das war eigentlich nie in meiner Lebensplanung enthalten. Aber nach meinem Ausscheiden als Vorstand sind immer wieder namhafte Vertreter des Hauptaktionärs an mich herangetreten und haben gemeint, der Hauptaktionär sollte doch auch im Aufsichtsrat verteten sein. Dieser Wunsch wurde sehr intensiv an mich herangetragen, bis ich mich schließlich bereit erklärt habe, das zu tun.

Wie aktiv werden Sie Ihre Tätigkeit anlegen?

Geyer: Glauben Sie mir, ich kann sehr gut zwischen der Tätigkeit als Vorstand und jener als Aufsichtsrat unterscheiden.

Wie viel Zeit haben Sie dafür eingeplant?

Geyer: Derzeit bin ich eineinhalb Tage in der Woche Pensionist. Das sollte sich auch künftig ausgehen.

Herr Muhm hat Sie ja auch als Wunschkandidaten für den ÖIAG-Aufsichsrat genannt. Wäre das nicht interessant?

Geyer: Ich habe ihm sehr freundlich gesagt, dass ich dafür zu wenig Zeit habe. Außerdem vermisse ich bei der ÖIAG in ihrer derzeitigen Form das strategische Element.

Das heißt?

Geyer: Die ÖIAG sollte im Sinne der Standortsicherung auch Bereiche umfassen, die zur Zeit nicht drinnen sind. Und die aktuelle Form der Aufsichtsratsfindung ist zwar originell, aber keine, bei der ich dabei sein will.

Und was macht der Pensionist Geyer?

Geyer: Ich beschäftige mich mit meinen zwei Enkelkindern, gehe in Ausstellungen und kümmere mich um meine Bienen.

Zur Person: Günter Geyer, 70, ist nach zweijähriger Cooling-off-Periode im Juni zur VIG (Vienna Insurance Group) als Aufsichtsratspräsident zurückgekehrt. Geyer war von 2001 bis 2012 CEO des Versicherungskonzerns. Der Jurist startete seine Karriere 1974 bei der Wiener Städtischen, deren Expansion nach Osteuropa er maßgeblich vorantrieb. Seit seinem Ausscheiden aus der VIG ist Geyer Vorstand des Wechselseitigen Versicherungsvereins der Wiener Städtischen, dem Hauptaktionär der VIG. Der Vater zweier Kinder gilt als Berater von Bundeskanzler Werner Faymann. Er ist Vorstand im Verein "Rettet den Stephansdom“ und bekleidet mehrere Aufsichtsratsposten.

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff

50 Millionen Euro Umsatz macht die von Ronnie Seunig gegründete Excalibur City pro Jahr und schafft 500 Jobs. Roger Seunig tritt in die Fußstapfen seines Vaters und setzt dessen pittoreske Visionen fort.
 

Business

Roger Seunig - der Ritter von Kleinhaugsdorf