FORMAT exklusiv: Der geheime Magna-Businessplan enthüllt harten Sparkurs

Im vertraulichen Businessplan für Opel hat die Magna-Spitze niedergeschrieben, wie sie den Autohersteller wieder flottkriegen will.

Ausschlafen kann Siegfried Wolf schon lange nicht mehr. Der Chef des austro-kanadi­schen Autozulieferers Magna kommt auf vier Stunden Schlaf pro Nacht. Wenn überhaupt. Mal sitzt der Manager bei der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, mal beim russischen Regierungschef Wladimir Putin oder bei General-Motors-Boss Frederick Henderson. Dazwischen: Treffen mit Lobbyisten, sonstigen Politikern und den eigenen ­Leuten. Vor zwei Uhr morgens kommt Wolf fast nie ins Bett. Sein Arbeitseinsatz scheint sich zu lohnen. Die Chancen, beim zu GM gehörenden Autobauer Opel zum Zug zu kommen, stehen gut. Seit Mittwoch ist Magna hochoffiziell der erklärte Favorit der deutschen Bundesregierung. Entschieden wird wahrscheinlich nächste Woche.

Magna scheint festzustehen
Bis dahin werden sich die Deutschen und GM aber noch einen harten Fight liefern. Denn die Amerikaner bevorzugen den US-Finanzinvestor Ripplewood, der über eine belgische Tochter für Opel bietet. GM will bei Opel weiterhin das Sagen haben und den Autohersteller eventuell in ein paar Jahren wieder zurückkaufen – und das geht nur mit Ripplewood. Allerdings besitzt eine Treuhandgesellschaft des deutschen Staates 65 Prozent von Opel. Die könnte GM-Boss Henderson nur ausschalten, wenn er 1,5 ­Milliarden Euro Überbrückungsfinanzierung zurückzahlt. Zudem hat Merkel klar gemacht, dass es für einen Finanzinvestor keine Haftungen gibt. Und: Bei Magna rechnet man damit, dass sich die Kanzlerin mit US-Präsident Obama verständigt hat, weil GM ja auch teilverstaatlicht ist. Somit spricht sehr viel für Magna, jede andere Lösung wäre eine Sensation. Laut ihrem Angebot wollen Siegfried Wolf und Magna-Gründer Frank Stronach sofort 500 Millionen eigenes Geld in Opel investieren, wobei 400 Millionen davon vorerst als Darlehen gegeben werden und ab 2011 in vier Jahrestranchen in Eigenkapital gewandelt werden. Ripplewood würde nur 270 Millionen Eigenmittel in die Hand nehmen und will 3,8 Milliarden Staatshaftungen für Kredite (Magna: 4,5 Milliarden).

„Projekt Beam“
Magna und sein russischer Partner Sberbank wollen je 27,5 Prozent an Opel erwerben. Zehn Prozent sollen die Mitarbeiter, 35 Prozent GM halten. Der FORMAT exklusiv vorliegende 25 Seiten lange Businessplan unter dem Titel „Projekt BEAM – Zukunftskonzept Opel 2014“, der am 17. Juli in Berlin den GM-Spitzen und der deutschen Regierung präsentiert wurde, zeigt, wie sich Stronach und Wolf den Fahrplan für NewOpel vorstellen: von Restrukturierungsmaßnahmen über die Markterschließung in Russland bis hin zum gesamten Finanzbedarf. Die Eckpunkte des vertraulichen Papiers:

„Personalabbaumaßnahmen Produk­tion.“ Insgesamt müssen 10.560 Mitarbeiter gehen. Von den Kürzungen betroffen ist vor allem der Standort Antwerpen, der im März 2010 geschlossen wird. 2.321 Menschen verlieren dort den Job. Beim heimischen Motoren- und Getriebewerk in Aspern werden nur Leiharbeiter betroffen sein. Neben den Personalkürzungen will Magna Maßnahmen bei Urlaubs- und Weihnachtsgeldern sowie Gehaltskürzungen durchsetzen – und so weitere 264 Millionen Euro sparen. Im Gegenzug ist – ganz nach dem Magna-Prinzip: weniger fix, mehr Erfolgsprämie – eine zehnprozentige Gewinnbeteiligung für die Mitarbeiter geplant. Insgesamt 167 Millionen Euro sind dafür bis 2014 budge­tiert. Die Opel-Betriebsrenten will Wolf beenden und dafür zusätzliche 226 Millio­nen Euro in den Pensionsversicherungsverein einzahlen.
„Einsparungen in Einkauf und Logis­tik.“ Zwischen 2009 und 2014 sollen durch eine effizientere Organisation und Synergien 329 Millionen gespart werden.
 „Veränderungen der Produktionsstrate­gie – Kapazitätsplanung und Auslastung.“ Laut Businessplan soll Opel im nächsten Jahr 1,25 Millionen Autos bauen und die Zahl bis 2014 auf über 1,6 Millionen steigern. Diese Werte sind deutlich konservativer angesetzt, als das GM gemacht hat, weshalb es mit den Amerikanern in den letzten Wochen auch viel Zoff gab. Die Auslastung der europäischen Werke, die im Moment nur zwischen 50 und 70 Prozent liegt, soll mittelfristig in die Gegend von 100 Prozent steigen. Die Produktion in Belgien (derzeitige Produktion nur 76.000 Autos) soll aus Rentabilitätsgründen noch 2010 eingestellt werden. In Aspern ist die Anhebung der Fertigung von einer Million auf 1,79 Millionen Motoren und Getriebe vorgesehen (Auslastung von 54 auf 97 Prozent).
 „Reorganisation des ­Geschäftsbe­triebs.“ Das ist der heikelste Punkt zwischen GM und Magna. Die Global Technology Organization (GTO), eine Hundert-Prozent-Tochter von GM, besitzt sämtliche Technologierechte und Patente des Konzerns, auch für Opel. Die GTO behält diese und finanziert auch weiter die Entwicklungen des Opel Engineering Centers in Rüsselsheim. Dafür zahlt NewOpel Lizenzgebühren, über deren Höhe lange heftig gestritten wurde. Nun belaufen sie sich auf 3,25 Prozent für die Jahre 2009 bis 2012, auf 3,8 Prozent für 2013 und 2014 und auf 5 Prozent ab 2015. Der Prognose zufolge werden diese Zahlungen von 449 Millionen Euro im Jahr 2009 auf 818 Millionen in fünf Jahren anwachsen.
„Russland – Potenzial über den Geschäftsplan hinaus.“ 566 Millionen Euro will Magna über die Planungsperiode hinweg in Russland investieren. Wie es im Papier heißt, sei der Erfolg der Restrukturierung von NewOpel zwar unabhängig vom Markterfolg in Russland. Doch das Wachstum soll von dort kommen. Zwischen 2010 und 2014 wird mit einer Verdoppelung des Absatzes an NewOpel-Fahrzeugen (mit den Marken Opel/Vauxhall und ­Chevrolet) gerechnet. Der Beitrag zum Gewinn soll dann 125 Millionen Euro betragen.
„Separationskosten und Erwerb von Software.“ Die Abkoppelung von GM kommt Magna in manchen Bereichen ­teuer. Konkret geht es dabei um Projekte zur Trennung von gemeinsamen Netz­werken und Telekommunikation sowie um die Implementierung von Zugangs- und Sicherheitsprozessen. Allein für 2010 beläuft sich der Separationsaufwand auf 48 Millionen Euro (in 58 Projekten). Zusätzlich muss Magna für NewOpel nun Software bei Microsoft, SAP oder Oracle für 36,6 Millionen Euro einkaufen.
 Magna kalkuliert mit insgesamt fünf Milliarden Euro Kapitalbedarf, der überwiegend bis Ende 2010 anfällt. Bis dahin muss ein negativer Cashflow von knapp 3,8 Milliarden Euro ausgeglichen werden, Dazu kommen 1,2 Milliarden an ­sonstigem Mittelbedarf. 2014 soll Opel wieder 785 Millionen Vorsteuergewinn (EGT) erzielen.

Kritik an General Motors
Ganz auf dem Gipfel sind Stronach und Wolf aber noch nicht. Das finale Match mit GM wird noch hart, auch wenn die deutsche Politik auf ihrer Seite steht. Vor allem gilt es, noch ­einen brisanten Punkt zu klären: Der GM-Konzern will verhindern, dass sich Opel bzw. Magna Technologie außerhalb seiner Einflusssphäre besorgt. Henderson verlangt daher, dass, wenn eine Achse oder ein Getriebe von einem anderen Auto­hersteller oder Zulieferer verwendet wird, die Lizenz­gebühr an GTO trotzdem in ­voller Höhe zu zahlen ist. Für Magna ist das absolut indiskutabel, weil damit jede Flexibilität verloren geht. „GM fürchtet den Wettbewerb, wir wollen aber immer die beste Technologie und nicht, was GM gerade bieten kann“, tönt es aus der Magna-­Zentrale. Dort wird von einem ­absurden „Stoppelgeld“ gesprochen – ­früher ein Obulus, wenn man zu einem Wirt eigene Getränke mitbrachte. Auch die Deutschen wollen noch ein Zugeständnis von Magna: dass außer in das Werk Sankt Petersburg kein weiteres durch Haftungen garantiertes Geld nach Russland fließt. Das wird zu machen sein. Aber ein paar schlaflose Nächte wird ­Magna-Boss Wolf noch haben.

Von Silvia Jelincic

Magnas Finanzplan für Opel und die Expansionspläne für Russland entnehmen Sie der aktuellen FORMAT-Ausgabe 30/09.

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