Foodwatch-Gründer Thilo Bode im Interview

Der Gründer der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch über die dreistesten Lebensmittellügen, Aromen und zu viel Zucker.

FORMAT: Wie gefährlich ist es, mit den Lebensmittelriesen zu kämpfen?

Bode: Das ist überhaupt nicht gefährlich, schließlich leben wir in keiner Diktatur. Es geht um demokratiepolitische Fragestellungen, um individuelle Rechte und kollektive Schutzgüter. Konzerne sind sicher nicht zimperlich, immer wieder versuchen sie auch, NGOs zu unterwandern. Aber auch das sind legitime Mittel im demokratischen Prozess.

FORMAT: Eine der Lebensmittellügen, die Sie anprangern, ist das Joghurt „Activia“ von Danone. foodwatch kritisiert unter anderem den enorm hohen Zuckergehalt. Wie reagiert ein Konzern wie Danone auf Ihre öffentlichen Vorwürfe?

Bode: Einige Hersteller ändern ihre Produkte oder nehmen sie ganz vom Markt. Danone bisher nicht – ist aber immerhin dialogfähig. Wir treffen uns zum Gespräch und diskutieren die Kritik. Kluge Unternehmen nehmen unsere Kritik ernst und hoffen wohl, uns im Gespräch zumindest besser kennen zu lernen. Es gibt aber natürlich auch Gegenbeispiele. Ferrero etwa lässt überhaupt nicht mit sich reden.

FORMAT: Was sind aus Ihrer Sicht wirklich dreiste Lebensmittellügen?

Bode: Da gibt es eine ganze Reihe. Der komplette Functional-Food-Bereich – wie das Beispiel von Danone. Oder nehmen Sie Kinderlebensmittel wie etwa die „Milch Schnitte“, die mehr Kalorien enthält als eine Sahnetorte und auch noch als leichte „Zwischenmahlzeit“ verkauft wird. In vielen Diätprodukten wiederum ist viel zu viel Salz enthalten. Auch die vielen Produkte, die mit dem Begriff der Herkunft beworben werden, sind oft eine Irreführung.

FORMAT: Sie kritisieren, dass inzwischen selbst mit dem Begriff „Bio“ Schindluder getrieben wird. Wie?

Bode: Sie können in Südtirol beim Bio-Bäcker ein Bio-Brot kaufen, das in Hannover gebacken, tiefgefroren und dann bis nach Südtirol gefahren wurde. Von der Brauerei Carlsberg gab es eine angebliche „Bio Limonade“ aus „rein natürlichen Zutaten“. Die Aromen kamen samt und sonders aus dem Labor. „Bio“ an der Brause war gerade einmal der Zucker und das Gerstenmalz – magere 5,5 Prozent des Gesamtprodukts.

FORMAT: Apropos „natürliche Aromen“ – nehmen Geschmacksstoffe aus dem Labor zu?

Bode: Mit Sicherheit. Wie derzeit auch die steigenden Lebensmittelpreise illustrieren, sind die Rohstoffe die wichtigsten Kostentreiber in der Lebensmittelindustrie. Da liegt es nahe, zum Beispiel Erdbeeraroma aus Sägespänen zu verwenden – schließlich darf man auf die Verpackung dann immer noch „natürliches Aroma“ schreiben. Auch können Hersteller damit werben, „keine Geschmacksverstärker“ zu verwenden, obwohl ihre Produkte Hefeextrakte enthalten, die sehr wohl geschmacksverstärkend wirken.

FORMAT: Wieso agieren die Hersteller eigentlich so – die müssen doch selbst draufkommen, dass das irgendwann auffliegt?

Bode: Offenbar lohnt es sich, zu schwindeln. Der Markt hat eben keine wirksamen Kontrollmechanismen, um so etwas zu verhindern. Es geht ausschließlich um den Preis.

FORMAT: Inwieweit sehen Sie die Konsumenten selbst in der Pflicht?

Bode: Nur wenn wirkliche Transparenz herrscht, kann der Verbraucher entscheiden. In der aktuellen Situation muss er stattdessen zehn Jahre Lebensmitteltechnik studieren, um sich einigermaßen auszukennen. Denken Sie doch nur an alte Menschen: Danone etwa legt bewusst Gutscheine für seine Produkte in Arztpraxen aus.

FORMAT: Im Supermarkt kann man als Verbraucher noch aufpassen, aber was ist eigentlich in der Gastronomie?

Bode: Das ist teilweise ein wirklich düsteres Kapitel. Zusatzstoffe müssen zum Beispiel noch weniger deklariert werden. Viele Lieferanten versorgen die Gastronomen mit sogenannter „ deklarationsfreier Ware“. In der Gastronomie ist die Intransparenz so groß, dass der Verbraucher wirklich der Dumme ist.

FORMAT: Essen gehen werden Sie wohl eher selten …

Bode: So gut wie nie. Da koche ich lieber selbst.

Interview: Arndt Müller

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