Flughafen Wien-Skandal: Gerichtsgutachter deckt 3.000 Baufehler am Skylink auf

Der erste Teil der gerichtlichen Beweissicherung zum Skandalbau Skylink ist fertig. 3.000 Mängel haben die Sachverständigen festgestellt. Manche waren sogar lebensgefährlich.

Das Desaster um den im Bau befindlichen neuen Flughafen-Terminal Skylink nimmt Ausmaße an, die schlimmste Befürchtungen wahr werden lassen: Auf unfassbare 3.000 Mängel sind die gerichtlichen Sachverständigen bei ihrer im September des Vorjahres begonnenen Bestandsaufnahme gestoßen. 140.000 Fotos und knapp 110 Stunden Filmmaterial lassen keine Zweifel mehr offen: Es wurde arg gepfuscht.
Ende kommender Woche wird dem Flughafen-Vorstand und den am Bau beteiligten Hauptunternehmen der erste von vier Teilen der bislang größten gericht­lichen Beweissicherung in der Zweiten Republik offiziell präsentiert.

Zwanzig Sachbearbeiter am Werk
Auf zwei Festplatten finden sich alle Informationen zum Mammutprojekt – Material, das ausgedruckt 750 Kilogramm schwer wäre. Knapp zwanzig Sachbearbeiter waren nötig, um dem Chaos am Bau auf den Grund zu gehen. Tausend Kilometer legten sie in den vergangenen Monaten zu Fuß zurück, nahmen 2.500 Details unter die Lupe, um schließlich festzustellen: Das Großprojekt ist aus den Fugen geraten. Zwar will der für die Beweissicherung zuständige Wiener Zivilingenieur Matthias Rant die Ergebnisse nicht kommentieren, doch sind sie sowohl dem Airport-Vorstand als auch dem Aufsichtsrat längst bekannt. „Eine Katastrophe“, heißt es dazu hinter vorgehaltener Hand im Unternehmen.

Passagiere in Lebensgefahr  
Demnach handelt es sich bei 500 der rund 3.000 festgestellten Mängel um „mittlere bis schwere Fehler“. Einige davon hätten für die Passagiere gar Lebensgefahr bedeuten können. Beispiel Glasfronten: Hohe schwarze Scheiben zieren die zwei Teile, Pier und Terminal, des mehr als 150.000 Quadratmeter großen Areals. Um für die nötige Sicherheit zu sorgen, müssten die Glasplatten 18 Millimeter tief in das Profil eingesetzt werden.

Tragfähigkeit und Stärke der Elemente ungenügend
Tatsächlich waren die je nach Größe bis zu 600 Kilogramm schweren Elemente aber teils nur fünf Millimeter tief eingefügt – mit möglicherweise fatalen Folgen. Denn im Fall einer überhöhten Belastung des Bodens – wenn etwa zu viele Passagiere zur selben Zeit den jeweiligen Gang durcheilen – hätte es die Glasplatten aus der Fassung heben und in die Tiefe schmettern können. Als lebensbedrohlich werden auch ­Teile der Decke eingestuft. So wurden oftmals gleich mehrere Löcher in die für die Tragfähigkeit installierten Edelstahlelemente gebohrt, wodurch die Decke einsturzgefährdet war. In Summe gibt es kaum einen einzigen der insgesamt 3.200 Räume, wo kein Pfusch geortet wurde. Kleinere Fehler in den Trockenbauwänden und nicht vorschriftsmäßig angebrachte Brandmelder und Sprinkler gibt es zuhauf, sind aber relativ rasch behebbar.

Lange Liste
Weitaus prekärer sieht es im Bereich Gebäudetechnik aus (Heizung/Lüftung/Sanitär): Falsch angeschlossene Wasser- und Luftleitungen erfordern gröbere Umbauarbeiten, Luftschächte müssen verlegt und das gesamte Aircondition-System überholt und großräumiger installiert werden. Im Juni soll der zweite Teil der Beweissicherung noch genaueren Einblick in die Mängelliste gewähren, im Herbst folgt der Rest. Schon früher, nämlich in sechs bis acht Wochen, ist auch mit dem Bericht des Rechnungshofs zu rechnen. Laut Insidern, die bereits Einblick in die Unterlagen hatten, kommt der Rechnungshof auf ein ähnlich vernichtendes Ergebnis. Demnach ist in dem in Ausarbeitung befindlichen Bericht von mangelnder beziehungsweise teils fehlender Bauaufsicht die Rede.

Das Chaos geht weiter  
Gebaut wurde, so heißt es, auf Basis von rund 10.000 verschiedenen Plänen, darunter gleich mehrere für Hochbau, Statik, Lüftung und Elektronik, wodurch es zu einem unüberschaubaren Wirrwarr gekommen sei. Der für den Skylink zuständige Flughafen-Vorstand Ernest Gabmann sucht noch bis zum Sommer nach einem General­bevollmächtigten („Totalabnehmer“), der sich um den weiteren Ablauf des Projekts kümmern soll. Doch rechnet fast niemand mehr mit einer planmäßen Eröffnung des Skylinks Mitte 2012, zumal dem Generalbevollmächtigten eine ordentliche Bau­stelle übergeben werden muss, was in ­wenigen Monaten kaum zu schaffen ist. Ein heikles Thema bleibt die „Schuldfrage“. Denn das vom Grazer Juristen Waldemar Jud verfasste Gutachten, in dem alle Vorstände ungeschoren davonkommen, ist äußerst umstritten. So gilt Flughafen-Vorstandssprecher Herbert Kaufmann als zumindest mitverantwortlich für die Kostenexplosion auf voraussichtlich 830 Millionen Euro. Die verheerenden Berichte des Rechnungshofs und der gerichtlichen Beweissicherung könnten seinen Rücktritt beschleunigen. Spätestens nach der Wien-Wahl im Herbst dürfte Kaufmanns Zeit als Flughafen-Chef abgelaufen sein.

Silvia Jelincic

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