Flügellahm: Nach Rekordverlusten steht die Volksbank vor einem radikalen Umbau

Die Volksbanken AG baute 2009 einen Rekordverlust von mehr als 900 Millionen Euro. Ohne Tabus muss die Investmentbank Lazard mögliche Zukunftsszenarien prüfen: vom Teilverkauf bis zur Zerschlagung.

Jetzt marschiert die Troika endlich geschlossen in den Kampf. Das war nicht immer so. Bis zum Jahreswechsel herrschte noch Uneinigkeit zwischen Hans Hofinger, Michael Mendel und Gerald Wenzel. Streitpunkt war die zukünftige Ausrichtung der Österreichischen Volksbanken AG (ÖVAG), dem Spitzeninstitut des genossenschaftlich organisierten Volksbanken-Sektors. Mendel ist seit Vorjahresbeginn Vizechef der ÖVAG und Generaldirektor der auf Unternehmensfinanzierungen spezialisierten Tochterbank Investkredit. Als Ex-Vorstand der Bank Austria ist er nicht nur ein erfahrener Risikomanager, sondern ein besonderer Kenner der Region Österreich und CEE. Für Mendel stand sehr früh fest: Ohne strategischen Partner wird es die ÖVAG nicht lange durchhalten.

Aufräumen nach der Expansionswut
Anderer Meinung war Hofinger. Der Präsident des Genossenschaftsverbands vertritt die Interessen von 62 Volksbanken. Die halten über eine Holding 58,2 Prozent an der ÖVAG, den Rest teilen sich DZ-Bank (25,1 Prozent), Ergo Versicherung (10 Prozent) und Raiffeisen Zentralbank. Dem ÖVAG-Aufsichtsratsvorsitzenden Hofinger war die Unabhängigkeit immer ein Anliegen. Das gilt vor allem in Bezug auf Raiffeisen, den großen Bruder in der Welt der Genossenschaftsbanker. Die Hereinnahme eines Partners würde den Sektoreinfluss im Spitzeninstitut massiv reduzieren und musste daher stets mit allen Mitteln verhindert werden. ÖVAG-General Wenzel war in diesem Kräftemessen hin- und hergerissen. Den Volksbanken rund um Hofinger ist er besonders verpflichtet. Denn sie hievten ihren Mann aus der Volksbank Baden-Liesing-Mödling an die ÖVAG-Spitze – um aufzuräumen, was Vorgänger Franz Pinkl, der seit 1. Juni 2009 im Chefsessel der ­kaputten Hypo Group Alpe Adria sitzt, durch seine Expansionswut hinterlassen hatte. Unter anderem fällt der Erwerb der Investkredit-Gruppe (Kommunalkredit, Europolis) in Pinkls Amtszeit.

Kein Geld für den Staat
Doch auch Gerald Wenzels Loyalität hat Grenzen. Nach einem halben Jahr Krisenmanagement weiß er: Ohne Hilfe von außen wird es die Volksbanken AG nicht schaffen. Schon im Vorjahr musste die Republik mit einer Milliarde Euro Partizipationskapital einspringen. Die Zinsen von 93 Millionen Euro pro Jahr konnte die Bank wegen der Verluste nicht zahlen. Ein zweites Mal Staatshilfe kommt daher nicht infrage. Das Trio Hofinger-Wenzel-Mendel steht unter Zeitdruck und verfügt über wenig Spielraum: Denn die ÖVAG steht laut FORMAT exklusiv vorliegenden Informationen vor dem größten Verlust der Firmengeschichte. Aus eigener Kraft ist das Rekordminus von über 900 Millionen Euro für 2009 nur schwer zu stemmen. Das Kreditinstitut ist zwar nicht von Pleite bedroht und erfüllt alle Eigenkapitalvorschriften. Doch ihre lahmen Flügel kann die ÖVAG nicht mehr kaschieren: Wie kommt sie aus dem Schlamassel heraus, fragen sich die Aufseher besorgt. Und wie lang geht das noch gut?

Restruktierung ohne Tabus
Die Experten der Investmentbank Lazard müssen nun im Eiltempo Antworten finden. Die vor wenigen Wochen beauftragten Briten sollen einen Restrukturierungsplan erstellen und ein Zukunftskonzept abliefern – ohne Tabus. „Es geht um strategische Optionen“, sagt ÖVAG-Boss Wenzel. Vom Teilverkauf der Investkredit oder der Ostholding VBI bis zum Einstieg eines Partners sei alles möglich. Wenzel: „Zeitdruck haben wir definitiv keinen.“ Ganz so gemütlich ist es freilich nicht, wie ein Blick in den letzten ÖVAG-Zwischenbericht zum dritten Quartal 2009 zeigt. Schon damals summierten sich die Vorsorgen für faule Kredite auf 567 Millionen Euro, was zu 607 Millionen Euro Vorsteuerverlust führte. Zum Vergleich: Im Krisenjahr 2008, das in der Verstaatlichung der ÖVAG-Tochter Kommunalkredit gipfelte, lag der Verlust bei „nur“ 402 Millionen Euro.

Kein G'riss um die Investkredit
Das größte Sorgenkind ist die Investkredit. Die Zahlungsschwierigkeiten vieler Kunden im Industriegeschäft kosten die ÖVAG viel Geld für Risikovorsorgen und verbrauchen Eigenmittel. Von einem G’riss um die Investkredit kann keine Rede sein. Denn in der Krise ist eine Firmenkunden-Bank nie der Renner. Das Gleiche gilt für den Immobilienfinanzierer Europolis. Der Konjunktureinbruch in Osteuropa hat auch Büro- und Wohnbauprojekte in Mitleidenschaft gezogen. Selbst die Ostholding VBI wird weit unter ihrem Wert gehandelt. Das Fazit für die ÖVAG: Ein Abverkauf würde nur Schnäpp­chen­jäger wie Private-Equity-Fonds erfreuen. Auch bislang brachten Teilverkäufe nur der ÖVAG wenig: Der Buchgewinn aus der Abtretung von vier Retailbanken liegt bei 90 Millionen Euro. Angesichts des Geldbedarfs ist das nicht viel. Die große Hoffnung liegt nun in einem weißen Ritter, der Geld zuschießt. Ein ­Finanzinvestor wäre den Volksbankern am liebsten, dann bliebe ihnen die Ober­hoheit.

Die Furcht vor dem Giebelkreuz
Doch dieses Szenario ist unwahrscheinlich. Daher steigt die Furcht vor einem schwarzen Ritter: Raiffeisen. Die RZB führt ihren 6,1-prozentigen ÖVAG-Anteil mit rund 57 Millionen Euro in den Büchern, woraus sich ein Gesamtwert von 934 Millionen Euro errechnen lässt. „Das ist die Bank sicher nicht mehr wert“, sagt ein Raiffeisen-Manager keck. Sollte Raiffeisen einsteigen, sind Konflikte programmiert. Die Feindschaft zwischen den Genossenschaftsbankern ist alt. Das Match Bauer gegen Handwerker würde nicht friedlich ausgehen. Wahrscheinlich würden viele Volksbanker den Sektor verlassen, und zahlreiche Kunden würden erst gar nicht unters Giebelkreuz wechseln. Vor allem die Industrie fürchtet sich vor dem wachsenden Einfluss von Raiffeisen. Denn mit der Auflösung der Investkredit würde ein wichtiger Konkurrent weg­fallen. In der Einbindung der Investmentbanker von Lazard sehen viele ohnehin bereits eine Weichenstellung: Denn die Briten verbindet mit der Raiffeisen Investment AG eine exklusive Partnerschaft im M&A-Geschäft.

Bawag-PSK als Raiffeisen-Alternative
Eine Alternative zu Raiffeisen, die derzeit die Runde macht, ist die Bawag-PSK-Gruppe. Ein ÖVAG-Zusammenschluss mit der im Eigentum des US-Fonds Cerberus stehenden Bank würde mehrere Probleme lösen: Zum einen wäre die Fusion ein wichtiger Schritt in Richtung Konsolidierung, wie sie Hannes Androsch als Vize­präsident der Banken-ÖIAG Fimbag (und als Bawag-Mitaktionär) mehrfach gefordert hat. Andererseits hat die Partnerschaft eine wirtschaftliche Logik: Im Retailgeschäft sind die geografischen Überschneidungen minimal. Massiver Per­sonalabbau, Filialschließungen oder ein Kundenexodus wären daher unwahrscheinlich. Ganz im Gegenteil: Die liquiditätsstarke Bawag könnte die kapitalhungrigen Firmenkunden der Investkredit mit Geld versorgen. Auch ein Ende der Volksbanken AG in der jetzigen Form wird von Lazard geprüft. Eine Art ÖVAG light, die als Marketingplattform und Produktfabrik für die Genossenschaft fungiert, ist eine Option. Ein massiver Personalabbau, der über die konzernweit 1.000 Jobs hinausgeht, wäre aber die schwerwiegende Konsequenz. Bis März sollen die Lazard-Vorschläge vorliegen. Dann müssen Hofinger, Mendel und Wenzel entscheiden. Und das wird dann schnell gehen müssen.

Ashwien Sankholkar

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