Finstere Job-Aussichten: Die Folgen der Finanzkrise treffen Österreichs Unternehmen

Die Finanzkrise bleibt nicht ohne Folgen. Eine Exklusivstudie belegt jetzt, das ein Viertel der österreichischen Firmen direkt betroffen ist. Ein Drittel der Unternehmen wird Investitionen stoppen und ein Drittel Kosten senken. Die prognostizierten Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind düster: Das AMS rechnet für 2009 mit bis zu 20.000 zusätzlichen Arbeitssuchenden.

Als Erstes traf die Finanzmarktkrise die Autoindustrie: Weil die Amerikaner ihr Geld jetzt für Schuldentilgung und ihre Pensionen verwenden müssen, statt ein schickes neues Auto zu erstehen, stagnieren die Absatzzahlen. Und auch die österreichischen Zulieferer wie AT&S verdienen in diesem Bereich bald weniger (siehe Autozulieferer kommen ins Schleudern ). Durch die Bankzusammenbrüche verschärft sich die Situation nun schlagartig, auch in Österreich: Konzerne wie voestalpine, Wienerberger und Strabag verschieben wegen unklarer Finanzierungen ihre Investitionen und legen lang geplante Projekte auf Eis. Immer mehr Unternehmen planen Aufnahmestopps und müssen im schlimmsten Fall sogar Personal kürzen. Die Wirtschaftslage wird unberechenbar und weitet sich auf immer mehr Branchen aus.

Studie zeigt Nicht-Zahlungen
Die Finanzkrise trifft in Österreich zunächst große Investitionsprojekte, die Autoindustrie, die Textilindustrie und die Bauwirtschaft. 2008 geht das Investitionswachstum um die Hälfte zurück, meint das Wifo. 2009 kommt es gar zu einer Stagnation. Der Kreditversicherer atradius kommt in einer aktuellen Studie, die FORMAT exklusiv vorliegt, zum Schluss, dass bereits 25 Prozent der österreichischen Unternehmen von der Kreditkrise betroffen sind. „In den vergangenen sechs Wochen stiegen die Nicht-Zahlungsmeldungen in den kritischen Sektoren um 25 Prozent“, weiß atradius-Österreich-Chef Franz Maier, „ein Indiz, dass die Insolvenzen bald steigen. Eine enorme Schadenswelle wird folgen.“

Die Angst geht um
Riesengroß ist auch die Angst. 71 Prozent der Österreicher befürchten laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts OGM, dass sich die Finanzkrise negativ auf Wirtschaft und Beschäftigungssituation im Land auswirkt. Die Bevölkerung sorge sich weniger um die Spareinlagen als um die allgemeine Konjunktur und ihre eigenen Arbeitsplätze, sagt OGM-Forscherin Karin Cvrtila. Dabei ist die Ausgangslage, was den Arbeitsmarkt betrifft, für Österreich sehr gut: Im Land herrscht derzeit Vollbeschäftigung – noch. Denn die Aussichten sind finster: Parade-Unternehmen wie Magna und Swarovski haben den Abbau von Arbeitsplätzen angekündigt und vor allem auf Leiharbeiter verzichtet. In diesem Bereich stieg die Arbeitslosigkeit im September bereits um 3,3 Prozent.

Einschnitte im Banksektor
Erwartet wird, dass sich auch Banken nach dem Sturm auf den Finanzmärkten neu aufstellen. Wie viele Stellen sie streichen müssen, um den neuen Zeiten gerecht zu werden, ist noch offen. Allerdings haben einige Geldinstitute wie etwa die Bank Austria bereits schmerzhafte Einschnitte hinter sich. Doch auch die einst boomende Software- und Computerindustrie steht vor schweren Zeiten: Der Softwarehersteller SAP hat bereits einen Aufnahmestopp verhängt. „Von den 35.000 Menschen, die 2009 auf den heimischen Arbeitsmarkt drängen, werden nur 10.000 Jobs finden“, fasst Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl die triste Arbeitsmarktlage zusammen.

20.000 Arbeitssuchende
Noch prognostizieren die Wirtschaftsforscher nur einen leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit von derzeit 3,9 Prozent auf 4,2 Prozent (Wifo) beziehungsweise auf 4,4 Prozent (IHS). Doch der Chef des Arbeitsmarktservice (AMS), Johannes Kopf, gibt sich skeptisch: „Die Auswirkungen der Finanzkrise auf den Arbeitsmarkt sind noch nicht zur Gänze abschätzbar.“ Zuletzt gab es beim AMS einen deutlichen Anstieg der im Frühwarnsystem zur Kündigung angemeldeten Beschäftigten. Im September wurde die Kündigung von 6.784 Personen anvisiert. Die Anmeldung ist eine Vorsichtsmaßnahme und bedeutet noch nicht, dass die Personen auch tatsächlich gekündigt werden. Aber sie ist ein deutliches Signal, dass Probleme auf den Arbeitsmarkt zukommen. Das AMS rechnet für 2009 mit zusätzlich 15.000 bis 20.000 Personen, die keinen Job finden werden.

Gestrichene Weihnachtsessen
Laut atradius-Studie reagieren 31 Prozent der Unternehmen auf die erschwerten wirtschaftlichen Bedingungen mit Investitionsverschiebungen, 30 Prozent wollen die Kosten reduzieren, und 18 Prozent müssen sogar die Einführung neuer Produkte hinauszögern. Gespart wird an allen Ecken und Enden: Der Markenartikelkonzern Henkel etwa verschiebt beziehungsweise streicht im vierten Quartal alle Aktivitäten, die nicht direkt im Zusammenhang mit Erträgen stehen. Das teilte der Vorstand in Deutschland allen Mitarbeitern, auch in Österreich, in einer Mail mit. Betroffen sind interne Weiterbildungsprogramme, Weihnachtsessen, Beratungsausgaben, Seminare sowie Reisen ohne Kundenbesuche. Auch SAP hat angekündigt, die Geschäftsreisen auf ein Minimum zu reduzieren.

Tourismusleiden sind Medienschmerzen
So bekommt auch eine andere Branche diese betrieblichen Sparmaßnahmen kräftig zu spüren: die Tourismusindustrie. „Das Budget für 2009 musste revidiert werden“, sagt Verkehrsbüro-Vorstand Norbert Draskovits. Nach einem mengenmäßigen Minus von zwei bis drei Prozent 2008 rechnet er für 2009 mit noch kräftigeren Einbußen. „US-Firmen streichen reihenweise Incentive-Reisen für Mitarbeiter, was die Hotellerie spürt. Die Firmen reduzieren die Geschäftsreisen.“ Auch bei den Urlaubsreisen ist eher Zurückhaltung angesagt, nicht zuletzt weil die Airlines Kapazitäten rausnehmen und daher Flugpreise steigen.
Weil die Einnahmen zurückgehen, muss auch das größte heimische Tourismusunternehmen kürzertreten: Das Verkehrsbüro kürzt das Anzeigenbudget von 4,5 auf 4 Millionen Euro. So wird 2009 auch für Medien ein besonders hartes Jahr, denn viele Unternehmen haben eine Reduktion ihrer Werbeschaltungen von 20 bis 30 Prozent vor.

Von Miriam Koch und Barbara Nothegger

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff