Falschgeld: Zinsfreie Alternativwährungen
fördern die Regionalentwicklung

Schwere Krisen sind das Resultat eines grundlegenden Systemfehlers, behaupten Verfechter von Alternativwährungen. Sie setzen deswegen auf selbst entwickeltes Geld – auch in Österreich mit erstaunlichem Erfolg.

Der eisige Wind und die karge Landschaft können Karl Immervoll schon lange nichts mehr anhaben. Aber dass im Waldviertel seit vielen Jahren eine Firma nach der anderen dichtmacht, bringt den Betriebsseelsorger richtig in Rage. Dabei ist Immervoll eigentlich ein bedächtiger Mann. Und einer, der praktisch denkt. Als der Theologe wissen wollte, wie viel Kaufkraft wirklich aus seiner 5.000-Seelen-Gemeinde Heidenreichstein abfließt, stellte er sich einfach vor die örtlichen Supermärkte und schaute den Käufern in die Körbe.

Zum Wohle der Region
Das verblüffende Ergebnis: Zwölf Millionen Euro gingen den ansässigen Betrieben Jahr für Jahr durch die Lappen, weil die meisten Einwohner ihr Geld lieber in den gesichtslosen Diskonter trugen als zu den Greißlern mit regionalem Sortiment. „Plötzlich war mir klar“, sagt Immervoll, „dass die Betriebe nur bleiben, wenn auch das Geld bleibt.“ Kurz darauf druckte der Pragmatiker sein eigenes Geld: den „Waldviertler“. Mit der Alternativwährung können Geneigte inzwischen schon bei Hunderten Betrieben zahlen, seit heuer ist sogar die Volksbank Oberes Waldviertel mit von der Partie. „Unserer Region haben wir damit etwas Gutes getan – und sehen uns auch für die gegenwärtige Krise besser gerüstet“, hofft Immervoll.

Der Fehler im System
Der Seelsorger ist nicht der Einzige, der das Wirtschaftssystem hinterfragt. Auch anderswo haben kritische Geister eigene Währungen auf die Beine gestellt. Diese verfolgen in der Regel zwei Ziele: Wertschöpfung in der Region und den Verzicht auf Zinsen, damit das Geld wirklich in Umlauf gebracht wird. Das fördert den privaten Konsums, den auch traditionelle Ökonomen als wichtigen Faktor zur Überwindung der Krise sehen.
Leute wie Tobias Plettenbacher verhelfen so einer revolutionären Idee aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts zu neuer Aktualität: dem Freigeld. Der Ökologe hat in seinem Buch über alternative Währungssysteme die „größte Wirtschaftskrise der Menschheitsgeschichte“ prognostiziert. „Inzwischen stecken wir schon drin – wenn auch noch ganz am Beginn“, sagt Plettenbacher.

Geld-Gebühr
Im Gegensatz zum Common Sense hält er jedoch nicht die zügellose Gier nach immer neuen Renditerekorden für die eigentliche Ursache des Finanzdebakels, sondern einen Kardinalfehler im Geldgefüge: den Zins. „Zinsbasierte Geldsysteme müssen irgendwann kollabieren“, erklärt Plettenbacher, der sich intensiv mit Wachstumskurven auseinandergesetzt hat, „weil Geldmenge und Gesamtverschuldung exponentiell anwachsen.“ Vor allem der Zinseszins kommt für Freigeldanhänger einem geradezu monströsen Mechanismus gleich (siehe Artikel ). Wie sollen aber ohne Zins jene entlohnt werden, die anderen Kapital gewähren? „Umgekehrt“, sagt der deutsche Freigeld-Spezialist Wolfgang Berger, „jene, die das nicht tun, sollten bestraft werden. Eine Umlaufsicherungsgebühr – eine Art Negativzins – müssten jene zahlen, die ihr Geld lieber hamstern, als es dem Wirtschaftskreislauf zur Verfügung zu stellen.“

Alt, aber aktuell
Die Idee zu einer solchen Geld-Gebühr stammt von Silvio Gesell, einem Ende des 19. Jahrhunderts in Argentinien lebenden deutschen Kaufmann, den die dortigen Krisen über strukturelle Geldprobleme nachdenken ließen. Da Bares im Gegensatz zu menschlicher Arbeitskraft oder Waren gehortet werden und dabei im Wert noch steigen kann, stünden dem Wirtschaftskreislauf stets zu wenig liquide Mittel zur Verfügung, analysierte Gesell. Und schlussfolgerte, Geldhorter stärker zu belasten. Wie im Waldviertel: Wer sich für das Regionalgeld entscheidet, tauscht 1:1 gegen den Euro. Zwei Prozent Gebühr zahlt, wer Scheine länger als ein Quartal hält. Diese Mittel fließen an regionale Hilfsprojekte. In und um Heidenreichstein kann bei über 200 Betrieben gezahlt werden, rund 15.000 Waldviertler sind dort im Umlauf. „500 Personen verwenden unser Geld regelmäßig“, schätzt Initiator Immervoll. Seit Jahresbeginn übernimmt sogar die Volksbank die Ausgabe der unverzinsten Waldviertler-Scheine.

Tiroler Testlauf
Dass ein solches System über das Experimentierstadium hinaus funktioniert, machen dessen Verfechter am Beispiel Wörgl fest. Als der Tiroler Ort während der Weltwirtschaftskrise in den 30er-Jahren bankrott war, veranlasste der Bürgermeister, eigens gedrucktes Geld mit Gebühr in Umlauf zu bringen. Der Erfolg war beeindruckend: Überall wurde investiert und gebaut, innerhalb von einem Jahr sank die Arbeitslosigkeit – entgegen dem Trend – von 21 auf 15 Prozent. Als „Wunder von Wörgl“ machte das Experiment international Furore, über hundert Gemeinden wollten sich dem Tiroler Vorbild anschließen. Die Nationalbank setzte dem Versuch allerdings 1933 ein jähes juristisches Ende, weil sie ihr Geldmonopol gefährdet sah – und Wörgl versank wieder in Armut.

Zeit ist Geld
Jüngeren Datums, aber ebenfalls in Tirol beheimatet ist das Geldprojekt „Tiroler Stunde“. Seit Anfang 2006 kann man in Innsbruck inzwischen in 26 Betrieben mit Stunden- und Viertelstundenmünzen bezahlen, wobei eine Stunde 20 Euro wert ist „oder auch eine Stunde der eigenen Zeit“, erklärt Initiator Georg Pleger ( im Bild ). Auf diese Weise kann jemand eine Ware für 20 Euro bezahlen, indem er dem Verkäufer eine Stunde seiner Arbeitskraft zur Verfügung stellt. Sozialforscher Pleger, der kürzlich einen Teil seiner Brille in der Stundenwährung beglichen hat, sagt: „So wird die Arbeitszeit selbst zum Tauschgut. Ich erhalte einen Teil meines Lohns schon in Tiroler Stunden.“

Talente als Alternative
Über das Teststadium ist Gernot Jochum-Müller bereits hinaus. Die von ihm 1996 ins Leben gerufenen Vorarlberger „Talente“ sind mittlerweile das drittgrößte Alternativgeldprojekt Europas. Eine Stunde Arbeitszeit ist hier 100 Talente wert, 2008 wurden 2,5 Millionen Talente umgesetzt. „Eigentlich noch viel mehr“, sagt Initiator Jochum-Müller, „Forschungen zeigen, dass 30 bis 50 Prozent der Umsätze gar nicht verbucht werden.“ Rund 1.800 Menschen tauschen regelmäßig Zeit. Jahr für Jahr wächst die Mitgliederzahl um knapp 15 Prozent. Zu den Vorteilen des Zeittauschs zählt, dass dadurch auch ehrenamtliche Tätigkeiten entlohnt werden können.

Inflationsfreie Stunden
Beliebt ist das Modell deswegen zum Beispiel in der Altenbetreuung: In Japan, dem Land mit dem höchsten Alten-Anteil weltweit, wird die Zeitwährung „Fureai Kippu“ in 400 Regionalgruppen von rund drei Millionen Menschen genutzt. Vorteil: Zeit ist inflationsgeschützt: Egal wie lange das Guthaben auf dem Konto liegt – eine Stunde bleibt eine Stunde.
Ein Vorreiter ist die Gemeinde Langenegg im Bregenzerwald. Fünfzehn Prozent der Haushalte zahlen dort mit Talenten, schon kurz nach der Einführung machte der Langenegger Nahversorger Talente-Umsätze im Gegenwert von 6.000 Euro monatlich. Inzwischen zahlt die Gemeinde auch sämtliche Förderungen nur mehr in Talenten – ob an Vereine, Landwirte oder für den Bau von Solaranlagen.

Regionalwährungen als Rettungsboot
Eine Verbindung aus Ökonomie und Ökologie versucht auch ein neues Projekt in Niederösterreich. Ein Teil der Euros, die dort gegen „Mostviertler“ getauscht werden, soll in zinsfreie Kredite für Ökoenergieanlagen fließen. „Damit bleibt das Geld in der Region – und zusätzlich fällt der Renditedruck weg, welcher derartige Anlagen oft verhindert“, sagt Rudo Grandits, der für seine Idee gerade die Werbetrommel rührt. Grandits hofft auf baldige Förderung, etwa durch den Klimafonds. Denn: „Gerade in Krisenzeiten sind Regiowährungen ein echtes Rettungsboot.“

Von Arndt Müller

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