Ex-US-Außenminister Kissinger analysiert in seinem neuen Buch Chinas Selbstverständnis

Ex-US-Außenminister Henry Kissinger analysiert in seinem neuen Buch Chinas Selbstverständnis.

In China herrscht die von der Regierung gestützte Einschätzung, dass die ersten zwanzig Jahre des 21. Jahrhunderts eindeutig eine „Periode der strategischen Chance“ für das Land darstellen.

… Die Formeln vom „friedlichen Aufstieg“ und einer „harmonischen Welt“ knüpfen an die Prinzipien der klassischen Ära an, die Chinas Größe zugrunde lagen: ein schrittweises Vorgehen, das Einstellen auf Trends und die Vermeidung offener Konflikte, aber auch tatsächliche oder territoriale Dominanz.

… Der Zusammenbruch der Finanzmärkte in Amerika und Europa in den Jahren 2007 und 2008 sowie das Schauspiel von Verwirrung und Fehlkalkulationen im Westen im Gegensatz zu Erfolgen in China haben dem Mythos von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Westens schwer geschadet. All das hat unter der lautstarken jungen Generation von Studenten und Internetnutzern sowie möglicherweise auch Teilen der politischen und militärischen Führung zu der neuen Sichtweise geführt, dass in der Struktur des internationalen Systems eine grundlegende Veränderung vor sich gehe.

Symbolischer Höhepunkt dieser Zeit war die Inszenierung der Olympischen Spiele in Beijing, während der Westen von der Wirtschaftskrise gebeutelt wurde. Die Spiele galten in China nicht nur als sportliches Ereignis, sondern als Ausdruck des Wiederaufstiegs des Landes. Die Eröffnungsfeier war von tiefer Symbolik geprägt. In dem gewaltigen Stadion gingen die Lichter aus. Genau acht Minuten nach acht Uhr abends am achten Tag des achten Monats des Jahres 2008 entsprechend der Glückszahl, nach der man dieses Datum für die Eröffnung der Spiele gewählt hatte, wurden 2.000 Trommeln geschlagen.

Sie erfüllten zehn Minuten lang mit ihrem Dröhnen den Raum, als wollten sie sagen: „Wir sind wieder da. Wir sind eine Tatsache, die nicht länger ignoriert oder herabgewürdigt werden kann. Wir sind bereit, der Welt unsere Zivilisation zu bringen.“ Danach sahen die Zuschauer in der ganzen Welt eine Stunde lang Bilder zu Themen aus der Geschichte der chinesischen Zivilisation. Chinas Zeit der Machtlosigkeit und Leistungsschwäche – man könnte sie auch Chinas „verlängertes 19. Jahrhundert“ nennen – wurde damit offiziell abgeschlossen. Beijing war wieder Zentrum der Welt, und die chinesische Kultur verdiente Ehrfurcht und Bewunderung.

… Kein Problem beschäftigt die chinesische Führung jedoch mehr als die Erhaltung der nationalen Einheit. Es kommt in dem häufig proklamierten Ziel der „sozialen Harmonie“ mit zum Ausdruck, die in einem Land schwer zu realisieren ist, dessen Küstenregionen auf dem Niveau moderner Gesellschaften sind, während sich im Landesinneren einige der rückständigsten Regionen der Welt befinden.

… Die demografische Entwicklung wird das Problem noch verschärfen. Dank der starken Anhebung des Lebensstandards und der höheren Lebenserwartung in Kombination mit den verzerrenden Folgen der chinesischen Ein-Kind-Politik ist China eine der am schnellsten alternden Gesellschaften der Welt. Schätzungen zufolge wird der arbeitsfähige Bevölkerungsanteil dort im Jahr 2015 den Höchststand erreichen. Ab diesem Zeitpunkt muss eine schrumpfende Menge chinesischer Bürger im Alter von 15 bis 64 eine wachsende ältere Bevölkerung ernähren.

Die demografischen Verschiebungen werden gewaltig sein: Im Jahr 2030 wird es auf dem Land schätzungsweise nur noch halb so viele Arbeitskräfte zwischen 20 und 29 Jahren geben wie heute. Bis 2050 wird ein Viertel von Chinas Bevölkerung (was etwa der gesamten heutigen Bevölkerung der Vereinigten Staaten entspricht) 65 Jahre und älter sein.

Ein Land, das vor so großen inneren Aufgaben steht, wird sich nicht unbedacht und schon gar nicht aufgrund eines Automatismus auf eine strategische Konfrontation oder einen Kampf um die Weltherrschaft einlassen.

- Henry Kissinger

Henry Kissinger wirkte an der Öffnung Chinas mit und erlebte eine Reihe chinesischer Führer. Seine Erfahrungen mit dem „Reich der Mitte“ hat er jetzt in einem Buch veröffentlicht.

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