Ex Magna-CEO Siegfried Wolf: „Österreich geht rückwärts“

Der frühere Magna-CEO Siegfried Wolf ist nun mit der Restrukturierung von Oleg Deripaskas Weltimperium beauftragt. Er spricht über sein ­neues Leben und ärgert sich über das Versagen der österreichischen Politik.

FORMAT: Herr Wolf, seit zwei Monaten arbeiten Sie für den russischen Oligarchen Oleg Deripaska in Moskau. Haben Sie sich schon akklimatisiert?
Siegfried Wolf: Ich war schon davor in der Gruppe von Oleg Deripaska Mitglied in einigen Aufsichts­räten, etwa beim Autobauer GAZ. Ich hatte also keinen Kaltstart, musste nicht bei Null anfangen.

FORMAT: Und, wie läuft es bisher?
Wolf: In vielen Bereichen funktioniert Russland besser, als viele glauben würden. Natürlich ist es ein anderes Arbeiten, mit ungewohnten Abläufen. Ich
bin Frühaufsteher, aber kaum ein Russe ist vor zehn Uhr im Büro, dafür geht es oft bis zehn am Abend. Manches funktioniert noch nicht so, wie es sollte, was mir aber Gestaltungs- und Veränderungsspielraum schafft. Das ist auch der Sinn meines Engagements.

FORMAT: Sprechen Sie eigentlich Russisch?
Wolf: Leider noch nicht. Aber ich werde es lernen, obwohl ich mit Englisch durchkomme. Hier arbeiten viele gut ausgebildete Leute aus der ganzen Welt.

FORMAT: Wie kommt ein Kritiker von politischem Einfluss auf die Wirtschaft mit der starken Rolle des russischen Staates zurecht?
Wolf: Die Beziehung zwischen dem Staat und den Industriebetrieben ist eng. Der Staat ist in allen Bereichen der größte Auftraggeber – das gilt für die Fahrzeugindustrie genauso wie für den Bausektor. Das erfordert einen hohen Abstimmungsaufwand, aber danach wird umgesetzt. Es gibt kein Hin und Her. Nicht wie in Österreich oder der EU, wo oft alles wieder gekippt wird. Ein gutes Beispiel ist die Verschrottungsprämie. Europa war monatelang mit der Vorbereitung beschäftigt. Ich habe mich damals bemüht, dass jene Autofirmen bevorzugt werden, die in Österreich einkaufen, aber das ist wegen EU-Richt­linien nicht gelungen. In Russland kam die Verschrottungsprämie schneller und wurde an die Bedürfnisse des Landes angepasst. Da wird rascher entschieden.

FORMAT: Ist Russland flexibler? Sie haben immer die Flexibilisierung der Arbeitszeiten eingemahnt.
Wolf: Und tue es noch. Das Thema wurde in der österreichischen Industrie leider gänzlich verabsäumt, was sich bitter rächen wird, wenn wir uns jetzt nicht massiv verändern. Die Wirtschaftsleistung verschiebt sich in neue Märkte, vor allem nach Fernost. Und was machen wir? Tatenlos zusehen. Natürlich können wir unsere Mitarbeiter nicht exportieren, aber wir müssen uns fit machen für neue Herausforderungen. Ich war gerade in China. Da kann man nur staunen.

FORMAT: Wie lauten Ihre Vorschläge?
Wolf: Wir müssen aufhören, nach Mittelmäßigkeit zu streben. Das beginnt bei der Gleichmacherei im Bildungssystem. Dabei sind unsere Universitäten in Rankings noch schlechter als die österreichische Fußball-Nationalmannschaft. Für die Zukunft des Landes bedeutet das nichts Gutes, denn die Globalisierung gibt es, ob wir wollen oder nicht. Und wir sind gerade in den letzten Jahren stark abgedriftet.

FORMAT: Und wie beurteilen Sie generell die politische und wirtschaftliche Entwicklung im Land?
Wolf: Was die Politik betrifft, ziemlich negativ. Und das wird mittelfristig nicht ohne Auswirkungen auf die Wirtschaft bleiben. Es ist niemand ­bereit, den Reformstau aufzulösen. Es fehlt die politische Leadership.

FORMAT: Viele Meinungsführer beklagen zurzeit den Stillstand …
Wolf: Stillstand ist noch zu optimistisch ausgedrückt. Es ist schlimmer: Österreich bewegt sich langsam rückwärts, die Lage verschlechtert sich. Wir waren sechs oder einige Jahre auf der Überholspur, jetzt nicht mehr. Ich erinnere mich, als der „Spiegel“ die Frage stellte: Ist Österreich das bessere Deutschland? Das würde heute niemand mehr machen. Wir haben in der Großen Koalition unsere gute Position gänzlich verloren.

FORMAT: Liegt das an der gegenseiti­gen Lähmung der Regierungsparteien?
Wolf: Es wird nicht gearbeitet. Und wenn nicht sehr schnell begonnen wird, die nächsten zwei Jahre, in denen nicht gewählt wird, für ernsthafte Arbeit an unseren Problemen zu nutzen, mache ich mir ernsthafte Sorgen um Österreich.

FORMAT: Wo sehen Sie die größten Probleme? Bei der Staatsverschuldung?
Wolf: Auch. Mit dem vorgelegten Budget wurde eine Chance vertan. Nur weil die Wirtschaft plötzlich wieder etwas besser funktioniert und dadurch mehr Steuereinnahmen bringt, wird wieder darüber nachgedacht, wie man Geld ausgeben kann anstatt an Strukturveränderungen zu arbeiten. Es fehlt generell an Dynamik. Ich bin Mentor an der Moskauer Universität: Sie sollten sich mal ansehen, wie dort die Post abgeht! Es ist höchste Zeit, dass Österreich und Europa aufwachen, sonst wird uns die Dynamik Russlands und Asien überrollen.

FORMAT: Sie waren unter Exkanzler Schüssel ein wichtiger Wirtschaftsberater. Was war damals besser als heute?
Wolf: Ich habe mich nicht als Berater gefühlt, sondern wurde zuweilen um ­meine Meinung gefragt. Nehmen Sie die ÖIAG, an der ich als Vizepräsident des Aufsichtsrates noch immer sehr interessiert bin. Dort wurde gute Arbeit geleistet – in Summe um die sieben Milliarden Euro erlöst, und die verbliebenen Beteiligungen sind trotzdem doppelt so viel wert wie früher das ganze Portfolio. Und was passiert? Teile der Politik wollen die ÖIAG auflösen, um direkten Zugriff auf die Unternehmen zu erhalten. Und wir werden kritisiert, weil wir einen neuen Vorstandschef ausgeschrieben haben. Da wird Wirtschaft mit Politik verwechselt.

FORMAT: Nach dem Verkauf der AUA …
Wolf: An dem ich ja beteiligt war. Hätten wir das nicht getan, gäbe es weder AUA noch die Arbeitsplätze – dafür aber einen hohen Schuldenberg.

FORMAT: Das Argument lautet, dass nach dem AUA-Verkauf die Staatsholding nur noch drei Beteiligungen verwaltet und die Struktur dafür eben zu teuer sei.
Wolf: Erstens wäre es sinnvoll, der ÖIAG weitere Staatsbeteiligungen zu übertragen. Zweitens gibt es auch im bestehenden Portfolio noch Spielraum für Privatisierungen. Das muss ein Ziel bleiben – mit einer Zweckbindung der Erlöse für Bildung und andere Reformen.

FORMAT: Sie klingen besorgt. Wieso geht einem global agierenden Manager die österreichische Kleinkariertheit so nahe?
Wolf: Stimmt, ich könnte mich fragen: Warum rege ich mich eigentlich auf? Ich habe ohnehin ausgesorgt. Aber die Zukunft Österreichs ist für mich ein sehr emotionales Thema. Ich hoffe auf einen Ruck in der Gesellschaft. Da müssen auch die Medien helfen.

FORMAT: Zurück nach Russland. Welche Rolle kann der riesige Staat im internationalen Wettbewerb spielen?
Wolf: In Russland weiß man genau, dass Rohstoffe allein nicht ausreichen und dass der warme Regen der Hochkonjunktur, als viel Geld ins Ausland geschafft wurde, vorbei ist. Wenn die Russen sagen, dass sie einen Wirtschaftsraum sehen, der sich von Lissabon bis nach Wladiwostok erstreckt, dann meinen sie es so.

FORMAT: Bietet Russland auch als Markt gute Chancen?
Wolf: Keine Frage. Der durchschnittliche Russe hat acht Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung und braucht eineinhalb Stunden in die Arbeit. Es müssen viele Infrastrukturprobleme gelöst werden. Geld dafür ist da, und die Russen wollen mit den Europäern arbeiten. ­Russen und Österreicher sind einander in Sachen Handschlagqualität nicht unähnlich. In China läuft es anders: Dort ist alles etwas unberechenbarer.

Interview: Silvia Jelincic, Andreas Lampl

Das gesamte Interview lesen Sie im aktuellen FORMAT Nr. 3, ab Seite 22

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