Ex-Finanzminister & Medici-Aufsichtsrat Lacina: "Mir war Madoff kein Begriff"

Ex-Finanzminister Ferdinand Lacina, Aufsichtsrat der Bank Medici, über den Betrugsfall Madoff, die Konsequenzen – und warum niemandem etwas aufgefallen ist.

FORMAT: Die Bank Medici steht an vierter Stelle der Opfer des Finanzinvestors Bernard Madoff und seines Schneeballsystems. 80 Prozent der Provisionen wurden mit Madoff-Fonds verdient. Wussten Sie das als Aufsichtsrat?
Lacina: Ich habe den Namen Madoff zum ersten Mal gehört, als sein Schneeballsystem publik wurde. Das waren Fonds der Bank HSBC. Ich weiß nicht, ob sonst irgendwer im Aufsichtsrat wusste, dass sich die eines zweiten Treuhänders bedient hatten.
FORMAT: Es wäre aber leicht herauszufinden gewesen.
Lacina: Selbst wenn: Mir hätte der Name Madoff vor dem Skandal nichts gesagt. Aber auch die, die ihn kannten, haben in gutem Glauben mit ihm Geschäfte gemacht – dar­unter die größten Banken der Welt. Es wäre also vermutlich auch kein Verdacht aufgekommen, wenn ich gewusst hätte, dass das Madoff-Fonds sind.

"Aus einer Hand voll Fonds"
FORMAT: Wurde das denn nie berichtet?
Lacina: Nein, der Name Madoff ist nie gefallen. Ich weiß auch nicht, ob Madoff an die Bank direkt berichtet hat.
FORMAT: War nicht die Streuung viel zu gering?
Lacina: Wir wussten natürlich, dass ein großer Teil der Provisionen aus einer Hand voll Fonds kommt. Das kann man kritisieren. Aber niemand hat damit gerechnet, dass die Wertpapiere gar nicht da sind. Mir ist angesichts der täglichen Berichtspflicht an die Aufsicht in den USA bis heute nicht klar, wie das funktioniert hat.
FORMAT: Welche Konsequenzen werden in der Bank ­Medici gezogen?
Lacina: Die erste Konsequenz ist der Regierungskommissär. Ob es ein neues Geschäftsmodell geben kann, wird in den nächsten Tagen entschieden. Aber das ist Sache der ­Eigentümer.

"Sonja Kohn zutiefst enttäuscht"
FORMAT: Fragen Sie sich, wem man überhaupt noch trauen kann?
Lacina: Ich kannte Madoff nicht. Frau Kohn aber steht in hohem Maße vor den Trümmern ihres Lebenswerkes. Sie ist zutiefst enttäuscht und fühlt sich außerordentlich schlecht – das ist mein Eindruck nach den Gesprächen der letzten Tage. Ich glaube allerdings nicht, dass es zwischen Frau Kohn und dem Aufsichtsrat Grund zu Misstrauen gab.
FORMAT: Aber der Vorstand und Frau Kohn müssen ja gewusst haben, dass ein Großteil des Geschäftes mit einem einzigen Investor gemacht wird.
Lacina: Im Nachhinein weiß man immer besser, welche Fragen man hätte stellen sollen. Aber die Entwicklung der Fonds bot keinen Anlass zu Misstrauen: Sie haben sich fast geradlinig entwickelt, und zwar jahrelang unter dem Markt. Da kommt einem kein Verdacht. Was ich mich jetzt frage: War das von Anfang an als Betrug angelegt? Oder wann wurde damit begonnen?
FORMAT: Die erste Reaktion der Bank Medici war: „Es ist alles in Ordnung.“ Warum?
Lacina: Wenn Schwierigkeiten auftreten, gibt es immer wieder die Reaktion, sie zunächst einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen.

"Bei Gutmann alles in Ordnung"
FORMAT: Aus einem weiteren Aufsichtsrat sind sie vor kurzem ausgetreten: beim Autozulieferer Eybl, der nun in Ausgleich ist. Weshalb?
Lacina: Das war lange vorher. Es gab, da Rudolf Fries über 90 Prozent der Aktien ­besitzt, keinen Grund mehr für einen Vertreter unabhängiger Aktionäre im Aufsichtsrat.
FORMAT: Bei Eybl gab es seit Januar Vorwürfe der Bilanzfälschung.
Lacina: Schon kurz nach meinem Eintritt gab es dort Schwierigkeiten, der Vorstand wurde ausgewechselt. Der neue Vorstand hat viel geschafft, war aber systematisch zu optimistisch. Ich weiß nicht, ob man von Bilanzfälschung sprechen kann – aber es wurde fakturiert und ausgeliefert, bevor bestellt wurde, und Lieferantenrechnungen wurden nicht gezahlt. Deshalb sind uns die Schwierigkeiten lange nicht aufgefallen. Noch dazu bei einem Regime, in dem der Überbringer schlechter Nachrichten geköpft wird: Dann werden eben nur gute Nachrichten überbracht.
FORMAT: Sie sind noch bei einer weiteren Bank im Aufsichtsrat: der Bank Gutmann. Sind Sie sich dort sicher, dass alles in Ordnung ist?
Lacina: Das war ich auch bei der Bank Medici (lacht.) Aber bei Gutmann bin ich absolut sicher. Auch da gibt es Wertberichtungen, das gehört zum Bankgeschäft. Aber das Geschäft ist breit gestreut.

Madoff-Opfer Bank Medici
Die Wiener Bank Medici liegt mit einem potenziellen Schaden von mehr als drei Milliarden Dollar an vierter Stelle der Madoff-Opfer. Gegründet wurde Medici von Sonja Kohn, die auch 75 Prozent der Aktien hält. Der Rest gehört der Bank Austria. Laut „New York Times“ soll Kohn nun untergetaucht sein, weil sie die Verfolgung durch ver­ärgerte Oligarchen befürchtet. Denn ein Großteil der Milliardenverluste soll Russen und Israelis betreffen.

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