Eurozone: Die Crash-Szenarien

2012 wird das Schicksalsjahr für die Zukunft des Euro. Bereits jetzt tüfteln internationale Law-Firms clevere juristische Strategien für ihre Business-Kunden aus.

Es ist zwei Uhr in der Nacht, als das Telefon Sie aus dem Schlaf reißt. Um diese Zeit kann das nichts Gutes bedeuten. Ihr Boss schreit in den Hörer: „Griechenland ist aus dem Euro ausgetreten. Der Rest der Peripherie schwankt. Die Märkte sind in Panik. Sofort ins Büro. Jetzt!‘“

So begann das renommierte Finanzblatt „Wall Street Journal“ vorigen Freitag eine Analyse zum inzwischen salonfähigen Thema „Euro Zone Breakup: The Day After“. Gleich neben der Online-Version der Story prangte eine Werbung für das Remake des alten Horrorthrillers „Panic in Year Zero – When Civilisation Came to an End“.

Entfesselte Ängste

Die US-Zeitung schlägt damit in die gleiche Kerbe wie fast alle namhaften Institutionen rund um die Welt. Es gibt derzeit kaum eine Regierung oder Notenbank, ein Geldhaus oder einen Großkonzern, die sich nicht über den möglichen Zusammenbruch der Eurozone Gedanken machen. Bei Durchsicht der inzwischen zahllosen Strategiepapiere kristallisieren sich dabei vier grobe Crash-Szenarien heraus. Die Aufteilung der 17 Euro-Länder in zwei Kernzonen. Der Ausstieg Deutschlands aus dem Euro. Das Adieu mehrerer schwacher, sowohl kleiner als auch größerer Volkswirtschaften zur gemeinsamen Währung. Und deren völliger Zusammenbruch (siehe unten ).

Die Stunde der Juristen

Inzwischen werden solche Planspiele auch auf ihre Auswirkungen auf das Realgeschäft vieler Unternehmen abgeklopft. Und so zerbricht sich nun ein Heer von Top-Juristen der großen internationalen „Law- Firms“ – etwa Baker & McKenzie, Clifford Chance oder Slaughter & May – die Köpfe über alle nur möglichen vertragsrechtlichen Folgen für ihre Business-Kunden. „Die Klienten rennen uns die Tür ein und fragen, was sie tun sollen, wenn sie plötzlich wieder mit Drachmen, Lire oder D-Mark konfrontiert sind“, berichtet der Rechtsanwalt Georg Diwok (Bild) von Baker & McKenzie Österreich. „Die rechtlichen Auswirkungen auf bestehende und zukünftige Geschäfte, vor allem wenn Kredite im Spiel sind, sind natürlich enorm.“

Noch ist dies für die Law-Firms braches, indes lukratives Neuland. Gegen einen möglichen Euro-Crash empfehlen sie vereinfacht gesagt vorab eine Art Mittelwegsstrategie zwischen geordneter und ungeordneter Restrukturierung der Schuldnerstaaten. Die sieht im Prinzip so aus: Bei jedem Kreditverhältnis – und solche sind oft Teil eines realen Waren- oder Investitionsgeschäftes – sollten mehrere juristische Vertragsdetails überprüft werden. Unter welches Hoheitsrecht, etwa griechisches, britisches oder österreichisches, fällt die Vereinbarung? Wo ist der Gerichtsstand? Wo ist die Schuld zu erfüllen, also der Zahlungsort? Gibt es bei Zahlungsausfall oder Abschlägen aufgrund einer Währungsabwertung Auslandsvermögen, das man kassieren könnte?

Diwok: „Die meisten Standardverträge sehen eine Zahlung in Euro vor. Wir glauben, dass dieser von der Londoner ‚Loan Market Association‘ in weiser Voraussicht als Zahlungsmittel der Eurozone und nicht nur eines Mitgliedslandes definiert wurde. Und zwar für den Fall, dass ein Land eine neue Währung einführt und abwertet. Nicht, weil dort zufällig der Euro galt. Wenn etwa ein britisches Gericht das auch so sieht, müsste weiter in Euro bezahlt werden. Und die Forderung kann wie bei jedem Zahlungsausfall exekutiert werden.“

Die Crash-Szenarien:

1. Bewältigbar: Zwei neue Euro-Kernzonen entstehen

Was passiert. Salopp gesagt: Die 17 Euroländer werden sich in eine stärkere, wahrscheinlich rund um Deutschland gruppierte „Nord-Zone“ und eine schwächere, vermutlich um Italien kreisende „Süd-Zone“ aufteilen. Die EZB wird weiterhin über die Kontrolle der Geldpolitik in beiden Zonen verfügen. Allerdings wird es unterschiedliche Zinssätze, separierte Geldversorgung und differierende Inflationsziele geben.

Die Vorteile. Diese neue Peripherie-Eurozone erhält eine Verschnaufpause. Nach einer Restrukturierung der Finanzlage könnten erfolgreiche Reformländer wieder in die Haupt-Eurozone eintreten.

Die Nachteile. Die Umsetzung einer Zwei-Zonen-Lösung dauert, und in der Zwischenzeit dürfte sich die Kapitalflucht verstärken. Schwache Euroländer hätten weiterhin Refinanzierungsprobleme. Die gesamte Glaubwürdigkeit des Euro-Projekts wäre unterminiert.

Die Bedenken. Dieses sanfte „Euro-Crash“-Szenario wird zwar in höchsten EU-Ebenen intensiv durchdacht, erscheint aber Experten wegen der Kapitalflucht-Gefahr aus Südzonen-Euroländern als wenig attraktiv.

2. Sonderbar: Deutschland steigt alleine aus dem Euro aus

Was passiert. Weil deutsche Steuerzahler nicht weiter für die Schulden aufkommen wollen, kann sich die Regierung dem Druck des Stammtisches kaum mehr erwehren, und Deutschland führt die D-Mark wieder ein.

Die Vorteile. Als stärkstes Euroland mit hohem Handelsbilanzüberschuss wäre Deutschland auch im Alleingang gut für den internationalen Wettbewerb gewappnet. Obwohl eine starke Mark die Exporteure schmerzt, sind viele Güter aus Deutschland aufgrund ihrer hohen Qualität und technologischen Einzigartigkeit nicht so leicht durch billigere zu ersetzen. Außerdem würden kleinere Peripherie-Volkswirtschaften von der Bürde des schweren Euro-Ankers befreit.

Die Nachteile. Eine starke Mark ist natürlich ein zweischneidiges Schwert und schadet großen Teilen der Exportwirtschaft. Der Handel mit der schwächeren Eurozone könnte kollabieren. Ein Ausstieg aus dem Euro würde das Ende der EU-Mitgliedschaft des Gründungsstaates Deutschland bedeuten.

Die Bedenken. Ein derart allein stehendes Deutschland will aus historisch-politischen Gründen keiner.

3. Denkbar: Einige schwächere Länder verlassen die Eurozone

Was passiert. Kleine Peripherie-Länder wie etwa Griechenland und Portugal und/oder auch größere, aber angeschlagende Volkswirtschaften wie Italien und Spanien treten aus dem Euro aus. In beiden Fällen gilt das aber als Eintritt der Zahlungsunfähigkeit („Default“) für ihre Euro-Schulden. Solche Länder würden wohl auch strenge Kapitaltransferregeln erlassen, um eine Kapitalflucht zu verhindern.

Die Vorteile. Vor allem die Selbstbestimmung der Fiskal- und Geldpolitik der jeweiligen Länder. Ebenso eine rechnerische, signifikante Reduktion des Auslandsschuldenstands. Und die verbleibenden Euroländer wären die Transferzahlungsdebatte los.

Die Nachteile. Sowohl Staaten, die diesen Weg wählen, als auch deren Gläubiger würden immens leiden. Schuldnerländer würden zu internationalen Parias mit wenig Chancen auf Refinanzierung. Den anderen drohen gigantische Vermögensverluste und Pleitewellen.

Die Bedenken. Wegen der hohen Kosten für alle will niemand einen Euro-Austritt von schwächeren Ländern. Aber die Option ist längst nicht vom Tisch.

4. Furchtbar: Der Euro, wie man ihn kennt, bricht zusammen

Was passiert. Das Worst-Case-Szenario könnte dann eintreten, wenn die Politik von sich aus beschließt, das Projekt Währungsunion zu beenden, oder unfähig ist, die europäische Schuldenkrise zu lösen. Das könnte auf einmal geschehen oder in Schritten wie bei der Auflösung der UdSSR. Sobald die Kraft der EZB zum Schuldenaufkauf erschlafft, flüchtet das letzte Kapital. Es kommt zu einer Kernschmelze auf den Anleihe- und anderen Finanzmärkten, zu Bankpleiten en masse und dem Ende der EU, wie man sie kennt.

Die Vorteile. Auf absehbare Zeit sind keine zu erkennen. Längerfristig böte so ein Desaster die politische Chance, aus den Fehlern zu lernen.

Die Nachteile. In den Worten von Winston Churchill: „Blood, Sweat and Tears“. Anders gesagt: Pleiten, Arbeitslosigkeit, Unruhen, Konflikte aller Art. Oder wie es der deutsche Exbundeskanzler Helmut Schmidt jüngst ausgedrückt hat: „Die Marginalisierung Europas“.

Die Bedenken. Diese Option ist derart furchterregend, dass sie sich niemand in allen Details ausmalen will. Doch alleine, dass sie herumgeistert, ist gespenstisch.

– Rainer Himmelfreundpointner

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