"Europa ist zu teuer"

"Europa ist zu teuer"

FORMAT: Die voestalpine errichtet eine neue Produktionsstätte in Nordamerika. Warum baut sie das Werk nicht in Europa?

Wolfgang Eder: Der alleinige Grund dafür ist, dass die Kosten in Europa mittlerweile viel zu hoch wären. Das gilt für Energiepreise, für Steuern und Abgaben, für die Personalkosten, die Aufwendungen für Umwelt- und Klimaschutz und vieles andere.

Welchen Kostenanteil machen diese Faktoren in der Stahlproduktion aus?

Eder: Die Personalkosten machen rund 16 Prozent der Kosten aus, 15 Prozent entfallen auf den Energiebereich. Das sind große Kostenblöcke. In Nordamerika macht der Gaspreis etwa ein Viertel des europäischen Gaspreises aus, Strom ist um etwa ein Drittel günstiger. Hinzu kommt, dass die Lohnkosten bei vergleichbaren Ausbildungsniveaus um rund 25 Prozent niedriger liegen als in Österreich. Diese Kostenvorteile können wir in Europa auch durch eine etwas bessere Produktivität nicht mehr ausgleichen. Man kann in den USA im klassischen Industriebereich alles in allem um mindestens 15 Prozent günstiger produzieren.

Bedeutet das das Todesurteil für Europas Industrie?

Eder: So drastisch würde ich es - noch - nicht formulieren. Wenn wir in den nächsten fünf Jahren in Europa aber keine Trendwende hin zu einer nachhaltigen Kostenreduktion schaffen, werden sich Industriebetriebe gezwungenermaßen vermehrt neue Standorte außerhalb Europas suchen. Wir werden spätestens dann eine Entindustrialisierung erleben, die wir in der Folge nicht mehr rückgängig machen können. Damit wird uns die treibende Kraft für Arbeitsplätze und Wohlstand fehlen. Sie fehlt in einigen Ländern schon jetzt. So etwa ist in Großbritannien, dem Mutterland der Industrialisierung, nicht mehr damit zu rechnen, dass die Industrie zurückkehrt. Es fehlen inzwischen die dafür ausgebildeten Menschen. Die USA haben das Problem gerade noch rechtzeitig erkannt. Vom Präsidenten abwärts steht dort die Politik hinter dem Plan, die industrielle Produktion zurück ins Land zu holen. Vor allem auch, um dadurch etwas gegen die hohe Arbeitslosigkeit zu tun.

Der politische Wille ist prinzipiell auch in der EU da - aber reicht er aus?

Eder: Ich kann dazu nur feststellen: Die Botschaft hör ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube. Da werden blumige Reden geschwungen, aber wirklich passiert ist nichts außer der Ansage, dass der Anteil der Industrie an der Wirtschaftsleistung bis 2020 EU-weit von 16 auf 20 Prozent steigen solle. Wir werden weiter Dahinlavieren und an Boden verlieren - ich habe diesbezüglich keine Erwartungen.

Was müsste geschehen, um die industrielle Basis tatsächlich zu stärken?

Eder: Wir brauchen endlich die richtigen Rahmenbedingungen in Europa. Strukturreformen müssen sicherstellen, dass Forschung und Entwicklung sowie Bildung und Ausbildung wieder an das Niveau der global taktgebenden Regionen herangeführt werden. Nur so halten wir langfristig mit. Außerdem müssen wir gerade in Österreich, aber auch europaweit die Abgabenbelastung senken, sie ist für Unternehmen genauso wie für leistungsbereite Menschen abschreckend. Und nicht zuletzt müsste die europäische Politik ihre Entscheidungen an langfristiger Planbarkeit und Kalkulierbarkeit orientieren. Das passiert nicht. Der Handel mit CO2-Emmissionszertifikaten etwa ist ein Synonym für die Nichtplanbarkeit der europäischen Politik, im Halbjahrestakt gibt es dort neue Ansätze. Für eine Industrie, deren Planungszyklen 30, 40 Jahre weit reichen, weil die Investitionen entsprechend teuer sind, ist das Gift.

Das heißt: Umweltschutz oder Industrie?

Eder: Nein, beides ist vereinbar, allerdings mit Maß und Ziel. Europa ist für elf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Siedelt die gesamte Stahlbranche aufgrund technisch nicht machbarer CO2-Vorgaben ab, spart man in Europa etwa ein Zehntel dieses Ausstoßes ein. Weil die Produktion dann aber dort erfolgt, wo es weniger rigide Vorschriften gibt, steigen die Emissionen weltweit. Diese Politik kann ich nicht nachvollziehen. Viel sinnvoller wäre es, wenn Europa für weltweit einheitliche Standards auf einem ambitionierten, aber technisch realistischen Niveau kämpfen würde.

Europas Energieproblem löst das aber nicht.

Eder: Man wird an Schiefergas herangehen müssen. Als Zweiteffekt kann man dann auch mit Russland, dem wichtigsten "externen“ Energielieferanten, einigermaßen auf Augenhöhe verhandeln.

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